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Sebastian Vettel : Das zweite deutsche Rennsportwunder

Fokus auf Titeln: Sebastian Vettel könnte am Sonntag seinen vierten WM-Sieg feiern Bild: dpa

Sebastian Vettel dominiert die Formel 1 wie vor ihm nur Juan Manuel Fangio, Alain Prost und Michael Schumacher. Für viele ist der Deutsche der kommende Rekordchampion im Rennzirkus.

          5 Min.

          Er zieht seinen feuerfesten Rennoverall aus, zerzaust mit einer Hand sein blondes Haar, dann sucht sich Sebastian Vettel (Red Bull) seinen Weg durchs Fahrerlager von Suzuka. Es ist Freitag Nachmittag, der Kameramann hält drauf, nimmt den Deutschen in den Fokus, und kurz danach flimmern die Aufnahmen über die Monitore. In Superzeitlupe. In Rekordzeit ist der Sechsundzwanzigjährige aufgestiegen zum Gesicht der Formel 1, er dominiert diesen Sport, wie es lange kein anderer mehr getan hat. Nach seinem Sieg in Suzuka kann Vettel schon beim Großen Preis von Indien Ende Oktober zum vierten Mal in Folge Weltmeister der Formel 1 werden und damit eintreten in den elitärsten Zirkel der Szene. Denn Seriensieger, die eine ganze Epoche prägen, sind selten in dieser Sportart. Aber wen sehen die Zuschauer, wenn sie Vettel ins Gesicht schauen? Einen Champion. Einen der besten Rennfahrer der Welt. Aber ist er wirklich schon einer der Größten, die diese Rennsportserie seit 1950 hervorgebracht hat?

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einer hat daran keinen Zweifel. Christian Horner sitzt im Teampavillon von Red Bull. Seit beinahe fünf Jahren arbeitet der Brite inzwischen mit Vettel zusammen. „Er fährt besser, als ich es jemals gesehen habe“, sagt der Brite. Vettel hat in diesem Jahr keinen von außen erkennbaren Fehler gemacht, er hat sowohl im Qualifikationstraining als auch im Rennen die Kontrolle über seinen Rennwagen behalten und fast immer das Maximum herausgeholt. Horner sagt: „Sollte Sebastian den Titel in dieser Saison wirklich gewinnen, dann steht er auf einer Stufe mit Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher.“ Nur den beiden sind bisher vergleichbare Erfolgsserien gelungen. Fangio (1954 bis 1957) prägte die fünfziger Jahre, Schumacher (2000 bis 2004) die Anfangszeit dieses Jahrtausends. Mehr noch: Der Mann aus Kerpen hat die Grenzen seines Sports verschoben.

          Naturgewalt, Taktiker, Perfektionist - und der Unersättliche

          Schumacher gilt heute als Personifikation des Unerreichbaren. Die meisten Titel (7), die meisten Grand-Prix-Erfolge (91), die meisten Pole Positions (68), die meisten Führungsrunden (5111), die meisten Führungskilometer (24.144) – das sind die Rekorde, um die es geht. Kaum eine andere Sportart definiert sich so sehr über Zahlen und Statistiken wie die Formel 1. Und Vettel fährt in dieser Beziehung längst ein virtuelles Rennen gegen den Rekordweltmeister. „Jede Zeit hat ihren eigenen außergewöhnlichen Fahrer, und Sebastians Leistungen sind derzeit zweifellos herausragend“, sagt Schumacher dieser Zeitung. „Aber ich habe mich immer gegen Vergleiche gewehrt, und ich bleibe dabei, dass diese Vergleiche hinken.“ Große Sportler meiden Vergleiche mit anderen. Wer verglichen wird, verliert seine Einzigartigkeit.

          Juan Manuel Fangio – fünf Titel zwischen 1951 und 1957
          Juan Manuel Fangio – fünf Titel zwischen 1951 und 1957 : Bild: dpa

          Juan Manuel Fangio war wie eine Naturgewalt, Alain Prost der große Taktiker, Michael Schumacher ein Perfektionist – und Vettel ist der Unersättliche. Ausnahmetalente sind sie alle. „Sebastian gibt sich mit nichts zufrieden“, sagt Helmut Marko, der Motorsportdirektor von Red Bull, dieser Zeitung. „Er analysiert jedes Detail, weil er das perfekte Set-up für jedes Wochenende und jede Rennstrecke finden möchte. Und er hat das nötige Speichervermögen im Kopf, um das alles auch in Extremsituationen immer wieder abzurufen.“ Wie herausragend Vettel ist, erkennen Außenstehende vor allem an einer Statistik: Im Qualifikations-Duell mit seinem Teamkollegen Mark Webber steht es in diesem Jahr 14:1 für den Deutschen. Erst in Japan an diesem Samstag gelang dem Australier der Ehrenpunkt. Keine andere Fahrerpaarung bei den Spitzenteams ist in dieser Saison derartig einseitig geprägt. „Sebastian besitzt eine unglaubliche mentale Stärke“, sagt Marko. „Er konzentriert sich nur auf seine Aufgaben und ignoriert all die Blödheiten drum herum wie zum Beispiel Twitter. Seine Leistung ist herausragend.“

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