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Rennen in Putins Sotschi : Die Formel 1 am Hof des Zaren

Am 14. Oktober 2010 unterzeichnete Bernie Ecclestone den Vertrag für Sotschi Bild: dpa

In Sotschi, Wladimir Putins zweiter Residenz, heulen bald die Motoren. Der Grand Prix wird an diesem Sonntag (13.00 Uhr) stattfinden – trotz der politischen Lage und der Boykottforderungen.

          „Ich freue mich tierisch darauf.“ Hermann Tilke, Bauingenieur aus Aachen, hat für Bernie Ecclestone die Rennstrecken von Texas bis Südkorea und von Abu Dhabi bis Schanghai gebaut. Anfang dieser Woche machte er sich auf den Weg nach Sotschi. Dort, in der Imeretinskaja-Bucht am Schwarzen Meer, hat Tilke auch gebaut, was nicht ganz unkompliziert war, schon allein aus seiner Ingenieurssicht nicht, aber die Strecke im Olympiagelände ist fertig geworden.

          „Dank Blut, Schweiß und Tränen“, sagt Tilke: „In Dauerregen und Schlamm.“ Am kommenden Wochenende wird auf dem „Sochi Autodrom“, auf Tilkes Strecke, der erste Große Preis von Russland seit 100 Jahren ausgetragen werden. Wladimir Putin hat die Formel 1 zu Gast.

          Rebecca Harms, Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Europaparlament, sagt: „Ich habe keine Ahnung von der Formel 1 als Sport. Für mich war das noch nie ein Sport, so grün werde ich immer sein.“ Harms hält die Formel 1 für ein Geschäft. Für „big business“, wie sie das nennt. Sie war schon vor zwei Wochen in Russland, aber weiter als bis zum Moskauer Flughafen kam sie nicht. Trotz ihres Diplomatenpasses durfte sie nicht einreisen in Putins Russische Föderation.

          Warum, darüber kann sie selbst nur spekulieren, wahrscheinlich ist ihr Russland-Verbot eine Retourkutsche für die Sanktionen der Amerikaner und Europäer gegen russische Politiker. Ob nur Harms betroffen ist oder auch andere Politiker, weiß sie nicht. Dass sie nicht erwünscht sein könnte, sei ihr bewusst gewesen, sagt Harms: „Ich bin früher schon auf Demonstrationen gegangen in Russland, ich war immer schon Kritikerin des Systems Putin.“

          Da gibt es einiges zu schauen: Die Strecke wurde rund um die Olympia-Gebäude gebaut Bilderstrecke

          Früher und immer schon, das bezieht Harms auf die Zeit vor Februar 2014. Auf die Zeit vor den Protesten auf dem Majdan und dem Sturz der Regierung in Kiew, vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Vor der Annexion der Krim durch Russland, vor dem Krieg im Donbass und anderen Teilen der Ostukraine. Vor dem Abschuss des Fluges MH17 der Malaysian Airlines über der Ortschaft Tores, rund 700 Kilometer von Sotschi entfernt, durch den 298 Menschen starben.

          Das System Putin, gegen das die Niedersächsin Harms Politik macht, hat 2007 die Olympischen Spiele nach Sotschi geholt und 2010 die Formel 1. Sotschi ist so etwas wie Wladimir Putins zweite Residenz, hier empfängt er gerne Staatspräsidenten. Am 14. Oktober 2010 hat Bernie Ecclestone, der Chefvermarkter der Formel 1, hier den Vertrag unterschrieben, unter Putins Augen, damals russischer Premierminister. Am 12. Oktober 2014 (13.00 Uhr MESZ / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) findet das erste Formel-1-Rennen in Sotschi statt.

          1459 Tage bis zum Rennen

          Diese wie jede weitere Ausgabe bis 2020 lässt sich Putin angeblich 50 Millionen Dollar kosten. Die Strecke selbst bezahlt, ein weiteres Detail des Systems Putin, die Regierung der Region Krasnodar, von 250 Millionen Dollar ist die Rede. Derzeit rollt der Rubel bei der Regionalverwaltung allerdings nicht so zügig, das staatliche Eisenbahnunternehmen hat wegen Zahlungsstreitigkeiten mit den Behörden gerade angekündigt, den Zugverkehr in der Region einzuschränken.

          In den 1459 Tagen zwischen Unterschrift und Rennen hat Hermann Tilke die Strecke bauen lassen, was schon deshalb kompliziert war, weil die Formel-1-Großbaustelle inmitten der Olympia-Großbaustelle vorankommen musste. Und weil es ein öffentlicher Auftrag war. Tilke hat auch schon den „Moscow Raceway“ vor den Toren der russischen Hauptstadt gebaut, in privatem Auftrag. „Privat, das ist immer leichter“, sagt Tilke, „in Deutschland auch.“

          „Schwierigkeiten gibt es immer“

          In Sotschi geriet „der Zeitplan früh aus den Fugen“, sagt Tilke, „anfangs hatten wir größte Probleme. Da musste man auch ein paarmal mit der Faust auf den Tisch hauen.“ Im „Manager-Magazin“ erschien im Sommer eine Geschichte über Tilke, in der die bürokratischen Hemmnisse der russischen Verwaltung unter Wladimir Putin deutlich wurden. Eine Mitarbeiterin Tilkes sprach darin vom „alten sowjetischen Geist“, von 32.000 Unterschriften und 32.000 Stempeln, die nötig waren, um die Strecke mit 1600 Pfählen im Marschland befestigen zu können.

          Jetzt, da die Strecke rechtzeitig fertig geworden ist, sagt Tilke: „Schwierigkeiten gibt es immer. Letztendlich haben alle gut mitgespielt.“ Er habe gelernt, welche Wege man gehen muss in Russland, um Projekte erfolgreich abzuschließen. Für Formel-1-Maßstäbe war Sotschi übrigens nicht teuer. In Abu Dhabi hat Tilke einen Circuit für rund 1,3 Milliarden Dollar bauen lassen. Und in China war der Sumpf, in dem gebaut wurde, noch tiefer: 40 000 Pfähle seien nötig gewesen, sagt Tilke. „Wir haben großen Flächenverbrauch, wir kriegen fast immer die schlechtesten Grundstücke.“

          „Korruption und Vertreibung“

          Das Marschland in der Imeretinskajabucht war einst Naturschutzgebiet. Und so hatten die Baumaßnahmen in Sotschi hatten noch andere Kosten: „Korruption und Vertreibung“, nennt die Politikerin Harms, „und all die anderen Schäden für die russische Gesellschaft, in der eine freie Debatte über die Maßnahmen nicht möglich war.“ Der Umweltschützer Jewgeni Witischko, der gegen den Bau der Olympiastätten in einzigartiger Ökosphäre protestiert hatte, war während der Olympischen Spiele unter dem Vorwand, er habe in der Öffentlichkeit geflucht, verhaftet worden und muss seither eine zuvor gegen Bewährung ausgesetzte dreijährige Lagerhaft verbüßen.

          Witischko saß in einer Gefangenenkolonie in der Oblast Tambow ein, vor zwei Wochen wurde ein weiterer Einspruch mit der Begründung verworfen, er habe seine Nahrungsmittel nicht ordnungsgemäß gelagert und zu verbotenen Zeiten auf seinem Bett gesessen, schreibt ein Mitglied von Witischkos Organisation „Ökologische Wacht im Nordkaukasus“. Am Mittwoch twitterte EWNC, dass Witischko verlegt werde - in eine noch striktere Strafkolonie.

          120 Arbeiter wurden nicht bezahlt

          Vor und während der Olympischen Spiele war zudem bekanntgeworden, unter welchen Umständen auf der Baustelle in Sotschi gearbeitet wurde, dass Wanderarbeiter aus Zentralasien nicht bezahlt wurden. Semjon Simonow, Mitarbeiter der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial, hatte sich für die Belange der Arbeiter eingesetzt. Nach seinen Erkenntnissen hat es bei der Errichtung der Tribünenbauten Probleme gegeben, in der Zeit vor Olympia, schreibt Simonow in einer E-Mail.

          Ein Subunternehmer habe rund 120 Männer beschäftigt, die mit den Tribünen und anderen kleinen Maßnahmen beschäftigt gewesen seien, vor allem Usbeken seien betroffen, „Gastarbeiter“ - die russische Sprache bedient sich der deutschen auf der Suche nach einem Begriff für die armen Arbeiter aus Zentralasien, die Sotschis Sportstätten hochgezogen haben. Nach Simonows Angaben wurden diese 120 Arbeiter bis heute nicht bezahlt. Tilke sagt, er habe von Problemen gehört, zu Anfang der Baumaßnahmen. Er geht davon aus, dass die Probleme gelöst wurden. Und jetzt freut sich der Architekt auf das Rennen auf seiner Strecke.

          „Beleidigung für unseren Verstand“

          Denn das Rennen wird stattfinden - trotz aller Widrigkeiten, trotz der politischen Lage, trotz der Boykottforderungen, die vor allem britische Politiker im Sommer geäußert hatten. Trotz des Krieges, in den russische Soldaten im Urlaub zogen, jedenfalls nach Darstellung des Kreml. Das verlangt nach Haltung. Die deutsche Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller nannte Putins Politik in der vergangenen Woche im „Spiegel“ „zynisch, verlogen und widerwärtig“ und eine „Beleidigung für unseren Verstand“.

          Die Haltung in der Formel 1 hat vor vier Wochen der Motorsportchef von Mercedes, Toto Wolff, auf den Punkt gebracht. Wolff sagte in Monza: „Es ist immer gefährlich, die Nachrichten zu lesen und sich eine Meinung zu bilden, weil diese Meinung in Bezug auf das, was wirklich passiert, falsch sein kann.“ Also müsse er wie alle anderen in der Formel 1 auf die Empfehlungen Bernie Ecclestones und des Internationalen Automobilverbandes Fia hören. Im Motorsportweltrat der Fia sitzt auch, als einziger Deutscher, ADAC-Motorsportpräsident Hermann Tomczyk.

          „Keine Verbesserung von Ecclestone“

          Er wollte sich zum Rennen in Sotschi nicht äußern, teilte ein ADAC-Sprecher mit, die Formel 1 sei nicht Tomczyks Sport. Und Rebecca Harms, deren Sport die Formel 1 ebenfalls nicht ist, sagt: „Ich bin nicht so naiv, dass ich von Bernie Ecclestone eine Verbesserung der Menschenrechte oder sonst irgendetwas erwarte. Die Autounternehmen wollen nicht verzichten, weil der russische Markt für sie sehr wichtig ist. Man kann sich aber in Deutschland eine Meinung darüber bilden, wer die europäische Friedensordnung gebrochen hat. Für mich gilt heute die Frage, ob business as usual noch vertretbar ist.“

          Harms rechnet mit Putins Anwesenheit beim Rennen in Sotschi. „Wenn sich der neue Zar zeigt, dann erzeugt das Stimmung.“ Beim vorerst letzten russischen Grand Prix, vor 100 Jahren in St. Petersburg, siegte der Deutsche Willy Scholl mit einem Rennwagen aus der Rheinischen Automobil- und Motorenfabrik Benz & Cie. in Mannheim. Ob der damalige Zar Nikolaus II. das Rennen in seiner Hauptstadt gesehen hat, ließ sich nicht rekonstruieren.

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