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Simoncellis tödlicher Unfall : „Schachspiel mit dem Tod“

Marco Simoncelli: 1987 - 2011 Bild: AFP

Motorrad-Rennfahrer Marco Simoncelli ist beim WM-Lauf von Malaysia gestürzt und von zwei nachfolgenden Fahrern überrollt worden. Er starb noch an der Unfallstelle.

          Plötzlich herrschte Stille. Auf den Videoleinwänden der Rennstrecke in Sepang wurden die Aufnahmen des Unfalls von Marco Simoncelli wiederholt, es waren grausame Bilder.

          In der zweiten Runde des Grand Prix in der MotoGP-Klasse war der Italiener am Sonntag gestürzt, der Amerikaner Colin Edwards und Valentino Rossi (Italien) konnten nicht mehr ausweichen, Simoncelli wurde von ihren Motorrädern überrollt, er verlor dabei seinen Helm. Simoncelli blieb regungslos auf dem Asphalt liegen.

          Sofort wurde das Rennen unterbrochen, Ärzte eilten auf die Strecke und brachten ihn in die „Clinica Mobile“. Eine knappe Stunde später, um 16.56 Uhr Ortszeit, verloren sie den Kampf um sein Leben. Marco Simoncelli wurde 24 Jahre alt. Es ist der zweite tödliche Unfall im organisierten Rennsport binnen einer Woche. Am Sonntag zuvor war IndyCar-Pilot Dan Wheldon (England) beim Lauf in Las Vegas ums Leben gekommen.

          „Motorsport ist gefährlich“ - dieser eine Satz steht auf den Eintrittskarten von beinahe allen Rennsport-Veranstaltungen. Die Fahrer verdrängen das Risiko, weil die Sicherheit an den Strecken zugenommen hat in den vergangenen Jahren. Doch was für die Formel 1 gelten mag, die mit dem Brasilianer Ayrton Senna 1994 den bis dato letzten Todesfall eines Piloten erlebt hat, gilt längst nicht für andere Disziplinen.

          Ohne Verletzung geht es für kaum einen Fahrer

          Schon gar nicht für die Artistik auf zwei Rädern. „Die Fahrer wissen ganz genau, dass sie Schach spielen mit dem Tod“, sagte Dr. Claudio Costa einmal. „Und genau deshalb sind sie für mich etwas Besonderes.“ Costa ist seit Jahrzehnten Teil der Szene, die von ihm gegründete „Clinica Mobile“ hält immer dort, wo das Spektakel gerade Station macht. Hautabschürfung, Knochenbrüche, Prellungen - Costa hat schon einiges gesehen und behandelt. Die schweren Brust-, Kopf- und Nackenverletzungen von Simoncelli aber ließen sich nicht behandeln.

          So wie Ende des vergangenen Jahres bei Shoya Tomizawa während des Großen Preis von San Marino in der Moto2-Klasse. Auch der Japaner wurde von seinen Verfolgern überrollt. Wie bei Simoncelli hatten sie keine Chance, dem Gestürzten auszuweichen.

          Ohne eine Verletzung übersteht kaum ein Fahrer in der Motorrad-Weltmeisterschaft eine Saison. In allen drei Klassen gibt es in jedem Jahr mehr als 600 Stürze - die meisten enden angesichts der hohen Geschwindigkeiten vergleichsweise harmlos. Mit Prellungen, Sehnenrissen und Knochenbrüchen.

          Ein extrovertierter Typ

          Der Schutz für die Fahrer ist über die Jahre immer besser geworden. Sie tragen ausgeklügelte Helme und unter ihren Lederanzügen Protektoren aus Kohlefaser sowie verwindungssteifen Kunststoffen. Auch Airbags, die vor allem Hals und Kopf bei einem Aufprall schützen, gehören zur Ausrüstung. Zudem wurden die Kiesbetten in den Auslaufzonen immer breiter und Mauern an den Streckenrändern beseitigt.

          Wenn aber eines der rund 150 Kilogramm schweren Motorräder über einen Körper rollt, sind auch die bislang besten Sicherheitsmaßnahmen wertlos. „Als ich die Bilder von dem Unfall gesehen habe, stieg in mir sofort Unwohlsein auf“, sagte MotoGP-Weltmeister Casey Stoner. „Wenn der Helm den Kopf verlässt, ist das nie ein gutes Zeichen.“ Nacken und Kopf werden vor den Folgen solcher Unfälle auch in naher Zukunft nicht besser zu schützen sein.

          Simoncelli galt als einer der kommenden Stars in der Königsklasse des Motorradsports, in seiner Heimat wurde er sogar als möglicher Nachfolger von seinem Freund Rossi genannt. Er war ein extrovertierter Typ, die Lockenpracht sein Markenzeichen. 2008 hatte er in Malaysia den WM-Titel in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter gewonnen. 2010 stieg er in die Moto-GP-Klasse auf.

          Simoncelli sollte Honda zu Erfolgen führen

          Vor seinem Start in Sepang lag er auf Rang sechs der Gesamtwertung. Sein Formanstieg hatte gerade erst zu einer Vertragsverlängerung beim Honda-Gresini-Team geführt. Simoncelli sollte es zu Erfolgen führen. Denn kaum ein anderer Fahrer ging bei seinen Manövern derart viel Risiko ein wie der Italiener.

          Anfang der Saison geriet er deshalb mit dem Spanier Jorge Lorenzo aneinander. „Das ist ein gefährlicher Sport. Du musst darüber nachdenken, was du tust“, sagte Lorenzo seinerzeit. Am Sonntag aber wurde Simoncelli nicht das Opfer seiner Risikobereitschaft. In Kurve elf verlor er die Haftung. Es war ein Alltagsunfall, der ihm allenfalls Prellungen beschert hätte, wenn die Nachfolger hätten ausweichen können.

          Die Ausweitung des Spektakels ist beschlossen

          Das Rennen in der MotoGP-Klasse wurde nach der Tragödie abgesagt und ersatzlos gestrichen. In einer Branche, wo die Männer ihre Zweiräder in sechs Sekunden von 0 auf Tempo 200 beschleunigen, sind derartige Momente des Innehaltens selten. Als Tomizawa im vergangenen Jahr starb, ging die Veranstaltung weiter.

          Der italienische Sport reagierte bei allen Veranstaltungen am Sonntag mit einer Schweigeminute, der AC Mailand lief mit Trauerflor auf. Gianni Petrucci, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Italiens, sagte: „Heute ist einer der traurigsten Tage meiner Präsidentschaft. Der Tod von Marco Simoncelli hat mich zutiefst erschüttert Das Leben ist heilig, man kann nicht mit 24 Jahren bei einem Rennen sterben.“

          Die Ausweitung des Spektakels ist allerdings längst beschlossen. Zur nächsten Saison wird der Hubraum in der Königsklasse wieder von 800 auf 1000 Kubikzentimeter vergrößert. Tempo und Beschleunigung nehmen noch einmal zu.

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