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Robert Kubicas Abschied : Mit einem Arm und einem Lächeln

  • -Aktualisiert am

Abschiedsfahrt in der Formel 1: nach diesem Wochenende ist Schluss Bild: Picture-Alliance

Robert Kubica verabschiedet sich aus der Formel 1 – als Geschlagener. Doch auch als Sieger über das eigene Handicap. Nur wenige hatten ihm überhaupt ein Comeback zugetraut.

          3 Min.

          Die Formel 1 als Hort der Inklusion. Das war kein Thema vor einem Jahr, als Robert Kubica beim letzten Rennen der Saison in Abu Dhabi zum neuen Piloten von Williams erkoren wurde. Wie er strahlte damals. Wie er sich freute auf sein Comeback. Acht Jahre nach seinem schweren Rallye-Unfall durfte der Pole wieder in ein Formel-1-Cockpit klettern. Trotz seines dürren rechten Arms, kaum zu gebrauchen für die Alltagsdinge. Aber bei Tempo 300 in einer Linkskurve? „Die Ergebnisse waren nicht so, wie ich und andere gehofft hatten“, sagte Kubica am Donnerstag.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Comeback-Jahr ist fast zu Ende. Die Karriere als Stammfahrer eines Formel-1-Teams auch. Am Sonntag steigt der 35-Jährige zum letzten Mal in den Williams ein. Er hofft auf einen würdigen Abschied beim Saisonfinale (14.10 Uhr/F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei RTL und Sky). Nach 16 Niederlagen in zwanzig Wettrennen mit seinem Teamkollegen George Russell? Der junge wie talentierte Brite setzte sich auch im Qualifikationstraining durch, an jedem Samstag: 20:0. Ein-, zweimal hauchdünn nur, überwiegend aber deklassierend, bis zu 1,7 Sekunden schneller auf einer Runde. Im Fahrerlager spricht man in solchen Fällen von einer Vernichtung.

          Kubica strahlte am Donnerstag. Er machte lockere Sprüche, schmunzelte, als ihm eine Überraschungstüte, gefüllt von einem Konkurrenten, überreicht wurde. Beim Aufreißen des Weihnachtspapiers tauchte ein Anglerhütchen auf, in Rot-Weiß. Die Farben der polnischen Nationalflagge jetzt bei der Karpfenjagd obenauf? Im zweiten Päckchen entdeckt Kubica Creme. Aha, das Ruhestandspäckchen. Besonders originell, das sagte sein Blick, findet er die Gabe nicht. Kubica bekam die Kurve, bedankte sich freundlich, so wie er vorher und nachher die Mühe von Williams über das Jahr lobte, sowie die der Ingenieure und Mechaniker an der Strecke, an jeder Schraube zu drehen. Wenn auch vergeblich. Das Auto ist eine Krücke. Schwer zu fahren. Nicht nur mit einer Hand.

          „Es ist nicht gut für den Sport, wenn jemand mit einer Behinderung mitfahren kann. Jedenfalls nicht in der Formel 1, vielleicht in anderen Klassen.“ Jacques Villeneuve, 1997 als Weltmeister im Williams über Michael Schumacher hochgelobt, heute eher als Stänkerer des Fahrerlagers ganz vorne, sagte während der Saison laut, was andere dachten.

          Dass Kubica an der Selbsteinschätzung der Königsklasse kratzte, mit seiner Rückkehr aus der Rehabilitation für Schwerverletzte ihren Nimbus gefährdete, das immer wieder kolportierte Alleinstellungsmerkmal in Frage stellte: schnellste und härteste Rennserie auf diesem Planeten. Wie aber lässt sich mit einer Hand das Lenkrad halten, wenn Kräfte von bis zum Vierfachen des Körpergewichts in manchen Kurven am Leibe zerren?

          Folgenschwerer Rallye-Unfall 2011: Robert Kubica überlebt das Unglück nur knapp.

          Kubica steht am Donnerstag im T-Shirt und in Shorts im Fahrerlager unter der brennenden Sonne. Die Urgewalt des Crashs 2011 bei der Rallye in Andorra, bei dem sich die Leitplanke in das Cockpit bohrte, sieht man ihm an. Er überlebt das Unglück nur knapp. Das rechte Bein ist übersät von Narben. Auf dem rechten Arm ziehen die Spuren der vielen Operationslinien über den Ellbogen hinauf zum Oberarm. Dünn wölbt sich der Bizeps, kaum ausgeprägt sind die Muskeln des Unterarms, die Finger wirken steif. Kubicas Kollegen trainieren Jahr für Jahr die Kraft der oberen Extremitäten. Ein Handschlag von Weltmeister Lewis Hamilton wirkt wie ein Schraubstock. Kubica kann mit Rechts nicht mehr zupacken: „Eigentlich“, sagte der Renault-Pilot Nico Hülkenberg in Abu Dhabi, „ist das mit einem Arm nicht zu machen in der Formel 1. Hut ab, es gibt nicht viele, die das schaffen würden.“

          Und es gab nicht wenige, die sich hinter vorgehaltener Hand Sorgen machten vor einem Jahr. Ob Kubica denn in der Hektik nach dem Start in der ersten Kurve den Überblick behalten könne zum eigenen und zum Wohl der Kollegen. „Das haben mir viele nicht zugetraut. Später kamen sie und klopften mir auf die Schulter. Gerade meine ersten Runden waren ganz gut.“ Kubica lächelte. Er führte vor mehr als einer Dekade als BMW-Pilot zwischenzeitlich die Fahrer-Weltmeisterschaft an. Hätte er sich bei dem Rallye-Ausflug nicht mit voller Wucht aus dem Rennen genommen, er wäre wohl bei Ferrari gelandet.

          Auch in der Formel 1 war Kubica schwer verunglückt, 2007 in Montreal.

          Und würde jetzt nicht von einem gewissen Nicholas Latifi verdrängt. Dem Kanadier, derzeit Zweiter der Formel 2, geht nicht der Ruf voraus, ein besonderes Händchen für die Kunst des Steuers zu besitzen. Aber einen Vater zu haben, dessen Potenz 2018 für eine zehnprozentige Beteiligung am Rennstall McLaren im Wert von gut 200 Millionen Pfund (233 Millionen Euro) reichte.

          Gegen Kubica sprach zuletzt sicher nicht nur der Druck für Williams, als Tabellenletzter endlich aufrüsten zu müssen. Doch die Tour mit dem erschreckend schwachen Topteam vergangener Tage eröffnet ihm die Chance, das unvollendete Kapitel auf der Piste abzuschließen. „Ich bin nicht zufrieden mit meiner generellen Performance, aber doch recht glücklich darüber, wie mein Körper auf die schwierigen Herausforderungen in diesem Jahr reagiert hat.“ Mit links.

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