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Formel 1 : Wie Renault und Red Bull um die Zukunft pokern

  • -Aktualisiert am

Renault-Präsident Carlos Ghosn stellt die Formel 1 auf den Prüfstand. Bild: AFP

So richtig lohnt sich die Formel 1 nur für Mercedes. Renault und Honda geben mehr Geld aus und bekommen weniger zurück. Würden die Franzosen den Stecker ziehen, hätte vor allem Red Bull ein großes Problem.

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          So richtig lohnt sich die Formel 1 nur für Mercedes. Das Team ist gut finanziert, und die Marke gewinnt alle zwei Wochen Rennen. Am Sonntag, beim Großen Preis von Singapur (14 Uhr/ Live bei RTL und Sky), sind die Silberpfeile wieder Favoriten. Unter dem Strich kostet Mercedes die Imagewerbung weniger als 100 Millionen Euro. Ein Schnäppchen angesichts der Außenwirkung. Ferrari lebt in diesem Jahr noch davon, die Lücke zu Mercedes ein bisschen geschlossen zu haben. Das wird 2016 nicht mehr reichen. Dann muss Ferrari ein wehrhafter Gegner für die Silberpfeile sein. Sonst wird Konzernchef Sergio Marchionne erklären müssen, wofür er 100 Millionen Euro zusätzlich in eine bessere Infrastruktur, bessere Werkzeuge und neue Mitarbeiter gepumpt hat.

          Renault und Honda geben mehr Geld als Mercedes aus und bekommen weniger zurück. Renault-Präsident Carlos Ghosn hat die Formel 1 deshalb auf den Prüfstand gestellt. Es geht um alles oder nichts. Die Kundenteams Red Bull und Toro Rosso werden auf eigenen Wunsch die Renault-Motoren verlieren. Ghosn legt seinen unzufriedenen Chassispartnern keine Steine in den Weg, obwohl der Vertrag erst Ende 2016 ausgelaufen wäre. Im Augenblick prüft Renault, Lotus zu übernehmen und wieder als Werksteam anzutreten. Es wäre der dritte Anlauf. Von 1977 bis 1985 und von 2002 bis 2009 gab es jeweils einen französischen Nationalrennstall. Er hat Renault 2005 und 2006 zwei WM-Titel eingebracht.

          Lotus lebt von der Hand in den Mund

          Ghosn sagte auf der IAA in Frankfurt, dass Renault nicht unbedingt in der Formel 1 bleiben müsse. Es klang wie eine Drohung. Die Verhandlungen mit Lotus ziehen sich in die Länge. Es geht darum, welchen Anteil die augenblicklichen Besitzer um Gérard Lopez, Andy Ruhan und Eric Lux behalten dürfen, und ob Renault in Bernie Ecclestones undurchsichtigem Verteilungsschlüssel ein sogenanntes privilegiertes Team wird oder nicht. Eigentlich haben die Franzosen wegen der beiden Titel Anspruch darauf. Ecclestone sagte Ghosn mündlich Extrazahlungen zu, aber er weigert sich, schriftliche Garantien abzugeben. Ghosn besteht darauf.

          Würde Renault den Stecker ziehen, wäre das nicht der Untergang der Formel 1. Lotus würde auf Sparflamme mit Mercedes-Motoren weiterfahren, Pastor Maldonado als Fahrer für 2016 bestätigen und mit dessen Mitgift aus dem venezolanischen Ölkartell von umgerechnet 42 Millionen Euro alle offenen Rechnungen begleichen und bis zum Ende des Winters durchhalten. Im April trifft dann die erste Rate des Vermarkters ein, der Anteil an den TV- und Startgeldern. Lotus lebt von der Hand in den Mund.

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          Ein viel größeres Problem haben Red Bull und sein Satellit Toro Rosso. Sie brauchen neue Motoren. Die Auswahl ist übersichtlich. Da McLaren exklusiv mit Honda verbunden ist, müssen Mercedes und Ferrari das restliche Feld unter sich aufteilen. Das ist so lange kein Problem, so lange keines der Kundenteams sportlich eine Gefahr darstellt. Aber genau das ist bei Red Bull. Der viermalige Weltmeister ist mit einem konkurrenzfähigen Motor für jeden eine Gefahr. Mercedes hat keine große Lust, einen potentiell starken Gegner zu beschleunigen. Man kann das aber so offen nicht sagen. Das würde dem Ansehen der Marke schaden und Fragen provozieren, die Mercedes vermeiden will: Wo bitte bleibt der Sportsgeist, meine Herren?

          Ferrari hat sich zwar angeboten, doch die Offerte von Sergio Marchionne ist mit Vorsicht zu genießen. Red Bull müsste fürchten, nur zweitklassige Motoren zu bekommen. Ferrari kann es sich noch viel weniger als Mercedes leisten, von Red Bull mit eigenen Motoren geschlagen zu werden. Mercedes hat zwei WM-Titel in der Tasche. Und das Team hat nun zweimal bewiesen, dass es ein gleichwertiges, vielleicht sogar besseres Chassis bauen kann als Red Bull mit Stardesigner Adrian Newey. Ferrari läuft dem Titel seit 2007 hinterher. Ferrari würde sich wohl selbst schwächen, wenn man mit Red Bull, Toro Rosso, Sauber, Manor und dem neuen Rennstall Haas F1 gleich fünf Teams belieferte, Mercedes mit Williams, Force India und Lotus dagegen nur drei.

          Was also tun? Red Bull macht nicht den Eindruck, als wäre man von großer Eile getrieben. Teamchef Christian Horner scheint das Drängen seiner Ingenieure nicht zu stören: „Irgendeiner muss uns einen Motor geben, wenn sie nicht wollen, dass zwei Teams verschwinden.“ Er hat Jean Todt, dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes, das Schreckensszenario an die Wand gemalt: Kann es sich der Sport leisten, zwei Rennställe mit einer gewaltigen Marketingmacht, einem funktionierenden Juniorprogramm und gesunder Finanzierung zu opfern?

          Der Befehl abzuwarten kommt von ganz oben. Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz spielt auf Zeit. Das erhöht den Druck, ihm zu geben, was er will: Mercedes-Motoren. Leute, die ihn kennen, warnen davor, seine Ausstiegsdrohungen zu unterschätzen: „Wenn man seine Geduld überstrapaziert, sperrt er über Nacht zu.“ Helmut Marko, Red Bulls Motorsportberater, sagte dem ORF: „Wenn es keinen konkurrenzfähigen Motor für uns gibt, gibt es Red Bull nicht mehr in der Formel 1. Es gibt nur noch eine Gesprächsbasis mit Ferrari, aber eine B-Version kommt für uns nicht infrage.“ Die Hinhaltetaktik soll auch zeigen, dass die Hybrid-Formel gescheitert ist. Nur zwei Hersteller beherrschen die komplexe Technologie. Neue sind nicht in Sicht. BMW? Kein Interesse. Der Volkswagen-Konzern? Schiebt eine Entscheidung so lange auf, bis man weiß, wo die Reise mit der Formel 1 hingeht. Experten sagen: In den nächsten drei Jahren gibt es weder von VW, Audi noch Porsche einen Motor. Die Hightech-Formel verhindert, dass sich Motorenhersteller wie Ilmor oder Cosworth etablieren. Man braucht einen Konzern im Hintergrund. Mercedes und Ferrari schützen ihre Interessen. So nehmen sie den Sport in Geiselhaft.

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