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Red Bull regelwidrig? : Geräuschempfindlich in der Grauzone

Unter Verdacht: Der Red Bull von Sebastian Vettel Bild: dpa

Stunden vor dem Großen Preis von Deutschland in Hockenheim untersuchten die Rennkommissare die Red-Bull-Boliden von Sebastian Vettel und Mark Webber. Trotz des Verdachts eines Verstoßes gegen das Reglement werden die Piloten nicht bestraft.

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          Die Kameras warteten schon auf ihn, als Christian Horner aus dem Büro der Stewards kam. Doch der Teamchef von Red Bull wollte in diesem Moment nichts sagen. Und so waberten die Spekulationen vor dem Grand Prix weiter durch das Fahrerlager am Hockenheimring: Rollt Weltmeister Sebastian Vettel wirklich in die Startaufstellung? Oder wird sein Team ausgeschlossen von diesem Rennen?

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Routineuntersuchung nach dem Qualifying am Samstag hatte ergeben, dass Red Bull offenbar Motoreneinstellungen einsetzt, die im mittleren Drehzahlbereich das Drehmoment künstlich verringern. Jo Bauer, der Technische Delegierte des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), sah einen Verstoß gegen das Reglement:

          Auf diese Weise könnten mehr Auspuffgase generiert und somit der Abtrieb erhöht werden, wenn die Luft an das Heck der Boliden geleitet wird. Das Auto liegt dadurch besser auf der Piste.

          Doch eine Stunde vor dem Start gaben die Regelhüter Entwarnung. Vettel und sein Teamkollege Mark Webber gingen ins Rennen, weil das Reglement der Fia zu unpräzise ist, weil es zu viele Grauzonen und Interpretationsspielräume bietet. „Diese Diskussion am Morgen hat uns bestimmt nicht geholfen“, sagte Horner, als er nach Rennende den Streit dann doch kommentierte. Aber: „Unsere Leistung hat es nicht beeinträchtigt.“

          Rätseln über die Tricks

          Grenzgänger sind sie alle, und doch glauben viele im Fahrerlager schon lange, dass die Verantwortlichen von Red Bull mit ihren Ideen zu weit gehen. Dass Chefdesigner Adrian Newey nicht nur nach den Grenzen des Möglichen, sondern oft auch nach jenen des Erlaubten sucht. Auch dank seiner genialen Einfälle und Konstruktionen ist Vettel zwei Mal nacheinander Weltmeister geworden, hat er die Serie im vergangenen Jahr dominiert wie lange niemand mehr vor ihm. Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass der Rennstall von Brausemilliardär Dietrich Mateschitz dabei die freiwillige Kostenkontrolle unter den Teams missachtet.

          Vielmehr rätselten die anderen Rennställe über die Tricks am Red Bull: flexible Frontflügel, ein höhenverstellbares Chassis, ein beweglicher Unterboden – Vorwürfe gab es in den vergangenen beiden Jahren genug, allein der Nachweis wollte nicht gelingen, und folglich blieb auch die Strafe aus. Dabei scheuen die Gegner offenbar vor kaum etwas zurück.

          Zum zweitenmal unangenehm aufgefallen

          In Hockenheim sollen einige der anderen Teams sogar die Motorengeräusche des Red Bull aufgenommen und später analysiert haben. Etliche Konkurrenten sind genervt vom Branchenführer der vergangenen Jahre: Die ständige Tüftelei, durch die großzügigen Ressourcen erst möglich gemacht, setzt sie unter Druck. Sie müssen entweder nachziehen oder geraten noch weiter ins Hintertreffen. Red Bull als rotes Tuch.

          Den Regelhütern fällt der Bolide mit der Typenbezeichnung RB8 in dieser Saison schon zum zweitenmal unangenehm auf. Erst Anfang Juni, vor dem Rennen in Kanada, wurden Schlitze in der Bodenplatte des Boliden verboten. Newey wollte so mehr Abtrieb generieren.

          Noch in Monaco siegte Mark Webber mit dieser Aerodynamik-Lösung, er stellte seinen Wagen direkt vor der Fürstenloge ab und ließ sich feiern. Der Erfolg blieb unangetastet, weil keiner der anderen Rennställe einen offiziellen Protest eingelegt hatte. Trotzdem reagierte Webber später gereizt auf die neuerlichen Vorwürfe: „Die Behauptung, dass ich mit einem illegalen Auto gewonnen haben soll, kotzt mich an“, sagte der 35 Jahre alte Australier.

          Überarbeitung des Reglements

          Geht es um die technischen Feinheiten an ihren Rennwagen, dann verstehen die Verantwortlichen des vermeintlichen Gute-Laune-Rennstalls keinen Spaß. Und so dürften die Vorwürfe von Hockenheim nicht das letzte Kapitel dieser Geschichte gewesen sein. Bis zum Rennen in Budapest in einer Woche soll das technische Reglement nun überarbeitet und präzisiert werden.

          Die Fia wies explizit darauf hin, dass die Rennkommissare von einigen Argumenten der Red-Bull-Verantwortlichen nicht überzeugt wurden, im Gegenteil diese nicht einmal „akzeptieren können“. Darauf wird Vettels Team reagieren müssen, und die Gegner werden ganz genau hinschauen und hinhören. Diese Weltmeisterschaft wird womöglich nicht nur auf der Rennstrecke entschieden.
           

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