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Bestrafung für Vettel : Ein gefährliches Urteil für die Formel 1

  • -Aktualisiert am

Sebastian Vettel war ganz und gar nicht einverstanden mit der Bestrafung, die ihn den Sieg kostete. Bild: AFP

Sebastian Vettel lässt seiner Wut über die Strafe, die ihm den Sieg nahm, freien Lauf. Manche sprechen tadelnd von einem Kontrollverlust. Aber sie übersehen das eigentliche Problem. Und das bremst die Formel 1 aus.

          Auf den ersten Blick muss man den Streckenkommissaren dankbar sein. Weil sie mit ihrer Entscheidung gegen Sebastian Vettel am Sonntag während des Großen Preises von Kanada das Innerste nach außen kehrten. Selten erfuhr der Zuschauer so viel über das, was sich in der Tiefe des Cockpits unter dem Helm, also in der Wagenburg des Piloten, abspielt. Der Kampf am Steuer, die Verzweiflung, die Auflehnung, die Wut, alles frei Haus zu hören und zu sehen, was Vettel tief bewegte, während er über die Strecke rauschte, gejagt von Lewis Hamilton, als Erster ins Ziel kam und doch nur als Zweiter gewertet wurde.

          Ob er für seine Behauptung, mit der Fünf-Sekunden-Strafe sei ihm das Rennen gestohlen worden, ob er mit der Verweigerung des ersten obligatorischen Interviews und der demonstrativen Umstellung der Plazierungsschilder vor den Autos einen Preis erhält? Wohl kaum. Aber ehrlicher wird man den Deutschen kaum erleben. Manche Kommentatoren sprachen am Sonntag deshalb tadelnd von einem Kontrollverlust. Sie übersahen das eigentliche Problem. Es brachte nicht nur Vettel auf, sondern es bremst die Formel 1 auf lange Sicht.

          Wahrscheinlich wissen nur Grand-Prix-Piloten, was passiert, wenn ein Auto in der Anfahrt zur engen Kurvenkombination drei/vier in Kanada bei etwa Tempo 260 leicht außer Kontrolle gerät, der Fahrer es einfangen, über den Grasstreifen steuern und wieder auf die Piste zurückbringen muss, ohne einzuschlagen. Das ist eine Kunst, besonders auf dem Kurs der „Ile de notre Dame“, wo die Boliden hier und da um Zentimeter an den Mauern vorbeifliegen.

          Nigel Mansell, Weltmeister von 1992, bewunderte Vettels Rettungstat. Von Rivalen aus dem Fahrerlager wird berichtet, der viermalige Weltmeister hätte sich, auf dem Gras bremsend wohl gedreht, auch bei der Wahl einer anderer Linie. Es ist müßig darüber nachzudenken, ob Hamilton angesichts der Platznot an einem kreiselnden Ferrari schadlos vorbeigekommen wäre. Aber die Aufnahmen belegen auch, dass Vettel nicht absichtlich versuchte, die kleine, sich öffnende Lücke zu blockieren. Hamilton sah, wie sie sich schloss und bremste rechtzeitig. Ist das allein ein Grund, ihm im Ziel nach 70 Runden überwiegend auf Rang zwei Vorfahrt zum Sieg zu gewähren?

          Die Mercedes-Fraktion mag das so sehen. Gesten und Kommentare während und kurz nach dem Grand Prix deuteten auf diese Sicht. Es ist verständlich, dass sich der Weltmeister dem Urteil der Streckenkommissar nicht allzu betrübt beugt. Aber ob Hamilton in Zukunft so ein vergleichbares Manöver wie jenes von 2016 in Monaco vor Daniel Ricciardo unbestraft übersteht? Dem Fachmagazin „Auto Motor und Sport“ berichtete der Australier in Montreal von dieser Szene, ohne Groll, ganz im Gegenteil: So sei der Rennsport.

          Aber so scheint er eben nicht mehr. Für die Streckenkommissare gibt es kaum noch Spielräume bei der Beurteilung einer Situation. Sie messen wie die Kontrollingenieure die Autos überprüfen: Ein Millimeter übergetreten ist schon einer zu viel. Dazu kommt eine merkwürdige Ungleichgewichtung. Vor zwei Wochen in Monaco wurde Max Verstappen nach dem Reifenwechsel von seinem Team (Red Bull) rücksichtslos in den Verkehr der Boxengasse geleitet. Mercedes-Pilot Valtteri Bottas rutschte deshalb in die Mauer, beschädigte Reifen und Felge. Sein Rennen war dahin. Verstappen wurde, obwohl kein Fahrfehler bei Tempo 260 und eine gewisse Absicht unverkennbar, so bestraft wie Vettel: fünf Sekunden obendrauf.

          Die Entwicklung der Überwachungs- und Bestrafungskultur des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) hat in den vergangenen Jahrzehnten vermutlich viel Leid in der Formel 1 erspart. Aber inzwischen hat der Geist der Fia-Gesellschaftspolitik auch die Formel 1 im vollen Umfang erfasst. Dahinter steckt die Idee, die Unfallzahlen auf aller Welt mit einer Sicherheitskampagne zu reduzieren. Das ist eine ehrenvolle Aufgabe. Beim Rennfahren aber geht es um harte Positionskämpfe, um Attacken und Angriffe, bei denen Ausbremsmanöver im vorgegebenen Rahmen nicht nur erlaubt, sondern auch gewünscht sind. Insofern steckt in der Urteilsbegründung ein Schuss unfreiwilliger Ironie. Die bestrafte „gefährliche Rückkehr auf die Piste“ war nicht gefährlich in den Augen der Piloten. Gefährlich ist vor allem die Konsequenz des Urteils – für den Geist der Formel 1.

          Formel 1
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          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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