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Tödlicher Rennunfall : Gas statt Bremse

Motorsport kann tödlich enden:Eine einfache Wahrheit, die außerhalb von Gedenkminuten leicht vergessen wird. Bild: EPA

Die belgische Staatsanwaltschaft und der Internationale Automobilverband untersuchen den tödlichen Unfall von Spa-Francorchamps. Sind die Asphaltflächen am Streckenrand zu gefährlich?

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          Der Unfalltod von Anthoine Hubert wird den Internationalen Automobilverband (Fia) noch längere Zeit beschäftigen. Fia-Rennleiter Michael Masi sagte nach dem Großen Preis von Belgien auf dem Circuit de Spa-Francorchamps, drei Abteilungen seines Verbandes untersuchten den Unfall im Formel-2-Rennen am Samstag. „Die medizinische Abteilung, die technische Abteilung und die Sicherheitsabteilung haben am Samstag die Untersuchung aufgenommen.“ Ein Zeitfenster, in dem Ergebnisse vorliegen sollen, gibt es Masi zufolge nicht. Zudem unterstütze der Verband die belgischen Ermittlungsbehörden und die Untersuchung durch den Königlichen Automobilverband Belgiens. Die Staatsanwaltschaft in Verviers bestätigte am Montag, Ermittlungen aufgenommen zu haben.

          Hubert hatte eine Kollision mit dem Amerikaner Juan Manuel Correa am Samstagnachmittag nicht überlebt, nachdem Correa einem dritten Fahrzeug neben die Strecke, auf die asphaltierte ehemalige Boxenausfahrt des Kurses, ausgewichen war. Der Kritik, asphaltierte Auslaufzonen verleiteten Rennfahrer, die einem Hindernis ausweichen wollen, dazu, das Tempo mindestens aufrechtzuerhalten, wollte sich Masi nicht pauschal anschließen. Das könne man in Einzelfällen untersuchen, sagte der Australier. Er ist Nachfolger des langjährigen Rennleiters Charlie Whiting, der vor dem ersten Rennen der Formel-1-Saison in Australien verstorben war. Masi sagte, auf dem Ardennenkurs handele es sich nicht um eine Auslaufzone im eigentlichen Sinn.

          Correa hatte die Ausweichmöglichkeit genutzt und war nach Angaben des Fachblatts „Auto Motor und Sport“ mit Tempo 250 bis 270 mit Hubert kollidiert. Auch auf anderen Kursen hat es in dieser Formel-1-Saison bereits Unfälle auf asphaltierten Flächen neben der Rennstrecke gegeben. Beim Großen Preis von Deutschland am letzten Juli-Wochenende waren unter anderem der WM-Führende Lewis Hamilton und der Sieger des Rennens in Spa, Ferrari-Pilot Charles Leclerc, über die asphaltierte, neben dem Grand-Prix-Kurs gelegene Strecke für Dragster gerutscht, weil auf dem regennassen Asphalt Haftung fehlte. Zudem wurden die früher verbreiteten Kiesbetten in den Auslaufzonen auf vielen Rennstrecken durch Asphaltflächen ersetzt, um die Gefahr von Überschlägen zu mindern.

          Toto Wolff, Teamchef und Vorstand des Mercedes-Teams, sagte nach dem Formel-1-Rennen am Sonntag, er teile die Einschätzung von Weltmeister Lewis Hamilton, dass vielen Beobachtern das Bewusstsein für das Risiko abhandengekommen sei, das die Fahrer eingehen. „Ob in den Nachwuchsklassen und hinauf bis in die Formel 1, in GT-Rennwagen, in Prototypen – das ist weiterhin ein Gladiatorensport. Es geht um Mut, Können und Risikobereitschaft, aber beim Blick durch eine Kameralinse wird niemand je einschätzen können, wie sich diese Geschwindigkeiten anfühlen.“ Vielen sei nicht mehr bewusst, welche Kräfte im Motorsport wirkten, da sie die Rennen nur vor Bildschirmen verfolgten. Er könne „komplett nachvollziehen“, was Hamilton habe zum Ausdruck bringen wollen. „Wenn man mit 260, 270 auf Eau Rouge zurast und es wie eine 90-Grad-Kurve aussieht und man mit Vollgas hindurchschießt, dann ist rational nicht nachvollziehbar, dass diese Jungs machen, was sie machen. Und das kann tödlich enden – wie am Samstag.“

          Der 21 Jahre alte Monegasse Charles Leclerc sagte nach seinem ersten Grand-Prix-Sieg, es werde trotz aller Fortschritte in der Sicherheitsforschung weiterhin Kurven wie jene in der Senke Eau Rouge auf dem Circuit de Spa-Francorchamps geben, die gefährlich blieben. Er sah sich durch das Unglück auch deshalb betroffen, weil er als Kind viele Rennwochenenden im Kartsport mit Hubert verbracht hat. „Ab 2005 sind wir über viele, viele Jahre immer gemeinsam gefahren, Esteban (Ocon; d. Red.), Pierre (Gasly; d. Red.), Anthoine und ich – vier Kinder, die von der Formel 1 geträumt haben.“ Leclercs Patenonkel Jules Bianchi war beim Großen Preis von Japan 2014 in einem Wagen des Marussia-Teams mit einem Bergekran kollidiert und hatte das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Monate später erlag er den Verletzungen.

          Die Umstände jenes Unfalls, besonders die Tätigkeit des Krans vor der Streckenbegrenzung, waren allerdings außergewöhnlich. Im Gegensatz dazu war die Kollision zwischen Hubert und Correa ein Rennunfall, wie er stets wieder vorkommen kann. Am Sonntag entgingen Max Verstappen und Kimi Räikkönen um Haaresbreite einem schweren Unfall in der Kurve Eau Rouge, als die wegen einer vorhergehenden Kollision beschädigte Radaufhängung an Verstappens Red Bull brach. „Wir haben viele Jahre lang Glück gehabt, von dieser Art Unfall verschont zu bleiben. Vielleicht haben wir vergessen, wie gefährlich der Sport ist“, sagte Wolff in Francorchamps. Der Sport werde „noch lange“ überschattet sein vom Tod Huberts: „Wir können jetzt nicht einfach zur Normalität übergehen.“

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