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Sebastian Vettels Team : Geheimnisvolle Grenzgänger

  • -Aktualisiert am

Undercover in Singapur? Sebastian Vettel kann am Sonntag seinen zweiten WM-Titel gewinnen Bild: dpa

Sebastian Vettel kann zum zweiten Mal Weltmeister werden. Er ist derzeit der beste Fahrer, doch manch einer glaubt, dass sein Team nicht mit offenen Karten spielt.

          3 Min.

          Sie verdreht Männern die Köpfe. Am Donnerstag war das wieder so. Beim ersten Auftritt des begehrtesten Modells im Formel-1-Fahrerlager entstand ein kleiner Auflauf. Fans liefen aufgeregt zur Boxengasse und zückten ihre Kameras. Hartgesottene Mechaniker drehten sich nach ihr um. Ingenieure versuchten mit neugierigem Blick das nächste Geheimnis des Supermodells zu enthüllen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Seit gut sechs Monate geht das nun schon so, fast immer mit dem gleichen Resultat: keine auf dem schnellsten Laufsteg ist eleganter, schlanker, formvollendeter – und erfolgreicher. Und so schwärmt Sebastian Vettel von seiner Lebensabschnittsgefährtin. Mit „Kinky Kylie“, wie er seine Liebste auf vier Rädern nennt, rast der 24 Jahre alte Hesse auf den nächsten Rekord zu. Beim Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag im Stadtstaat könnte er jüngster Doppelweltmeister werden (siehe Kasten). Eile scheint er nicht zu haben: „Es kommt nicht darauf an, wann ich Weltmeister werde“, sagt Vettel, „sondern dass.“

          Daran besteht kein Zweifel. Die Rivalen haben sich arrangiert. „Ich sehe keine Chance mehr“, sagt Fernando Alonso, obwohl er trotz 112 Punkten Rückstand als erster Verfolger noch eine hat. Am Donnerstag hob der Spanier die Hände wie zum Zeichen der Kapitulation. Alle Hintermänner, die noch vor Wochen mit dem Titel spekulierten, nicken nun reihum symbolisch: Jenson Button, der Reifenflüsterer von McLaren, Mark Webber, Vettels ehrgeiziger Teamkollege, und Lewis Hamilton, der Draufgänger im zweiten McLaren. „Das ist gelaufen“, sagt der Brite. Diesen Siegertypen fällt es schwer, so einen Jungspund nicht bremsen zu können.

          Bild: dpa

          Als ein Journalist Webber nach der Frustquote fragt, die ihn angesichts des übermächtigen Teamkollegen quälen müsse, vergaß der Australier die Mikrofone um sich herum. Falls Schimpfworte unterhalb der Gürtellinie Ausdruck des Seelenschmerzes sind, dann brät Webber gerade in der Hölle. Die anderen ertragen ihre vorweggenommene Niederlage nur, weil sie Vettels zweiten Triumph als Ende einer grandiosen Saison betrachten und nicht als zweite Etappe einer neuen Ära. „Wir schlagen zurück“, sagt Alonso. Er will am Sonntag damit anfangen – als Sieger des Nachtrennens (14.00 Uhr MEZ / FAZ.NET-Formel-1-Liveticker).

          Ferrari und McLaren glauben, aus der Analyse mangelhafter Einschätzungen genügend Schwung für ein Überholmanöver 2012 zu gewinnen. Warum aber sollten Vettel und Red Bull zurückfallen in einen Fehler-Modus, von dem sie sich gerade befreit haben? 2009 kam die Aufholjagd zu spät. 2010 verhinderten nur technische Defekte und menschliche Missgeschicke im Kommandostand sowie im Cockpit einen souveräneren WM-Sieg. Seit dem Saisonstart 2011 aber läuft der RB7 ohne größere Macken auf höchstem Niveau. Vettel nutzte diese Qualität. Er ist der einzige Pilot, der in jedem Grand Prix ins Ziel gekommen ist. Achtmal vor allen anderen, viermal als Zweiter, einmal als Vierter. „Sebastian wird immer besser“, sagt Teamchef Christian Horner, „er hat die erste Weltmeisterschaft in der Tasche, das gibt ihm Vertrauen und Wissen. Darauf baut er in diesem Jahr auf.“

          „Kinky Kylie“ bekommt eine Menge Streicheleinheiten von Deutschlands Champion. Sie macht auf jedem Terrain eine gute Figur. Zuletzt staunte die Konkurrenz nicht schlecht, als Vettel mit der zehnten Pole Position und dem Sieg in Monza eine Kurvendiskussion auslöste. Wie kann einer bei der Höchstgeschwindigkeitsmessung auf der Geraden Letzter sein und doch als Erster ins Ziel kommen? Weil Red Bull „Kinky Kylie“ eigens für Monza radikal tunte. So liest sich jedenfalls der Report des Fachmagazins „Auto Motor und Sport“: Neuer Frontflügel, neuer Heckflügel, ein entscheidend veränderter Unterboden. Dieser Aufwand befeuerte eine schwelende Debatte im Kreis der Düpierten. Red Bull soll sich den Erfolg mit horrenden Summen erkauft haben.

          Bestes Team, bestes Paket, bester Fahrer

          Seit Januar wehren sich die Statthalter des Getränkeherstellers aus Österreich gegen das Gerücht, die Abmachung der Teams zur Kostenreduzierung ignoriert zu haben. Beweise für ein ungehöriges Lifting von „Kinky Kylie“ aber gibt es nicht. Allerdings weigert sich Red Bull, die von der Rennstall-Vereinigung Fota in Singapur 2010 beschlossene Fortschreibung des sogenannten „Resource Restriction Agreement“ (RRA) zu akzeptieren. Obwohl das Papier die Unterschrift von Teamchef Christian Horner tragen soll. Es schreibt vor, die Ausgaben für externen Service in diesem Jahr auf 30 Millionen Euro und die Zahl der Mitarbeiter (ohne Marketing) auf 315 zu reduzieren.

          Außerdem soll schrittweise eine unabhängige Prüfung eingeführt werden. Bislang beruht das System auf gegenseitigem Vertrauen: Jeder reicht seine eigenen Zahlen ein. „Wer sich weigert, provoziert doch geradezu einen Verdacht“, sagt ein Teamchef: „Das alles ist gedacht zum Wohl einer möglichst ausgeglichenen Formel 1, in der die meisten Teams um das Überleben kämpfen. Bei der wirtschaftlichen Lage müssen wir das Image einer Geldvernichtungsmaschinerie loswerden. Das erwarten auch die Sponsoren von uns.“

          Stimmt der Eindruck, dann droht Red Bull eine harte Auseinandersetzung mit den Fota-Mitgliedern in diesem Herbst. Aber selbst die Kritiker räumen dem Geldfluss einen begrenzten Wert ein. Werksteams wie einst BMW und vor allem Toyota erreichten trotz ihrer vielen Millionen nicht annähernd die gesteckten Ziele. „Ohne Effizienz gewinnt man keine Titel“, sagt Ross Brawn, Teamchef von Mercedes und einst bei Ferrari Führungsmitglied in der Schumacher-Ära. So bleibt der Respekt auch ohne Kassenprüfung: „Es ist eine Kombination aus dem besten Team, dem besten Paket“, sagt Alonso, „und dem besten Fahrer.“

          Vettel wird Weltmeister in Singapur, wenn:

          ... er das Rennen gewinnt und Fernando Alonso maximal Platz vier erreicht; Jenson Button oder Mark Webber dürfen bestenfalls Dritter werden
          ... er Zweiter wird und Alonso maximal Achter; Button und Webber höchstens Fünfter werden
          ... er auf Platz drei landet, Alonso bestenfalls Neunter wird; Button und Webber nicht besser als Siebter werden

          Punktestand: Vettel 284, Alonso 172, Button und Webber je 167

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