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Korrektiv der Formel 1 : Der Gewinner Sebastian Vettel

Vettel brachte ein buntes T-Shirt mit der Aufschrift „Same Love“ als Zeichen für Vielfalt und Toleranz zum Rennen nach Ungarn, um ein Zeichen gegen das Regime von Viktor Orbán zu setzen. Bild: dpa

Dieser Formel-1-Pilot ist anders als die anderen und viel mehr als ein viermaliger Weltmeister: Sebastian Vettel fährt weiter für Aston Martin – und bleibt vor allem sich selbst treu.

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          Sebastian Vettel ist mehr als ein Formel-1-Rennfahrer. Er ist ein Taktiker (weil er auch jenseits von Tempo 300 mit der Kommandozentrale über die richtige Strategie diskutiert); ein Mechaniker (weil er schon mal selbst mit einer Taschenlampe unter dem Rennwagen liegt und den Unterboden ausleuchtet); ein Streckenposten (weil er nach Unfällen wiederholt mit anpackte, um die Strecke von Trümmerteilen zu befreien); ein Müllmann (weil er gemeinsam mit seinem Team nach dem Rennen in Silverstone auf den Tribünen Plastikflaschen und Verpackungsmüll einsammelte); ein Aktivist (weil er den Regenbogen auf seinem Helm, seinen Sneakers und einem bunten T-Shirt mit der Aufschrift „Same Love“ als Zeichen für Vielfalt und Toleranz zum Rennen nach Ungarn brachte, um ein Zeichen gegen das autokratische und homophobe Regime von Viktor Orbán zu setzen). Zu alledem gibt es auf verschiedenen Instagram-Kanälen Bild-Collagen, mit denen Formel-1-Fans dem Deutschen ihren Respekt zollen. Einer schreibt darunter: „Wie kann man diesen Typen nicht mögen?“

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          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sebastian Vettel, 34 Jahre alt, ist inzwischen so viel mehr als Sebastian Vettel, der viermalige Weltmeister, dessen Aufstieg bei Red Bull zu Beginn dieses Jahrzehnts zwar von Respekt und Anerkennung begleitet war – nicht unbedingt aber von Sympathie. Vettel ist nicht mehr der große Widersacher von Lewis Hamilton, nicht mehr die große Hoffnung von Ferrari im Kampf gegen Mercedes. Vettel ist inzwischen so etwas wie das Gewissen dieser Rennserie, ihr Korrektiv – auch weil er anders ist als die meisten anderen.

          Social Media meidet er, seine Familie und sein Privatleben hält er so gut es geht aus der Öffentlichkeit heraus. Zudem steht er für alte Werte: für Ehrlichkeit, für Vertrauen und Treue. Schon seit 2009 steht ihm beispielsweise Britta Röske zur Seite, kanalisiert Interviewanfragen, mildert die Aufregung um ihn herum und navigiert ihn durch ein Grand-Prix-Wochenende.

          Und Vettel steht für Freundschaft – etwa zu Michael Schumacher. Obwohl – oder gerade weil – sein Freund nach dessen Skiunfall nicht mehr an den Rennstrecken dieser Welt auftauchen kann, erinnert Vettel immer wieder an das, was Schumacher der Formel 1 und ihm persönlich gegeben hat. Und so wie Schumacher ihm einst wertvolle Tipps gab, hilft er nun dessen Sohn Mick mit seinen eigenen Erfahrungen.

          „Ein riesiger Gewinn für unser Team“

          Kritiker hielten Vettel bereits für ein Relikt aus der Vergangenheit: zu viele Unfälle, zu viele Fehler, zu wenig Erfolg, zu wenig Selbstvertrauen. Und sie hinterfragten deshalb immer wieder nach seiner Motivation weiterzumachen. Als nur noch wenige an Vettel glaubten, machte ihm Aston Martin Avancen und nahm ihn schließlich unter Vertrag. Am Donnerstag haben Fahrer und Team die Partnerschaft nun um eine weitere Saison verlängert. „Sebastian ist ein riesiger Gewinn für unser Team“, sagt Teamchef Otmar Szafnauer.

          Nach vierzehn Rennen in dieser Saison liegt Vettel in der WM-Gesamtwertung auf Platz zwölf und damit immerhin vor seinem Teamkollegen Lance Stroll. Der Aston Martin ist schnell genug, um mehr als nur einzelne, vom Rennglück begünstigte Highlights zu setzen – wie etwa Platz zwei beim Großen Preis von Aserbaidschan. Es ist kein Top-Auto, doch Vettel hat in dieser Saison bewiesen, dass er noch immer ein Top-Fahrer ist, auch wenn er mit einer stumpfen Waffe kämpfen muss. Nun denken er und das Team bereits an die Zukunft, an 2022. An das neue Reglement und die neuen Möglichkeiten, die damit einhergehen. „Die Änderungen sind so groß, dass sie für jedes Team einen Neuanfang bedeuten. Das ist eine große Chance für uns“, sagt Vettel. Eine große Chance – so nennt er das, was ihn in seiner 16. Saison bevorsteht. Es spricht für seinen ungebrochenen Ehrgeiz.

          Vettel wird seine Formel-1-Karriere nicht als Rekordweltmeister beenden, obwohl nicht wenige genau das in ihm sahen, als er im Cockpit von Red Bull wie eine Urgewalt in die Rennserie hineinbrach. Aber vielleicht hat er noch mehr erreicht: Vettel ist sich selbst treu geblieben, trotz aller Verlockungen, die mit seinem Erfolg einhergingen, all der Kritik, der er sich in den vergangenen Jahren aussetzen musste. Nicht jedem hat diese Art gefallen, Vettel aber hat sich nicht von seinem Weg abbringen lassen. Er geht ihn weiter.

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