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Saisonfinale im MotoGP : Valentino Rossi, der Vollgas-Typ

Fährt Valentino Rossi am Sonntag zu seinem zehnten WM-Titel? Bild: Reuters

Motorrad-Superstar Valentino Rossi hat im Netz 16 Millionen Fans - mehr als Formel-1-Champion Lewis Hamilton. Mit 36 Jahren ist der Italiener noch immer ein Meister des Kampfes auf der Piste. Jetzt kann er seinen zehnten WM-Titel gewinnen.

          Die Frauen sprechen am liebsten über seine Augen. Sie sind blau und kristallklar, es sind Augen, die den Menschen Valentino Rossi so herrlich unschuldig daherkommen lassen. Aber das ist nicht mehr als eine gefährliche Täuschung. Rossi spielt mit diesen Augen, er kokettiert außerdem mit seinem Lächeln, mit seiner Mimik, seiner Gestik. Ein Clown - so nennen sie ihn in der Szene, dabei ist den meisten seiner Gegner das Lachen längst vergangen. Rossi ist der erfolgreichste Motorradrennfahrer der Gegenwart, neunmal wurde er in verschiedenen Klassen Weltmeister, an diesem Sonntag kann in Valencia (Start: 14 Uhr MEZ) der zehnte Titel des Italieners folgen. Es wäre eine Sensation. Der Mann ist 36 Jahre alt.

          So blau: Seine Augen lassen Valentino Rossi herrlich unschuldig daherkommen - das ist der Star der Szene aber mitnichten.
          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber das Feuer ist noch in ihm. Wer jemals daran zweifelte, wurde vor zwei Wochen beim MotoGP-Rennen in Sepang eines Besseren belehrt. Es lief die siebte Runde, Rossi kämpfte seit Kilometern gegen Marc Márquez, überholte den Spanier, wurde seinerseits überholt, als er schließlich die Nerven verlor. Vor einer Rechtskurve blockte Rossi den Spanier zunächst, holte dann mit seinem linken Fuß aus und trat Márquez schließlich von dessen Maschine. Der Spanier stürzte, blieb allerdings unverletzt. Rossi fuhr weiter und kam schließlich als Dritter ins Ziel.

          Aber warum um alles in der Welt reagierte der Italiener derart rabiat und kompromisslos? Eine Frage, die er danach immer wieder beantworten musste.

          Rossi war außer sich, als er nach dem Rennen im Fahrerlager stand und Interviews gab. Selbst langjährige Beobachter der Szene sagen, dass sie ihn so bisher nur selten erlebt hätten. Kein Lächeln im Gesicht, kein Funkeln in den Augen, stattdessen: Wut. Rossi warf Márquez vor, ihn zuvor absichtlich blockiert zu haben - wie ein fahrendes Hindernis auf seiner rund 250 PS starken Honda. So, glaubte Rossi, wollte Márquez dessen spanischen Landsmann Jorge Lorenzo im Titelkampf helfen. Aber das wollte sich Rossi nicht gefallen lassen, also schüttelte er den vierzehn Jahre jüngeren Rivalen einfach ab wie eine lästige Klette.

          Die Konsequenz: Rossi wurde bestraft und muss nun beim letzten Rennen der Saison vom letzten Platz aus starten. Lorenzo, sein Yamaha-Teamkollege und einzig verbliebene Rivale um den Titel, liegt in der Gesamtwertung zwar sieben Punkte zurück, sicherte sich im Qualifikationstraining am Samstag aber Startplatz eins. Es ist also wieder eine dieser typischen Rossi-Situationen. Eine, die ausweglos erscheint - und vor der der Italiener dennoch nicht zurückschreckt.

          „Überleg mal, was wäre, wenn ich niemals Motorradrennen gefahren wäre. Wie anders die Dinge heute sein würden. Überleg einfach, wie es wäre, wenn ich es nie versucht hätte.“

          Mit diesen Sätzen schließt Rossi seine Autobiographie. Er hat sie 2005 verfasst, damals war er gerade einmal 26 Jahre alt. Andere Karrieren beginnen da gerade erst, Rossi aber hatte die Motorrad-Welt längst erobert. Heute hat er 329 Grands Prix absolviert, 112 davon er hat gewonnen, stand insgesamt 211 Mal auf dem Podium und sicherte sich zudem 61 Mal die Pole Position. Übertroffen wird Rossi nur von seinem legendären Landsmann Giacomo Agostini, der in den sechziger und siebziger Jahren fünfzehn Titel und 122 Grands Prix gewann, bei MV Agusta allerdings jahrelang keine starken Gegner fürchten musste und zudem überlegenes Material hatte. Für viele Experten ist deshalb Rossi der Größte in der Geschichte des Motorrad-Rennsports.

          Rossi hinter Marquez: ein verhängnisvoller Tritt, kindisch wie Zidanes Kopfstoß

          Tavullia in der Provinz Pesaro und Urbino im Osten von Italien, dort hat alles begonnen, dort ist Rossi aufgewachsen. Schon sein Vater Graziano startete in der Motorrad-Weltmeisterschaft, war aber bei weitem nicht so erfolgreich wie der Sohn. Seine drei einzigen Grand-Prix-Siege gelangen dem Senior 1979, also im Geburtsjahr von Valentino Rossi. Der wuchs auf mit der Leidenschaft für den Rennsport, war gerade einmal zwei Jahre alt, als ihm sein Vater ein Elektromofa mit Stützrädern schenkte. Als kleiner Junge hat Rossi oft die Schule geschwänzt und sich stattdessen mit seinen Freunden getroffen. Mit ihren frisierten Mopeds sind sie dann um die Wette gefahren, haben sich Verfolgungsjagden mit den örtlichen Carabinieri geliefert, und gewonnen haben soll zumeist: Valentino Rossi. Sein Talent blieb den Verantwortlichen in der Motorrad-WM nicht lange verborgen. 1996 unterschrieben seine Eltern für Rossi den ersten Werksvertrag. Noch im gleichen Jahr gewann er in Brünn seinen ersten Grand Prix.

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