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Schumacher mit Problemen : Das Live-Erlebnis Formel 1 ist nichts fürs chinesische Volk

  • -Aktualisiert am

Michael Schumacher: Blieb im freien Training liegen Bild: dpa/dpaweb

Mindestens 13 Millionen Menschen leben Schanghai. Für die Formel 1 interessieren sich aber die wenigsten. Beim ersten Training, als Michael Schumacher mit Software-Problemen kämpfte, blieben die Ränge fast leer.

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          So viele Menschen, und dann kaum Zuschauer! Da brüllt und braust die Formel 1 zum ersten Mal in China, auf der nagelneuen Rennstrecke von Schanghai. Aber irgendwie hat das am Freitag keiner so recht mitbekommen. Jedenfalls ließ sich von den 13 Millionen Bürgern der Metropole kaum jemand sehen. Und so fragt man sich, ob die angekündigten 150.000 Menschen am Sonntag auch tatsächlich zur Premiere strömen. Oder sollte sich der blendende Kartenverkauf als Scheinhandel herausstellen? 15.000 Tickets bekam die Partei, große Kontingente sind von Firmen aufgekauft worden, deren Kunden auch mal absagen. Jedenfalls kann man beim Internetauktionator Ebay noch Billets ersteigern, während vor Ort nur noch die billigen Plätze frei sein sollen. Aber 370 Yuan (37 Euro) sind dann doch zuviel für den kleinen Mann. Im Durchschnitt verdient er 10000 im Jahr.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          "Das ist ein einzigartiger Kurs"

          Das Live-Erlebnis Formel 1 ist wohl nichts fürs Volk. Aber wenn es denn tatsächlich 170.000 Euro-Millionäre gibt, dann darf die Formel 1 hoffen, doch nicht auf Sand gebaut zu haben. Aber auf Styropor. Damit die ganze schöne Anlage nicht eines Tages im 300 Meter tiefen Sumpf versinkt, sind von den deutschen Architekten bis zu vierzig Meter hohe Styroporlagen eingesetzt worden. Die Strecke hält, was ihre Erbauer versprachen: "Das ist ein einzigartiger Kurs", sagt Weltmeister Michael Schumacher, "eine sehr interessante Herausforderung und insgesamt anstrengend." Allein die erste Kurve nach dem Start hat es in sich. Die Boliden rasen mit Vollgas (Tempo 300) in den Kurveneingang und müssen dann - nach einer zwischenzeitlichen Beschleunigung, peu a peu heruntergebremst werden. "Bis in den zweiten Gang", sagt Heidfeld, "das ist ja fast eine 360-Grad-Kurve. Das macht richtig Spaß."

          Gute Gefühle haben sie am Freitag alle davongetragen. Nur mit den Resultaten war nicht jeder zufrieden. Schumacher hatte seine Linie noch nicht gefunden und wurde Achter. Aber selbst der optimale Weg durch die vielen "blinden Kurven" (man sieht den Ausgang nicht) hätte den Chefpiloten nicht viel weiter vorangebracht. In dieser Saison war Ferrari am Freitag noch nie so deutlich hinter der Konkurrenz. Was in der Regel auf die Dauerlaufleistung am Sonntag schließen läßt. Demnach scheinen Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes und Jenson Button im BAR am besten gerüstet für die Premiere. "Wir sind hier nicht Favorit", erklärte Schumacher, aber ich denke, daß wir schon um den Sieg mitfahren werden."

          "Immer nur das Negative"

          Lobeshymnen wollte Flavio Briatore loswerden. Aber statt "enthusiastischer" Journalisten sah der Teamchef von Renault nur "Problemwälzer" vor sich in einer offiziellen Pressekonferenz. Weil Ford sich mit Ende des Jahres von der Formel 1 zurückzieht, weil Jaguar zusperrt und der Motorenhersteller Cosworth zur Disposition steht, kreisen die Themen mehr um die düstere Zukunft als um die Gegenwart. "Immer nur das Negative", brummte Briatore. Die Entscheidung von Ford könnte neben Jaguar auch die Kunden des Motorenlieferanten, Minardi und Jordan, aus der Bahn werfen.

          Trotzdem wird dieser Schritt nicht als Fanal für eine dringend notwendige Einigung der Parteien im Machtkampf um die Formel 1 erkannt. Im Gegenteil. Am Freitag untermauerte der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), Max Mosley, seine Position der Härte gegenüber den Konzernen BMW, Honda und Mercedes. Sie lehnen eine Reduzierung der Motoren von zehn auf acht Zylinder sowie von drei auf 2,4 Liter Hubraum für 2006 kategorisch ab. Neben seiner Rolle als Sachanwalt (Kostenersparnis und Sicherheit) übte Mosley sich aber auch ohne Not als Spötter: "Da macht ein Sechzigjähriger, was wir mit 30 gemacht haben. Er setzt sich mit einer albernen Jacke und Kopfhörern an die Boxenmauer. Dann platzt der Motor eines seiner Autos, es qualmt, es fließt Öl, aber im Interview sagt der Mann, ,oh, da hatten wir ein elektronisches Problem'."

          Den Namen wollte Mosley nicht nennen. Die anonyme Schilderung wird auch so ankommen. Vermutlich spielt der distinguierte FIA-Boss - "die Werke verschwenden Geld" - mit der Provokation. Die Antwort wird kommen. Vielleicht in Form einer Klage - allerdings gegen die Regeländerung, nicht wegen der Polemik.

          Drei Ferraris im nächsten Jahr?

          Die eigentlichen Hauptdarsteller reagieren inzwischen mehr und mehr amüsiert auf die verfahrene Situation. Für den Fall, daß drei Teams mit Ende der Saison ins Abseits rollen, müßten einige der übrigen Rennställe drei Boliden auf Räder stellen. Nur so könnte das Feld wieder den vertraglich geregelten Ansprüchen der Fernsehsender (mindestens 18 Autos) entsprechen. Angesichts dieser Aussicht schlug Ralf Schumacher die Hände über dem Kopf zusammen: "Nur das nicht. Dann stehen drei Ferrari vorne." Bester Laune ob seiner ansprechenden Rundenzeiten tat der von zwei Brustwirbelbrüchen genesene BMW-Williams-Pilot, was Flavio Briatore sich so sehnlich wünschte. Er lobte Schanghai über den grünen Klee. "Nur in der Boxengasse ist es noch zu rutschig. Da könnte die Mechaniker beim Boxenstopp in einem anderen Bereich landen." Mit 80 Kilometern pro Stunde schießen die Piloten auf ihre Crew zu. Davon abgesehen hätte der BMW-Schumacher beinahe abgehoben vor Begeisterung. Aber das haben die Chinesen nicht so gerne. Private Hubschrauber sind nicht erlaubt. Wer ins Hotel will, muß fahren. Das kann dauern. Michael Schumacher brauchte am Donnerstag für etwa vierzig Kilometer gut eineinhalb Stunden - trotz Polizeieskorte. Da ließ er sich eine Matratze in den Ruheraum legen, direkt hinter der Box.

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