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Valentino Rossi : Held von trauriger Gestalt

Auf Abschiedstournee: Valentino Rossi und seine Ducati Bild: dpa

Motorradstar Valentino Rossi flüchtet von Ducati und will sich bei Yamaha rehabilitieren. Dort trifft er wieder auf seinen Erzrivalen Jorge Lorenzo. Beide ließen schon mal eine Trennwand in ihrer gemeinsamen Box aufziehen.

          3 Min.

          Echte Liebe war es nie - und doch ist ein italienischer Traum zerplatzt. Nicht einmal zwei Jahre nach der Vertragsunterschrift, nach großen Hoffnungen und markigen Worten gehen Valentino Rossi und Ducati wieder getrennte Wege. Es war diese eine Nachricht, welche die gesamte Szene zuletzt in Aufruhr versetzt hat. „Wir waren einfach nicht gut genug, wir hatten keine Chance auf den Titel“, sagt Rossi. Es sind Worte, die einer Kapitulation gleichen. Und es ist ein Teamwechsel, der an eine Flucht erinnert. Im kommenden Jahr wird Rossi in der MotoGP-Kategorie wieder auf einer Yamaha an den Start gehen, er kehrt zu jenem Rennstall zurück, mit dem er seine letzten Erfolge erlebte. „Genug ist genug“, sagt der Dreiunddreißigjährige. „Ich muss herausfinden, ob ich noch gut genug bin für Startplätze in der ersten Reihe, ob ich noch um Plätze auf dem Podium oder sogar um Siege kämpfen kann.“ Ein Meister zweifelt an den eigenen Fähigkeiten.

          Ein Mythos bröckelt

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rossi ist noch immer der schillerndste Motorradrennfahrer der Gegenwart, und bis vor kurzem galt er für viele sogar als der Beste in der Geschichte dieses Sports. 105 Rennen hat er gewonnen, neun Mal wurde Rossi in vier verschiedenen Klassen für drei verschiedene Marken (Aprilia, Honda und Yamaha) Weltmeister. Doch derzeit ist der Italiener nur noch ein Held von trauriger Gestalt, der das Lachen verloren hat und die alte Leichtigkeit sucht. Vor dem Rennen in Brünn am Sonntag liegt Rossi nur auf Platz acht der Gesamtwertung, in den vergangenen siebzehn Monaten durfte er nur zwei Mal an einer Siegerehrung teilnehmen - und bekam kein einziges Mal den größten Pokal. Ein Mythos bröckelt - doch seine Landsleute stärken ihm weiter den Rücken: „Machen wir uns nichts vor, es gibt niemand Vergleichbaren. Er ist ein Segen für diesen Sport“, sagt der dreimalige Weltmeister Luca Capirossi. „Die MotoGP braucht ihren Champion, ihren Helden wieder an der Spitze. Der beliebteste Fahrer kann keine Nebenrolle spielen. Wir alle brauchen dieses pure Adrenalin, das uns in den vergangenen beiden Jahren vielleicht gefehlt hat.“

          Neue Herausforderung: Jorge Lorenzo bekommt einen prominenten Teamkollegen

          Ohne einen Valentino Rossi, der um Siege und Titel kämpft, ist die spektakulärste Rennserie auf zwei Rädern eine andere. Beinahe überall melden die Veranstalter derzeit rückläufige Zuschauerzahlen an den Rennwochenenden, selbst Typen wie der Australier Casey Stoner (Honda), außergewöhnliche Fahrer wie der Spanier Daniel Pedrosa (Honda) oder der ehemalige Rossi-Rivale Jorge Lorenzo (Yamaha) können das Vakuum derzeit nicht füllen. Rossi hat dem Motorradsport ein Gesicht gegeben, mehr als ein Jahrzehnt war sein Name die Garantie für hohe Einschaltquoten und volle Tribünen - und nun sehnen sich die Hauptdarsteller der Branche danach, dass er zu alter Stärke zurückfindet. Nach Schätzungen zahlte Ducati rund dreißig Millionen Euro für die Dienste von Rossi, und offenbar wäre der Konzern nach der Übernahme von Audi bereit gewesen, mindestens genauso viel noch einmal zu investieren. Yamaha muss scheinbar weniger überweisen. Geld hat der Italiener schließlich genug, was ihm fehlt, ist die nötige Zeit für einen gebührenden Abschluss seiner Karriere.

          Trennwand in der Garage

          Doch das Yamaha-Team der Gegenwart ist ein anderes als jenes, das Rossi vor knapp zwei Jahren verlassen hat: „Jorge wird die Nummer eins im Team sein, es ist eine interessante Situation.“ Rossi und Lorenzo - unterschiedlicher können zwei Charaktere kaum sein. Dort der Clown der Szene, da der Schweiger. Während sich Rossi gern inszeniert, stapft Lorenzo oft mit mürrischer Miene umher und ignoriert seine Umwelt, so gut es eben geht. Nun prallen beide wieder aufeinander. „Ich habe mich nie darum gekümmert, wer mein Teamkollege ist, und das werde ich auch jetzt nicht tun“, behauptet Lorenzo. „Ich habe mit niemandem ein Problem. Ich habe großen Respekt vor Valentino. Wenn er mich um einen Gefallen bittet, werde ich ihm helfen.“

          Das war einmal anders. 2008 wechselte Lorenzo zu Yamaha in die MotoGP-Klasse - und forderte sogleich den Superstar heraus. Keiner traute dem anderen, in der Garage wurde eine Trennwand aufgezogen, so dass die Ingenieure und Mechaniker der beiden nicht sehen konnten, was der jeweils andere vorhatte. Eine Zeitlang sollen Rossi und Lorenzo nicht einmal mehr miteinander gesprochen haben. So etwas soll es künftig allerdings nicht mehr geben. „Wir werden eng mit Jorge zusammenarbeiten, wenn es für Jorge in Ordnung ist. Ich habe kein Problem damit“, sagt Rossi.

          Unklar ist, welche personellen Konsequenzen seine Rückkehr haben wird. Als Rossi zu Ducati ging, brachte er gleich einen ganzen Stab von Experten mit, darunter seinen Chefingenieur Jeremy Burgess. „Ich glaube, meine Crew wird mitkommen. Es ist aber noch nicht zu 100 Prozent entschieden, es müssen noch Details geregelt werden.“ Es sind die Vorbereitungen für seinen nächsten Angriff, für seinen letzten Angriff. Bis 2014 ist der Vertrag bei Yamaha datiert, dann wird Rossi 35 Jahre alt sein. „Der zehnte Titel ist ein Traum und auch das Ziel“, sagt Rossi. „Ich brauche aber ein Motorrad, mit dem ich es genießen kann. Zu diesem Zeitpunkt meiner Karriere muss ich genießen und kämpfen können, damit ich an der Rennstrecke glücklich bin.“

          Genau das ist schon jetzt der Makel seiner Laufbahn. Rossi hat Honda und Yamaha aus dem Mittelmaß zu Weltmeisterehren geführt, doch ausgerechnet mit der italienischen Edelmarke Ducati ist er daran gescheitert. „Ich muss sehen, ob ich noch ein Topfahrer bin. Nach zwei Jahren wie diesen weiß das niemand.“ Aber viele werden ihn ganz genau beobachten und an jenem Valentino Rossi messen, der dieser Mann einmal war.

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