https://www.faz.net/-gtl-8a8ao

Toto Wolff im Gespräch : „Die Formel 1 wird schlecht geredet“

Der Chefstratege des Weltmeisters: Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Bild: Imago

Mercedes-Teamchef Wolff verdient viel Geld mit dem Erfolg des Rennstalls. Im F.A.Z.-Interview spricht der Österreicher über die Zukunft der Serie, über Nörgler und warum Weltmeister Hamilton keine Dankbarkeit erwarten darf.

          7 Min.

          Torger Christian „Toto“ Wolff, 43 Jahre alter Investor aus Wien, ist seit Anfang 2013 Motorsportchef bei Mercedes und Miteigentümer des Formel-1-Rennstalls, dessen Aufsichtsratsvorsitzender der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda ist. 2014 und 2015 gewann der Rennstall die WM der Konstrukteure, Lewis Hamilton jeweils den Fahrertitel. Wolffs Vertrag läuft bis Ende 2017.

          War die Saison 2015 für Sie als Mercedes-Teamchef noch besser als die Saison 2014?

          Ja, die Saison war besser. Wir sind letztes Jahr, mit den neuen Regularien, richtig gut aus den Blöcken gekommen. Dieses Jahr war die Bestätigung, dass unsere Organisation in der Lage ist, diesen Erfolg zu wiederholen. Alles ist so kurzlebig in der Formel 1, dass das gestrige Ergebnis nichts mehr zählt.

          Werden Sie in ein paar Jahren sagen, dass es ab Ende der Saison 2015 nur noch bergab ging, weil die Konkurrenz zwangsläufig aufholen wird?

          Den Vorsprung, den wir 2014 und 2015 hatten, der ist vermutlich nicht zu halten. Auf Grund einer simplen Logik, die für jede Industrie gilt: Wenn Du technischen Vorsprung hast gegenüber den Mitbewerbern, ist es logisch, dass die Lernkurve abflacht und immer größeres Investment, immer größerer Aufwand gefordert ist, um immer geringer werdende Vorteile auszubauen. Während andere eine steilere Lernkurve haben. Die Kurven nähern sich an. Das ist das law of diminishing returns (Gesetz des sinkenden Grenzertrags, d.Red.). Das passiert. Auch in der Formel 1. Wir gehen das Thema bewusst an: Wo können wir Ressourcen einsetzen? Müssen wir verlagern? In andere Bereiche, wo wir größere Fortschritte machen können ...

          ... mehr Ressourcen einsetzen?

          Mehr Ressourcen einsetzen. Müssen wir die Organisation restrukturieren? Bis zum Punkt, an dem wir uns fragen müssen, ob wir uns neu erfinden müssen in gewissen Bereichen. Das ist ein interessanter Prozess.

          Neu zu erfinden? Sie sagen aber nicht: unser Rennwagen ist soweit ausgereizt, wir brauchen ein ganz neues Reglement, zum Beispiel ab 2017, um das Spiel von vorne zu beginnen. In der Diskussion um ein geändertes oder ganz neues Reglement gibt es doch für Mercedes, das beste Team der Formel 1, keinen Grund zu sagen: Das wollen wir.

          Es gibt mehrere Ansätze. Wenn man sich das law of diminishing returns anschaut – darf ich das verwenden?

          Gerne.

          Wolff malt eine x- und eine y-Achse in einen Notizblock. Die x-Achse definiert er als Zeitstrahl von 2014 bis 2017. Die y-Achse bleibt undefiniert, soll aber den Ertrag zeigen. Wolff zeichnet zwei Kurven, eine steil, eine flach ansteigend. Die steile Kurve soll Mercedes sein, die flache der stärkste Konkurrent. Im Laufe des Jahres 2016 treffen sich die Kurven.

          Jetzt kommst du gut aus den Blöcken. Da siehst Du so aus. Der andere kommt schlecht aus den Blöcken, dann sieht die Kurve so aus. Irgendwann einmal kreuzen sie sich. Das bedeutet, dass theoretisch für uns eine Reglementveränderung, hier in 2017, der optimale Zeitpunkt wäre. Wenn wir der Meinung sind, dass unsere Struktur und Organisation so gut aufgesetzt ist, dass und hier das gleiche wieder gelingt.

          Wolf malt eine neue steile Kurve in der Zeit nach 2017.

          Echte Handarbeit in Sao Paulo: Die Zeichnung von Toto Wolff.
          Echte Handarbeit in Sao Paulo: Die Zeichnung von Toto Wolff. : Bild: Christoph Becker

          Dafür gibt es keine Garantie.

          Es gibt keine Garantie und ist das hier – (er zeigt auf die frühere Kurve, d. Red.) – wirklich passiert? Und sind die anderen hier – auf der Kreuzung – oder darunter? Das analysieren wir immer wieder. Das klingt jetzt so smartass-artig. Aber es ist eine übergelagerte strategische Frage. Und es kommt hinzu: Bei einem neuen Reglement müssten wir neue Investitionen in den Motor tätigen. Wir erachten es nicht als sinnvoll, einen Motor über drei Jahre zu entwickeln und dann ein neues Konzept zu starten. Hybridtechnologie ist serienrelevant und die Zukunft. Aber man darf sich nicht verschließen, was in der Formel 1 passiert. Man kann nicht nur opportun auf sich schauen. Nur wenn die Plattform gut ist und die Konkurrenz stark, ist es für uns interessant.

          Wie viele Motorenhersteller braucht die Formel 1?

          Wir haben eine richtig gute Situation. Wir haben vier Hersteller, die Motoren liefern. So etwas hat es selten gegeben. Ich frage mich, was das Ziel ist, wenn man das Reglement verändern will. Mir kommt es so vor, als sei es ein immerwährender Zyklus. Erst schafft man ein Reglement, das Hersteller anzieht. Dann kommen sie. Und dann wird geklagt, dass die Hersteller zu stark sind. Ich respektiere die Einstellung der kleinen Teams, der Fia, von Bernie, dass der Sport Variabilität braucht und Unvorhersehbarkeit. Nur dann schaltet der Zuschauer ein.

          Aber ist es realistisch, mit zwei unterschiedlichen Antriebskonzepten unterwegs zu sein? Drei, vier Hybrid-Hersteller und dann kommt ein fünfter mit einem ganz anderen Konzept, der die Kosten drückt.

          Das hat es vor dreißig, vierzig Jahren gegeben, mit Turbo- und Saugmotoren.

          Wolff mit seiner Frau Susie, die als Rennfahrerin zum Saisonende aufhört.
          Wolff mit seiner Frau Susie, die als Rennfahrerin zum Saisonende aufhört. : Bild: Picture-Alliance

          Es hat nicht funktioniert.

          Richtig. Daraus wurden die Konsequenzen gezogen. Jetzt kam jemand auf die Idee, dass man diesen Weg gehen sollte und da stellt sich mir die Frage, was die Agenda dahinter ist. Und es gibt viele Agenden: Ein Hersteller zu stark, viele Hersteller gemeinsam zu stark, der Motorenpreis wird von der Fia als zu teuer eingestuft. Oder ein Team will schlicht einen Konkurrenznachteil loswerden. So geht das Spiel hier. Meine persönliche Meinung ist, dass zwei unterschiedliche Antriebskonzepte nicht funktionieren können. Leistung wird zum Politikum und irgendjemand hat einen Drehschalter in der Hand und entscheidet sich, wer schnell ist und wer nicht.

          Kann eine Kostendeckelung funktionieren? Ferrari will aufholen, koste es, was es wolle.

          Man darf nicht der Illusion verfallen, Ferrari hätte unlimitierte Ressourcen. Wir sind auf Effizienz und Gewinn und Technologie getrimmte Unternehmen. Die Ratio wird immer dabei bleiben, wenn es um Investitionsbudgets geht. Das gilt für uns und für alle anderen auch. Ich bin ein Befürworter einer Kostendeckelung. Sie kann nur funktionieren, wenn man es kontrollieren kann.

          Wie soll das gehen?

          Wir diskutieren das seit zehn Jahren, und wir finden keinen richtigen Ansatz.

          Sie sagen also: Funktioniert in der Theorie, in der Praxis fehlt die Lösung.

          Genau.

          In Mexiko waren 140000 Menschen an der Strecke, völlig begeistert. In Brasilien ist die Begeisterung auch weiterhin groß. Ist das nicht ein Beleg dafür, dass die Kritik an der jetzigen Formel 1 – zu leise, zu langsam, zu kompliziert – zu oberflächlich ist?

          Man muss objektiv auf die Serie blicken. Es gibt Dinge, die zu optimieren sind. In manchen Regionen gibt es eine Sättigung, das Konsumverhalten verändert sich. Mexiko war ein Auftaktrennen, an einer historischen Strecke. Grundsätzlich glaube ich, dass die Formel 1 schlecht geredet wird, weil viele Leute ein Interesse daran haben.

          Wolff und der Weltmeister: Lewis Hamilton wurde zum zweiten Mal in Folge Champion.
          Wolff und der Weltmeister: Lewis Hamilton wurde zum zweiten Mal in Folge Champion. : Bild: AFP

          Was würden Sie ändern?

          Ich will nicht als der Oberweise herumrennen und phantasieren über Dinge, die nicht zu meinem Aufgabenbereich gehören. Aber wir müssen definitiv darüber nachdenken, wie wir die Formel 1 in Ländern, in denen es eine Sättigung gibt, attraktiver gestalten können. Ist der Preis, live dabei zu sein, zu hoch? Sind die Regeln so, dass es attraktiv rüberkommt? Sind wir mit den digitalen Medien richtig positioniert oder verlassen wir uns auf das, was vor zehn Jahren funktioniert hat?

          Aber Sie sagen nicht: Wir brauchen die symbolische Zahl – 1000 PS.

          Bald werden wir 1000 PS haben. Wir werden wieder schneller. Es liegt in der Natur der Sache.

          Aber die Geschwindigkeit wurde bewusst zurückgenommen.

          Wir kommen wieder dahin, wo wir waren. So ist die technologische Entwicklung. Aber wir müssen spektakulär bleiben als Sport. Es gibt im Internet so viele spektakuläre Mitbewerber, dass die Formel 1 sich fragen muss: Sind wir so spektakulär wie früher? Kommen die Gefahr und der Speed so rüber wie früher?

          Die Gefahr hat abgenommen – gut so.

          Die Sicherheit hat zugenommen, das ist gut so für den Piloten. Aber es geht darum, wie die Wahrnehmung ist. Wir sind in Mexiko 364 km/h gefahren. Kommt diese Message beim Kunden, beim Fan so an? Tut sie nicht. Warum nicht? Wir sollten die Botschaft verbreiten: Wir sind die Schnellsten. Keine andere Serie ist so schnell, nicht mal in Le Mans, mit einer zwei Kilometer langen Gerade.

          Ihr Vertrag läuft bis Ende 2017. Haben Sie schon entschieden, wie es danach weitergeht?

          Ich konnte mich für die Herausforderung des Projekts begeistern. Es ist für mich der optimale Kompromiss zwischen dem Sport, den ich liebe, und dem Business. Wir bekommen von Daimler den Support, die Freiheit, das im Sinne der Marke bestmöglich zu machen. Das sind die richtigen Rahmenbedingungen, um zu liefern. Aber ich möchte mich noch nicht verzetteln mit der Frage, was nach 2017 passiert. Ich sehe im Moment keinen Grund, nicht weiterzumachen. Aber darüber beginne ich in einem Jahr nachzudenken.

          Seit 2003 ist der Österreicher bei Mercedes.
          Seit 2003 ist der Österreicher bei Mercedes. : Bild: dpa

          Als Sie angefangen haben im Winter 2013, sagten Sie in einem Interview mit der F.A.Z., Daimler sei es wichtig gewesen, dass Sie, wie Sie es damals ausdrückten, „skin in the game“ haben. Ist die Haut dicker geworden?

          Zwangsläufig, bei all dem, was uns und mir jeden Tag widerfährt.

          Gut ausgewichen. Die Frage zielt auf Ihre persönlichen Anteile am Team. Funktioniert das Business für Sie?

          Ja. Ich habe nach wie vor meine Investmentgesellschaft. Den Sport, meine Leidenschaft, damit zu kombinieren, macht den Reiz aus.

          Wie viel Rendite machen Sie?

          Wir haben alle sportlichen Ziele erreicht und auf der kaufmännischen Seite die an uns gestellten Erwartungen erzielt. Die Bewertung des Teams, das ist für mich als Anteilseigner der Hebel, ist für mich gestiegen und für alle anderen Anteilseigner. Die letzten drei Jahre ist es gut gelaufen.

          Über wie viel Prozent Rendite reden wir?

          Die Wertsteigerung haben wir in unseren Verträgen festgehalten, aber wir sollten darüber nicht in der Zeitung lesen. Es hat eine gute Wertentwicklung genommen, aber es ist nichts, was aus der Welt wäre.

          Die Formel 1 hatte immer den Ruf des Geschäftemachens, durchaus auch krummer Geschäfte. Im Moment jagt im Sport ein Korruptionsskandal den nächsten, krumme Geschäfte gab es offenbar diversen Verbänden, bei Menschen, die sich immer als saubere Sportsmänner gaben. Verfolgen Sie die Berichte?

          Verfolge ich nicht im Detail, ich lese es nur. Da ist es gefährlich, eine Aussage zu machen. Aber ich lese von Skandalen in verschiedenen Verbänden und da ist es fast ein bisschen komisch, dass die Formel 1, die diesen Spin hat, jetzt nicht in Skandale verwickelt ist.

          Ist die Formel 1 sauberer geworden?

          Vielleicht sind die Stakeholder, diejenigen, die sich für die Formel 1 interessieren, authentischer. Weil es ums Geschäft geht. Wir haben einen Eigentümer, wir haben Teams, wir haben ein gemeinsames Ziel, die Plattform so interessant wie möglich zu gestalten. Dann läuft der Sport und das Geschäft. Das Ziel ist klar.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Überprüfen Sie mit Blick auf die kommende Saison ihren Umgang mit ihren Fahrern? Lewis Hamilton ist zweimal Weltmeister geworden bei Mercedes, Nico Rosberg gar nicht. Der Kampf wird enger mit Ferrari.

          Das kann eine psychologische Rolle spielen. An der Äquivalenz ändert sich nichts. Beide haben den gleichen Nummer-eins-Status, das ist uns wichtig. Der Philosophie werden wir treu bleiben. Wenn es notwendig ist, im Laufe des Jahres etwas zu ändern, um gegen Ferrari zu kämpfen, werden wir das diskutieren. Wir sind nicht nur als oberste Verfechter der Sportlichkeit unterwegs. Wir haben das Ziel die Konstrukteurs-WM zu gewinnen und die Fahrer-WM. Wenn es notwendig ist, sich auf einen zu konzentrieren, werden wir das berücksichtigen.

          Wenn es jeder der beiden sein kann, heißt das im Umkehrschluss: Die beiden Titel bringen Lewis Hamilton keine Dankbarkeit.

          Die Titel ändern nichts an unserer Einstellung, beiden absolut gleichwertiges Material zur Verfügung zu stellen. Beide haben eine wichtige Rolle, das Team nach vorne zu bringen, so, wie sie uns dahin gebracht haben, wo wir heute stehen.

          Haben Sie für das Management Ihrer Piloten Ablaufpläne, wie es für die Entwicklung des Autos Pläne gibt? Wenn der eine A sagt, sagt der andere B und für uns folgt daraus X?

          Ja.

          Wie sehen die Pläne aus?

          Hope for the best and prepare for the worst. Ich male mir immer ein eher negatives Szenario aus und arbeite daran, dass es nicht eintritt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Müller? Boateng? Hummels? Bundestrainer Joachim Löw schraubt derzeit an seinen Formulierungen zum Thema.

          Rückkehrer für DFB-Team : Die Verrenkungen des Joachim Löw

          Um die Form von Müller, Boateng und Hummels muss man sich keine Sorgen machen. Es ist der Bundestrainer, der in Form kommen muss, wenn es in diesem Sommer bei der Fußball-EM etwas werden soll.
          Bundesinnenminister Horst Seehofer und Verfassungsschutz-Präsident Thomas Haldenwang

          Kritik an Verfassungsschutz : Geschwätzige Geheimnisträger

          Bei dem Versuch, die AfD zu beobachten, handelt sich der Verfassungsschutz Kritik ein. Schon wieder sind Details nach außen gedrungen. Dabei steht der Dienst eigentlich für Verschwiegenheit. Was ist da los?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.