https://www.faz.net/-gtl-88uwc

Formel 1 : Ist Ecclestones Geldverteilung illegal?

  • -Aktualisiert am

Gesprächsbedarf in Sotschi: Bernie Ecclestone (rechts) mit Wladimir Putin. Bild: dpa

Sauber und Force India beschweren sich bei der EU über offenbar willkürliche Zahlungen an die großen Formel-1-Teams und fordern Chancengleichheit. Aber ist die Geldverteilung tatsächlich ungerecht?

          3 Min.

          Am vergangenen Freitag hat die EU-Parlamentarierin Annelise Dodds aus England wieder Partei ergriffen für die Formel-1-Rennställe Force India und Sauber. Die Labour-Abgeordnete forderte die Wettbewerbskommission der EU in einem Brief auf, beim scharfen Blick auf die Zustände im Spitzensport nur ja nicht hinter den Amerikanern und Schweizern zurückzubleiben. „Nach der Beschwerde über die Verhältnisse in der Formel 1 muss die EU die Führung zur Klärung in einem Sport übernehmen, den viele in Europa lieben.“ Und eine Untersuchung einleiten: „Sonst rutscht nach der Fifa der nächste Sport in eine Integritätskrise.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Im Fahrerlager von Sotschi gaben sich die Protagonisten wie Bernie Ecclestone, der Statthalter des Vermarktungs-Rechte-Besitzers CVC, gelassen rund um das Rennen in Sotschi am Sonntag. Aber hinter den Kulissen, so ist zu hören, sind zumindest die Besitzer des die Geschäfte kontrollierenden Finanzinvestors einigermaßen überrascht gewesen von der kühnen Tat. Sie haben es also doch gewagt, Sauber und Force India.

          Nach jahrelangen, vergeblichen Bemühungen um eine Lösung schickten die beiden Teams Ende September eine formale Beschwerde nach Brüssel ins Büro der Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Die schon über ein Jahr involvierte Politikerin Doods will den Prozess nun beschleunigen. Sie teilt die Standpunkte von Sauber und Co: „Unter den eingeführten Regeln erhalten Ferrari, Red Bull, McLaren, Mercedes und Williams zweistellige Millionensummen jedes Jahr unabhängig von ihrem Ergebnis auf der Strecke. Das ist unfair gegenüber kleineren Teams.“

          Aber ist die Geldverteilung aus den Vermarktungseinnahmen tatsächlich ungerecht? Ein Blick auf die Auszahlung 2015, Basis ist die vergangene Formel-1-Saison, genügt, um eine frappierende Diskrepanz feststellen zu können. Nach Informationen von FAZ.NET erhält Ferrari etwa 162 Millionen Dollar. 64 Millionen davon werden als Antritts- und Erfolgsprämie, abhängig von den Resultaten in den Rennen, ausgeschüttet. In dieser Kategorie ist der Schlüssel für alle gleich: Der Weltmeister erhält am meisten, der Letzte am wenigsten. Warum aber fließen noch einmal 100 Millionen Dollar in die Kassen der Scuderia? Warum bekommt Red Bull siebzig, Mercedes nur 35, Force India und Sauber aber nichts? (Siehe Kasten am Ende des Textes.)

          „Diese Privilegien beschädigen den Sport“

          Weder zu diesem 2013 eingeführten Zahlungsmodus noch zu den Begründungen gibt es offiziell Erklärungen. Ferrari, so heißt es, habe sich die „Nebeneinkunft“ mit seiner Treue zur Formel 1 seit der Gründung 1950 verdient. Red Bull kreist zwar erst seit 2004 im Fahrgeschäft der Formel 1, kassiert aber angeblich unter anderem für seinen Status als Doppelweltmeister. Und McLaren? Ist doch eines der erfolgreichsten Teams. Für jeden alimentierten Rennstall, der Eindruck drängt sich auf, sind willkürliche Rechtfertigungen gefunden worden. Wer aber nicht beteiligt ist an diesem Teil des Systems, bleibt wohl auf ewig ein Hinterbänkler.

          Denn wenn schon im Fußball Geld Tore schießt, dann ist die Geldranglisten-Position in einem von sündhaft teuren Entwicklungen abhängigen Sport wie der Formel 1 noch evidenter. Zumal die „Kleinen“ gegenwärtig nicht der Strategiekommission angehören, in der Regeln und Zukunftsprojekte der Formel 1 quasi fixiert werden, wie etwa das inzwischen heftig umstrittene, extrem teure Hybrid-Antriebs-Modell. „Diese Privilegien“, sagt die Teamchefin von Sauber, Monisha Kaltenborn, am Freitag in Sotschi, „beschädigen den Sport.“

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Bernie Ecclestone hat die Verträge mit den fünf Privilegierten ausgehandelt. Er versteht die Dinge gerne in seinem Sinn: „Sie (Force India und Sauber/d. Red.) sagen, wir gäben zu viel Geld an einige Teams und nicht genug an andere.“ Das aber ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die Beschwerdeführer fordern nicht etwa eine „garantierte“ höhere Ausschüttung, sondern wollen via EU eine Chancengleichheit erreichen.

          Selbst ein Serien-Weltmeister Force India bliebe unter den geltenden Vereinbarungen Jahr für Jahr hinter Ferrari zurück. Die praktizierte Geldverteilung schränkt die Aufstiegschancen über sportlichen Erfolg zweifellos radikal ein. Also auch den ökonomischen Wettbewerb. Formel-1-Teams sind schließlich Geschäftsunternehmen. Deshalb ist in einem Strategiepapier zur Beschwerde von Verstößen gegen Artikel 101 und 102 des Europäischen Wettbewerbsrechtes die Rede: Demnach hätte die Formel-1-Gruppe ihre dominante Stellung missbraucht und unter anderem gegen ihre Pflicht verstoßen, einen unfairen Wettbewerb zu verhindern.

          Halten Sonderabsprachen der EU-Prüfung stand?

          Auch Mercedes hat zumindest die Geldverteilungs-Konstruktion vor dem Abschluss des Vertrages 2012 nicht gefallen, aber aus anderen Gründen. Die Verhandlungen zogen sich hin, weil die Stuttgarter unter anderem wegen ihrer Silberpfeil-Historie partout nicht einsehen mochten, schlechter als der Brausemilliardär Mateschitz mit seinen rasenden Red-Bull-Dosen behandelt zu werden. Sie schäumten und konnten sich doch nicht auf ganzer Linie durchsetzen. Weshalb der Konzern den Verlust des Formel-1-Projektes 2014 (rund 104 Millionen Euro) ausgleichen muss. Zwar steht Mercedes wegen der Seriensiege vor fetten Jahren nach großen Investitionen. Allein für denam Sonntag gesicherten zweiten Konstrukteurstitel in Serie (Doppelweltmeisterbonus) gibt es 35 Millionen Dollar.

          Aber werden die Sonderabsprachen einer EU-Prüfung standhalten? Und, ein heikler Punkt, haben auch die Teams vielleicht zu den möglichen Verstößen beigetragen, weil sie die Situation gehörig ausnutzten? Zum Zeitpunkt der Vertragsverhandlungen hatte CVC die Absicht, mit der Formel 1 an die Börse in Singapur zu gehen. Für einen Starterfolg brauchte der Rechtehändler Zusagen prominenter Teams, möglichst lange in der Formel 1 zu bleiben. Die Kandidaten ließen sich die Unterschriften offenbar mehr oder weniger vergolden. Zum Börsengang kam es nicht, aber die Verträge gelten. Noch.

          Kuriose Differenzen in der Formel 1

          Prämienauszahlung und „Nebeneinnahmen“ 2015 für die Formel-1-Teams aus dem Vermarktungstopf des Rechtehändlers*

          Ferrari: 162 Mio. Dollar, davon 64 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, „Nebeneinkünfte“: 98 Mio.

          Red Bull: 153 Mio. Dollar, davon 80 Mio. Antritts-Erfolgsprämie, „Nebeneinkünfte“: 73 Mio.

          Mercedes: 124 Mio. Dollar, davon 89 Mio. Antritts- und Erfolgspr., „Nebeneinkünfte“: 35 Mio.

          McLaren: 95 Mio. Dollar, davon 61 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, „Nebeneinkünfte“: 34 Mio.

          Williams: 68 Mio. Dollar, davon 60 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, „Nebeneinkünfte“: 8 Mio.

          Force India: 58 Mio. Dollar, davon 58 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, keine „Nebeneinkünfte“

          Toro Rosso: 52 Millionen Dollar, davon 52 Mio. Antritts- und Erfolgspr., keine „Nebeneinkünfte“

          Lotus: 48 Millionen Dollar, davon 48 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, keine „Nebeneinkünfte“

          Manor: 45 Millionen Dollar, davon 45 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, keine „Nebeneinkünfte“

          Sauber: 42 Millionen Dollar, davon 42 Mio. Antritts- und Erfolgsprämie, keine „Nebeneinkünfte“

          *Abrechnung der Saison 2014 Quelle: Schätzung FAZ.NET

          Weitere Themen

          Alles hört auf sein Kommando

          HSV-Trainer Hecking : Alles hört auf sein Kommando

          Er wirkt etwas altmodisch, aber Trainer Hecking tut dem sonst so aufgeregten Hamburger SV dank seiner natürlichen Autorität gut – das imponiert auch seinen Vorgesetzten.

          Großmeister mit 14 Jahren

          Schachspieler Vincent Keymer : Großmeister mit 14 Jahren

          Im Alter von 14 Jahren, elf Monaten und vier Tagen steigt Vincent Keymer zum jüngsten deutschen Schach-Großmeister der Geschichte auf. Obwohl er noch so jung ist, markiert der Titel das Ende einer Durststrecke für den Schüler.

          Topmeldungen

          Erledigen Sie die Spieler des gegnerischen Teams: Szene aus dem Handyspiel Call of Duty Mobile

          Anschlag von Halle : Vom Ballerspiel zum Mordanschlag

          Stephan B. wollte seine Attacke in Halle aussehen lassen wie ein Videospiel. Eine Spurensuche in einer Welt, in der alles nur ein Witz sein kann – oder bitterer Ernst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.