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Rallye-WM : Holprige Orientierungsfahrt

Eins bleibt: Auch in diesem Jahr führt Sebastien Loeb (Foto: In Argentinien Ende April) die Rallye wieder an Bild: dpa

Ohne Promoter kämpft die Rallye-WM um ihre Zukunft: Jean Todt sucht das Heil in der Globalisierung, die Teams sind skeptisch. Geld fehlt schon jetzt - passenderweise vor der Akropolis-Rallye.

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          Willkommen bei der Krisenland-Rallye. Die Pisten sind steinig und staubig, die Sonderprüfungen stehen im Ruf, so hart wie sonst nirgendwo zu sein - und auch das Wetter bringt die Fahrer bei Temperaturen von mehr als 50 Grad Celsius in den Cockpits ihrer Boliden gehörig ins Schwitzen.

          Von diesem Donnerstag an macht die Rallye-Weltmeisterschaft Station in Griechenland. Während der Mittelmeerstaat sich politisch und wirtschaftlich in einer Art Schwebezustand zwischen Euro und Drachme befindet, sucht auch die stärkste Rallye-Klasse einen fahrbaren Weg in die Zukunft.

          Die Gegenwart ist nicht sonderlich rosig. Der Zirkus der Allradautos kreist seit der überraschenden Pleite des Vermarkters North One zu Beginn der Weltmeisterschaft in diesem Jahr ohne Promoter. Vor dem Start der Rallye Monte Carlo im Januar hatte die Saison auf der Kippe gestanden, doch inzwischen rollen die World-Rallye-Cars (WRC) planmäßig über die Schotter- und Asphaltpisten.

          VW plädiert für zwölf Rennen

          Die Griechenland-Rallye ist die sechste von insgesamt 13 Veranstaltungen dieser Saison. Dass sie auch im Rallye-Kalender des Jahres 2013 vertreten sein wird, ist unwahrscheinlich. Denn die Weltmeisterschaft soll neu formiert werden.

          Dabei driften die Vorstellungen über den neuen Kurs gehörig auseinander. Während der mächtigste Mann des Rallyesports, Jean Todt, der Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), am liebsten weiter 13 Rallyes im Kalender sähe, gibt es Hersteller, die mit weniger mehr anfangen könnten. „Zwölf Rallyes“, sagt Jost Capito, Nachfolger von Kris Nissen als Motorsportchef bei VW, „das wäre eine ideale Zahl.“

          Die Wolfsburger werden in der kommenden Saison mit einem Polo R in die Weltmeisterschaft einsteigen. Das Auto hat bereits 4000 Testkilometer hinter sich gebracht, die Crew um den ersten bereits feststehenden Werkspiloten Sébastien Ogier ist schon in dieser Saison mit einem Skoda Fabia in der S2000 Klasse ordentlich unterwegs und belegt in dem den WRC technisch deutlich unterlegenen Kleinwagen den elften Rang.

          Nordamerika lockt

          Nicht nur die Gesamtzahl der Rennen, sondern auch deren Schauplätze haben wie in der Formel 1 zu kontroversen Diskussionen geführt. Während Todt und die Fia einen Globalisierungskurs einschlagen wollen, sehen die Hersteller mit Blick auf ihre Märkte Europa immer noch als Kernland der Rallye-WM an.

          Eine von insgesamt 13 Stationen: Die Rallye im mexikanischen Guanajuato Bilderstrecke

          Dennoch signalisieren auch sie Bereitschaft zur Bewegung. Vier Rallyes außerhalb Europa fände beispielsweise Yves Matton, der Chef des Citroën-Teams von Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb, akzeptabel. „Das bedeutet aber auch, dass wir nur noch acht Läufe in Europa haben.“ Neun seien „unmöglich. Das geht sich mit dem Budget nicht aus.“

          Kandidaten für Wettfahrten in Übersee hat die Fia mehrere. Brasilien zählt dazu, Südafrika wäre ein möglicher Schauplatz - und schließlich Nordamerika, wo sich die Hersteller eine große Resonanz vorstellen können.

          Finanzierungsprobleme der Privatteams

          Eine Welttournee aber schafft neue Probleme. Denn je weiter der Rallye-Tross in die Ferne schweift und je mehr er dem Wunsch von Todt nach einigen Langstrecken-Wettbewerben entgegenkommt, desto schwieriger wird es für Privatteams, bei der Weltmeisterschaft noch mithalten zu können.

          Sichtbar wurde das Finanzierungsproblem schon in dieser Saison. Zu Beginn verlor das Mini-Team seinen Status als Werksteam aus wirtschaftlichen Gründen. Es geht nun unter der Ägide des privaten Rennstalles Prodrive an den Start. Auf die Griechenland-Rallye müssen die Briten verzichten.

          Gute Chancen, weiter im WRC-Kalender vertreten zu sein, hat die Deutschland-Rallye, die in diesem Jahr Ende August gefahren wird. Möglich ist aber ein Zusammenschluss mit der Frankreich-Rallye, von dem Todt jüngst sprach. Die beiden Rallyes „zu konzentrieren, die 20 Kilometer voneinander entfernt stattfinden, wäre wirtschaftlicher“, sagt der Franzose.

          Fia arbeitet an mehreren Rallye-Baustellen

          Die Fia arbeitet also an mehreren Rallye-Baustellen gleichzeitig. Die aktuelle Saison wird sie wohl ohne Vermarkter zu Ende bringen müssen. Auch auf die Frage, wie die Fernsehrechte verkauft werden sollen, gibt es noch keine Antwort. Die Fia plädiert für eine Zentralvermarktung. Sie will vermeiden, dass jeder Veranstalter einen eigenen TV-Handel abschließen muss.

          Bezüglich der Fernsehauftritte ihres Lieblingssports gab es für deutsche Rallye-Fans gute Nachrichten. Zwar ist der Sender Eurosport nach dem Saisonauftakt in Monte Carlo wieder ausgestiegen, doch nun hat Sport1 zugesagt, jeweils in der Woche nach den WM-Läufen eine dreißigminütige Zusammenfassung zu senden.

          Wieder einmal führt Loeb

          Ob das dem entspricht, was sich VW-Motorsportchef Capito unter „attraktiven und angemessenen Fernsehzeiten“ vorstellt? Wohl kaum. Immerhin können die deutschen Motorsport-Freunde sich am Fernsehgerät ein Bild vom aktuellen Stand in der Weltmeisterschaft machen. Wieder einmal führt Rekordweltmeister Loeb. Wenigstens in dieser Hinsicht ist vor der Rallye im Krisenland Griechenland alles beim Alten gelieben.

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