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Sebastian Vettel : „Es tut mir leid, für das Team, für Robert, für mich“

  • -Aktualisiert am

Dieser Reifen hat keine optimale Position: Sebastian Vettel verspielte einen Podestplatz Bild: AFP

Sebastian Vettel bringt sich beim Grand Prix in Melbourne mit einem spektakulären Manöver selbst um einen Podestplatz - und BMW-Pilot Kubica gleich mit. Der Deutsche wurde doppelt bestraft. Doch beide haben Grund zum Optimismus.

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          Die kleinen Gesten sagen alles. Sebastian Vettel rieb leicht verschämt den Zeigefinger unter der Nase. Robert Kubica, im italienischen Motorsport groß geworden, fuchtelte mahnend mit dem Arm. Täter und Opfer auf dem Rückweg von der Piste ins Fahrerlager? Das Duo hätte bei der Premiere der Formel 1 2009 am Sonntag in Melbourne vielleicht sogar noch den führenden Jenson Button im Brawn GP vor seinem zweiten Grand-Prix-Sieg abfangen können (siehe auch: Formel 1: Doppelsieg für Brawn durch Button und Barrichello).

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Stattdessen aber kletterten die beiden nach einem spektakulären Zweikampf in der viertletzten Tour der Rundfahrt im Albert Park aus zwei Wracks. So ein Verschrottungspotential bei der Begegnung des ehemaligen BMW-Piloten Vettel (jetzt Red Bull) mit dem aktuellen überraschte BMW-Sportchef Mario Theissen: „Ich hatte eigentlich gedacht, dass es gut ausgeht.“ Weil Vettel doch ein netter Kerl ist? Ein Typ Schwiegersohn, mit Manieren, ohne Allüren, trotz seines Rekordes und der Avancen, die ihm die Formel-1-Welt seit seinem Sieg in Monza macht?

          Vettel: „Meine Reifen waren schlagartig herunter“

          Der jüngste Grand-Prix-Sieger der Geschichte wird von Freund und Feind als kommender Champion betrachtet. Was man ihm nicht gerade ansieht, wenn er mit diebischer Freude einen ferngesteuerten Ferrari durch einen Spielzeugladen am Flughafen London-Heathrow sausen lässt. Die weichen Gesichtszüge verraten nichts von dem Durchsetzungswillen, der Härte, die Vettel an die Grenze treiben wie einst einen gewissen Michel Schumacher, seinen freundlichen Ratgeber bei schwierigen Fragen. „Er kann ganz schön Druck machen, aber immer auf die positive Art“, sagt Teamchef Christian Horner über den 21 Jahre alten Hessen.

          Am Samstag hatte sich Vettel (l.) noch mit dem späteren Sieger Button über Startplatz drei gefreut

          Am Sonntag hat Vettel vor allem nicht Platz gemacht, als Robert Kubica mit seinem BMW von hinten angeschossen kam und auf der Außenbahn vor der Rechtskurve an dem Red Bull so weit vorbeizog, dass ihm das Recht zum Einlenken gebührte. „Meine Reifen waren schlagartig herunter“, sagte Vettel zur Verteidigung. Er musste früher bremsen. „Ich hatte dann keinen Platz mehr.“ Die Autos kollidierten, rutschten quer über die Piste. Beide versuchten, ihre Fahrt fortzusetzen. Kubica verlor die Kontrolle über den arg lädierten BMW relativ schnell und strandete in der Streckenbegrenzung.

          „Es tut mir leid, für das Team, für Robert, auch für mich“

          Vettel fuhr auf Anweisung des Teams noch eine Weile mit dem abgeknickten linken Vorderrad vor der Nase, ehe er - ohne Frontflügel - ins Aus rutschte: „Es tut mir leid, für das Team, für Robert, auch für mich. Hinterher ist man immer klüger.“ Zu spät. Die Streckenkommissare sahen in dem Deutschen den Übeltäter. Vor dem nächsten Rennen in Malaysia am kommenden Sonntag (Renngebinn: 11.00 Uhr MESZ / Live bei RTL und im FAZ.NET-Formel-1-Liveticker) wird er in der Startaufstellung um zehn Plätze zurückgestuft. Außerdem muss Red Bull 50.000 Dollar zahlen. Dreiradfahrer, auch wenn sie volljährig sind, gelten im Grand-Prix-Sport als Sicherheitsrisiko.

          Über den Spätnachmittag wich Vettels rosige Fröhlichkeit einem blassen Teint. Giftig schaute Robert Kubica aus seinem Rennoverall. Siegertypen knabbern an solchen Missgeschicken, Unfallfahrer wie -opfer. Aber beide haben durchaus Grund, optimistisch zu sein. In der Liga der „Legalisten“ - so sehen sich jene Teams, die nicht mit dem umstrittenen doppelstöckigen Diffusor wie Brawn GP, Toyota und Williams kreisen - fuhren Red Bull und BMW-Sauber am schnellsten; im Qualifikationstraining wie im Rennen. Deutlich schneller in allen Disziplinen als die Weltmeister von McLaren-Mercedes und Ferrari.

          „Wir waren uns sicher, dass Robert gewinnen würde

          Auch deshalb fiel es Theissen leicht, den zerstörerischen Fauxpas des Landsmanns äußerlich gelassen wegzustecken: „Das haken wir als Lerneffekt ab.“ Ein Zeichen für Selbstdisziplin und Weitsicht angesichts des Schadens. „Wir waren uns sicher, dass Robert gewinnen würde.“ Kubica war nach seinem zweiten Boxenstopp auf harten Reifen zur Schlussattacke ausgerückt, während Vettel und Button mit ihren weichen Pneus kämpften. Sie lassen nach ein paar Runden rapide nach, der Leistungsunterschied kann drei, vier Sekunden betragen.

          Da jeder Pilot im Verlauf des Rennens beide Mischungen benutzen muss, ergaben sich verwirrende Tempodifferenzen. Nach dem Start jagten Button und Vettel Kubica davon, weil der Pole die „Super-Soft-Version“ zum Anfang einsetzte. Allerdings wäre der BMW-Mann den beiden ohne den Unfall das Japaners Kazuki Nakajima in der 19. Runde nicht mehr nahe gekommen. In der ersten Safety-Car-Phase schrumpfte das Feld auf den Start-Abstand (eine Wagenlänge) zusammen. Kubica, zuvor 27 Sekunden zurück, beflügelte der Sichtkontakt.

          „Sebastian wird noch besser. Und wir auch“

          Glänzende Augen bekommen Experten auch angesichts des neuen Dienstfahrzeuges von Vettel. Für die extremen Formen zeichnet ein Mann im wahren Sinne des Wortes verantwortlich: Adrian Newey skizziert seine Ideen noch immer auf dem Reißbrett. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die 180 Designer bei Red Bull aus den mit Vorliebe am Wochenende ausgedachten Vorlagen des Briten ein Topmodell geformt haben. Newey weiß massive Regeländerungen zu nutzen, zuletzt für die Saison 1998.

          Damals flog Mika Häkkinen im überragenden McLaren-Mercedes zum WM-Titel. Aber damals halfen die Millionen eines Konzerns, dem Beschleunigungszwang zu entsprechen. Im Privatteam des Getränke-Milliardärs Dietrich Mateschitz sind die Ressourcen begrenzter als beim Automobil-Hersteller. Das könnte auf Dauer den Unterschied ausmachen. Red-Bull-Teamchef Horner schüttelt den Kopf: „Sie sind größer, ja. Aber Sebastian wird noch besser. Und wir auch.“ Vielleicht. Im Sommer richtet Red Bull die zweite Stufe des Fahrsimulators ein. Ein feiner Prüfstand für Mensch und Maschine. Er wird der modernste der Formel 1 sein.

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