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Rallye-Talent Wiegand : Sepp träumt nicht

Erfolgreicher Newcomer: Sepp Wiegand (Foto: Bei der Rallye San Marino) Bild: obs

Ist er derjenige, auf den die deutsche Rallye-Szene seit Jahren wartet? Beim WM-Lauf rund um die Porta Nigra zeigt Sepp Wiegand, was er kann. Dabei sitzt der Sachse erst seit zwei Jahren im Rallyeauto.

          Wird er der neue Walter Röhrl? Hat er das Talent, von dem Volkswagen in die Rallye-Weltmeisterschaft profitieren kann? Sein Name ist Sepp Wiegand - und in der Szene hat er es in rasendem Tempo zu einer gewissen Prominenz geschafft. In diesem Jahr fährt er hauptsächlich für Skoda in der IRC-Rennserie, der Intercontinental Rallye Challenge. Dort liegt er auf dem vierten Rang – was erstaunlich ist.

          Wiegand ist nämlich alles andere als ein erfahrenerer Rallyepilot. Die Fachwelt schaute staunend zu, wie gut es der erst 21 Jahre alte Sachse mit der wesentlich routinierteren Konkurrenz aufnahm. Seine erste Rallye ist Wiegand erst vor zwei Jahren gefahren, das war in Wedemark. Wenig später jagte er in der Oberpfalz bei der Rallye Tirschenreuth den VW Lupo GTI seines Vater zum Klassensieg. Vier weitere folgten 2010, im Jahr danach häufte er 13 Siege an.

          Staub aufgewirbelt: Sepp Wiegand an der Mosel

          Auch bei der Deutschland-Rallye war Wiegand am Start. Die Nachwuchsschmiede der Rallye-Weltmeisterschaft, die WRC Academy, hatte sein Talent erkannt und setzte ihn 2011 in einem Ford Fiesta R2 ein. Siebter wurde er damals in Trier, bei der Rallye Frankreich im Elsass belegte er in dieser Kategorie Platz vier. Und am Wochenende sollte eigentlich der vorläufige Höhepunkt seiner jungen Karriere folgen: Volkswagen hatte ihn ins Team für den WM-Lauf in Trier genommen, wo er in einem von VW eingesetzten Skoda S 2000 kurz vor Ende noch auf Platz elf der Gesamtwertung lag.

          Ein Shootingstar?

          Doch ein gebrochener Querlenker auf der Sonderprüfung 13 hatte eine Weiterfahrt unmöglich gemacht – und die Rallye war für Wiegand kurz vor der spektakulären Schlussprüfung an der Porta Nigra in Trier beendet. „Das ist schon eine Enttäuschung“, sagte Wiegand nach seinem Aus, das er sich nicht einmal richtig erklären konnte. „Es gab einen harten Schlag, und dann ließ sich das Auto nur noch schwer steuern.“ Die Ursache des Fahrwerkbruchs blieb unbekannt. „Wenn man gegen eine Mauer fährt, weiß man wenigstens, warum es nicht weitergeht“, sagte Wiegand, „aber so ist es schon ein komisches Gefühl.“

          Wiegand könnte dennoch ein Shootingstar des Rallyesports werden. Weil Erfahrung in dieser Motorsportart mindestens ebenso wichtig ist wie Talent, wird er vermutlich auf den Durchbruch noch ein wenig warten müssen. Zwei Jahre Altersvorsprung und noch einige mehr als Rallyefahrer hat beispielsweise der 23 Jahre alte Norweger Andreas Mikkelsen, der am Wochenende in Trier genau wie der schnelle Sachse für Volkswagen in einem Skoda im Einsatz war und dort Rang sieben belegte.

          VW-Werkspilot Ogier: „Jederzeit bereit ihm zu helfen“

          In der IRC liegt der Mann aus Olso auf Platz eins. Als Führender hat er dort 132 Punkte angesammelt. Zum Vergleich Wiegands Kontostand als IRC-Vierter: 52 Punkte. Vieles wird für Wiegand davon abhängen, wie intensiv er gefördert wird. „Er ist jung, er hat Talent, und ich bin jederzeit bereit, ihm zu helfen“, sagt Sébastien Ogier.

          In Trier fuhr der Franzose, der die Rallye im vergangenen Jahr für Citroen gewann, mit seinem von Volkswagen eingesetzten Skoda Fabia der S-2000-Klasse auf den sechsten Rang. Das World-Rallye-Car, den Polo R, wird der Profi aus der südfranzösischen Stadt Gap erst in der kommenden WM-Saison steuern.

          Ein Sitz in einem solchen Rallye-Boliden ist Wiegand ein Stück weit entfernt. Schon in der kommenden Saison ein World Rallye Car zu chauffieren, wäre „viel zu früh für mich“, lautet seine Selbsteinschätzung, die bei Volkswagen ganz ähnlich gesehen wird. „Er muss viel trainieren und Erfahrung sammeln“, sagt Ogier, „und ich denke, Volkswagen sollte ihn auf jeden Fall fördern“.

          Auch auf zwei Rädern war der Sachse mit den dunklen Wuschelhaaren sehr schnell unterwegs. 2009 gewann er den deutschen Enduro Pokal, im Jahr zuvor war er Europameister im Cross Country. Der junge Sepp hatte davon profitiert, dass er aus einer motorsportverrückten Familie stammt. Der Vater fuhr selbst Rallyes und kaufte seinem Sohn ein Motorrad, als dieser sieben Jahre alt war. In den Lupo seines Vaters ist Wiegand eigentlich nur aus Frust umgestiegen, weil ihm sein damalige Motorrad-Rennstall nach dauernden Defekten an seiner Maschine nur selten zufriedenstellend mit Ersatzteilen versorgen konnte. „Ich musste meinen Sponsoren ja etwas vorweisen“, sagt er.

          Und weil dies auf zwei Rädern nicht mehr ging, stieg er auf vier um. Eine richtige Entscheidung. Wiegand, der eine Ausbildung als Mechatroniker absolviert hat und bis zum Start seiner Rallye-Karriere als Profifahrer in einer freien Autowerkstatt arbeitete, sagt: „Ich lebe derzeit meinen Traum.“ Dass er diese emotionale Schwerelosigkeit noch eine ganze Weile mit harter Arbeit im Rallyeauto kombinieren muss, ist ihm auch klar. „Man muss das Laufen lernen, bevor man rennen kann“, sagt er.

          So gesehen, ist er im lockeren Trab schon ganz gut unterwegs. Ob einmal ein Weltklasse-Spinter aus ihm wird, ein Rallye-Superstar wie Walter Röhrl, auf den in Deutschland viele warten? Wer weiß. Sepp Wiegand lacht nur freundlich, wenn er solche Gedanken hört. Er lebt zwar einen Traum – aber ein Träumer ist er nicht.

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