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Rubens Barrichello : Seine letzte Chance

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Gefühlsecht: Rubens Barrichello ist schnell - auf der Strecke und in seinen emotionalen Urteilen Bild: AP

Im Alter von 37 Jahren kann der Brasilianer Rubens Barrichello sein „wahres Ich“ zeigen - und Weltmeister der Formel 1 werden. Der Senior der Szene hat die Bremse gelöst. Dabei bleibt er, wie man ihn seit 1993 kennt: emotional.

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          Rubens Barrichello ist kein Pokerspieler. Er würde viel verlieren. Sein Mienenspiel verrät alles: Ass oder Bauer, Freude oder Trauer, Friede oder Kampf. Am Samstag schaute er mürrisch. Die Angst vor einem Getriebeschaden bremste den jüngsten Schwung des Brawn-Piloten. Zwar kam er mit der neuen Schaltzentrale beim Qualifikationstraining (Fünfter) in die Gänge, aber zur Strafe für den Austausch rückt er in der Startaufstellung für den Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag (14 Uhr) um fünf Plätze zurück auf Position zehn. Ein bitterer Moment.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Denn vier Rennen vor Ende der Saison liegt er nur noch 14 Punkte hinter seinem Teamkollegen bei Brawn GP, Jenson Button, auf Rang zwei der Fahrerwertung. Und fühlt sich eigentlich reif für das große Überholmanöver. Zwei der drei vergangenen Grands Prix hat der Südamerikaner gewonnen. Button keinen mehr in den letzten sechs Versuchen seit Anfang Juni. Und so trat Barrichello zuletzt auf, wie ihn keiner kennt: als ernsthafter WM-Kandidat.

          Endlich. Der 37 Jahre alte Senior der Szene hat die Bremse gelöst. Mit einem Systemwechsel am Boliden zur Mitte der Saison, als ihm Button längst enteilt schien. Bis dahin klagte Barrichello über ein unruhiges Heck, wenn er vor den Kurven mit einem Tritt aufs Pedal sein Tempo von 300 auf 80 Kilometer pro Stunde reduzierte. Piloten verlieren, wenn sie misstrauen. Jetzt aber traut Barrichello wieder allem und allen. „Ich fühle, dass das Team beiden Fahrern die gleichen Möglichkeiten gibt. (...) Es bedeutet, dass ich mein wahres Ich zeigen kann.“ Und wie sieht das aus?

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          Barrichello ist ein sehr guter Rennfahrer. Man schätzt ihn seit den ersten Rennen 1993 als entschlossenen, furchtlosen Piloten mit einem Faible für spektakuläre Überholmanöver. Nichts hat er davon im Laufe der 17 Jahre eingebüßt. Ende August schoss er in Spa-Francorchamps außen an Mark Webber im Red Bull vorbei, und zwar in der Blanchimont-Passage, einer der schnellsten und deshalb gefährlichsten Kurven auf der Welttour der Formel 1. „Als ich auf seiner Höhe war, habe ich mich kurz an den Unfall von (Luciano) Burti erinnert, der an dieser Stelle geradeaus in die Reifenstapel geprallt ist. Ich habe mir gedacht: Augen zu und durch.“

          Sechs Jahre hinter Schumacher

          Schon der junge Barrichello verstand es, mit solchen Stunts auf sich aufmerksam zu machen. So schürte er die Hoffnungen der Fans nach dem Unfalltod des brasilianischen Helden Ayrton Senna 1994. Barrichello sollte dessen Erbe antreten. Und er wollte es auch. Doch bislang kam der Weltmeister in spe nie über den Kandidatenstatus hinaus. Selbst mit dem besten Auto. In sechs Jahren bei Ferrari blieb Barrichello hinter Michael Schumacher nur der weitaus Zweitbeste.

          Inzwischen deutet er immer häufiger an, auf den Status „1b“ (Barrichello) fixiert worden zu sein. Als Beleg dient ihm das Rennen von Österreich 2002. Damals musste der Beifahrer auf Geheiß von Rennleiter Jean Todt die Führung abgeben – für den Sieg des Titelkandidaten Schumacher. Ohne fremde Hilfe, behauptete Barrichello nun vor zwei Wochen in Monza, hätte er den Überlebenskampf gewonnen: „Michael war hinter dem Lenkrad großartig. Ich denke, dass er vielleicht etwas mehr Fähigkeiten hatte als ich. Aber wenn man uns beide in einen Käfig mit einem Tiger eingesperrt hätte, dann wäre ich vielleicht lebend rausgekommen. Ich bin mir nicht sicher, was mit ihm gewesen wäre.“

          Rubens, wie man ihn kennt. Nach glänzenden Touren neigt er zu rhetorischen Rücktritten, schwankt zwischen Glücksgefühlen und Rachegelüsten. Auch bei Brawn haben sie in diesem Jahr den wankelmütigen Barrichello schon erlebt. Wütend sprach er nach dem Rennen in Barcelona von einer Benachteiligung, weil Button eine Strategievariante genoss, die ihm nicht zuteil wurde. Kurz nach dem Grand Prix am Nürburgring wollte der Brawn-Fahrer aus ähnlichem Grund schon gar nicht mehr mit seiner Teamführung reden: „Das hat doch keinen Sinn.“

          Barrichello spielt mit offenen Karten

          Brawn oder Ferrari, für Barrichello schien sich nichts geändert zu haben im Zusammenspiel mit alten Bekannten. Schließlich ist Schumachers kongenialer Taktikexperte bei Ferrari, Ross Brawn, nun Teamchef von Barrichello. Ein Mann, der alle Schwankungen seines braven Piloten kennt, auch die auf der Piste. Bei den geringen Zeitabständen sind sie nicht immer zu erkennen, aber abzulesen in der Statistik. In der Ferrari-Ära mit Schumacher gewann Barrichello neun Rennen, der Deutsche 49. Bei Brawn war die Sieg-Quote im Vergleich zu Button bis zum Rennen in Monza fast identisch: 1:6.

          Mit dem Aufschwung haben sich die Vorwürfe aufgelöst. Munter plaudert Barrichello vom Segen der Gleichheit. „Ich wusste schon mal nicht so genau, ob mir das Team (Ferrari) dieses oder jenes erlauben würde. Aber jetzt fühle ich mich gut. (...) Wir legen alles offen. Wir beide gehen gleichzeitig die Checkliste durch. Wir können das beide hören. Natürlich sind sich die Autos deshalb sehr ähnlich, aber das ist in Ordnung.“ Spätestens seit Silverstone darf also Button Barrichello über die Schulter schauen, um herauszufinden, warum es nicht mehr zu Siegen reicht. Ein netter Zug des Verfolgers. Barrichello spielt mit offenen Karten. Champions selten.

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