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Stefan Bradl : Der perfekte Pilot

Abenteuerliche Schräglage: Stefan Bradl rast in die Weltspitze Bild: dapd

Stefan Bradl ist der erste deutsche Motorrad-Weltmeister seit 18 Jahren. In der Moto2-Klasse hat er sein Ziel erreicht, nun will er in die Liga der ganz Großen aufsteigen. Beim letzten Rennen stürzt er allerdings.

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          Eigentlich wollte Stefan Bradl so auf keinen Fall Weltmeister werden. Er wollte die Augen nur auf den Asphalt richten, am Gashebel ziehen, sich in die Kurven lehnen, im Ziel all den Ballast einer langen Saison von sich werfen - und feiern. Vieles kam ganz anders.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Einundzwanzigjährige musste an diesem Wochenende beim letzten Rennen der Saison in Valencia eigentlich nicht einmal mehr auf seine Maschine steigen, eine Verletzung seines härtesten Gegners Marc Marquez hat den Titelkampf in der Moto2-Kategorie entschieden.

          Der Spanier konnte am Samstag beim Qualifikationstraining keine Runde drehen und stand deshalb auch an diesem Sonntag nicht in der Startaufstellung. Der Deutsche ging als Vierter ins Rennen - und schied früh aus. Bei nassen Bedingungen stürzte er bereits in der fünften Runde und musste den Lauf beenden.

          Stefan Bradl aus der 500-Einwohner-Ortschaft Zahling bei Augsburg ist am Ziel seiner Träume - und doch fühlt es sich ganz anders an. „Das Rennen tritt völlig in den Hintergrund. Es wird dort nicht alles normal sein. Das wird keine Riesenparty“, sagt er. Zu frisch sind die Erinnerungen an den tödlich verunglückten Italiener Marco Simoncelli. Kaum eine andere Sportart bewegt sich derart zwischen den Extremen, pendelt hin und her zwischen Triumphen und Tragödien.

          „Es gibt immer wieder mal einen Boom“

          Positive Schlagzeilen gab es in der Republik schon lange nicht mehr. Achtzehn Jahre sind vergangen, seit Dirk Raudies als letzter Deutscher Weltmeister wurde. Seitdem hat die hiesige Motorrad-Szene auf einen wie Bradl gewartet. Auf einen jungen Mann, der die Branche aus dem Dornröschenschlaf holen und dem Sport zu neuer Popularität verhelfen könnte.

          Ende der achtziger Jahre wurden die Rennen noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen, inzwischen können die Fans sie nur noch im Spartenkanal sehen. „Es gibt immer wieder mal einen Boom - das war im Tennis so, das war auch in der Formel 1 so“, sagt Raudies. „Aber ich weiß nicht, ob Stefan ihn auslösen kann.“ Eigentlich ist Bradl nicht der Typ dafür. Er will nichts wissen von einem Hype um ihn herum. Er will einfach nur schnell Motorrad fahren.

          Erstmals seit 18 Jahren ist wieder ein Deutscher Motorrad-Weltmeister

          Und das tat er in dieser Saison so schnell und so fehlerlos wie kein anderer in seiner Klasse. Womöglich ist diese mittlere von drei Kategorien sogar die schwerste. Mehr als dreißig Fahrer, ein Einheitsmotor von Honda, gleiche Reifen - nirgendwo anders ist die Chancengleichheit größer.

          Der Asphalt verzeiht keine Missgeschicke. Erst vor zwei Wochen wurde dies der gesamten Branche in Malaysia wieder gnadenlos vor Augen geführt. In einer Rechtskurve verlor Simoncelli für einen Moment die Kontrolle über seine Maschine, der Italiener stürzte, wurde überfahren und erlitt dabei schwere Verletzungen. Er hatte keine Chance und starb noch an der Rennstrecke. Der Grand Prix in Valencia ist der erste nach diesem Unglück - und natürlich wird er überlagert davon.

          „Mit Leidenschaft kannst du vieles kompensieren“

          Doch trotz der Erinnerung an die dramatischen Bilder vom Unfall will sich Bradl nicht allzu viel mit dem Risiko auf der Strecke auseinandersetzen. „Es liegt in der Natur der Sache, dass unser Sport unglaublich brutal sein kann“, sagt er. Dabei hat sich schon vieles zum Besseren gewandelt, die Auslaufzonen sind größer, die Rennstrecken moderner geworden.

          Raudies erinnert sich noch an ganz andere Zustände. Zu seiner Zeit wurden die Kurven manchmal lediglich mit Strohballen gesichert. „Aber die lagen da manchmal schon Jahre herum, die hatten sich vollgesogen mit Wasser und waren tonnenschwer“, sagt der Siebenundvierzigjährige. 29 Knochenbrüche musste er in seiner Karriere überstehen, die größten Schmerzen verursachte ein Beckenbruch 1995 in Brünn. Der Arzt sagte ihm damals, dass er sechs Monate pausieren müsse, doch schon nach vier Wochen stand Raudies wieder in der Startaufstellung. „Mit Leidenschaft kannst du vieles kompensieren“, sagt er. „Selbst die höllischsten Schmerzen.“

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