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Rallye-Profi Andreas Schulz : Der Beifahrer

Andreas Schulz neben Jutta Kleinschmidt: Wer kennt schon den Co-Piloten? Bild: picture-alliance / dpa

Absolutes Vertrauen ist das Fundament einer Rallye-Partnerschaft. Andreas Schulz ist schon siebzehn Mal die Dakar gefahren, hat Jutta Kleinschmidt und Hiroshi Masuoka den Weg zum Sieg gewiesen. Und wurde von Carlos Sousa einmal in der Wüste vergessen.

          Es war bei der Rallye Dakar 2007. Ein Erlebnis wie ein böser Traum. Carlos Sousa und Copilot Andreas Schulz hatten sich mit ihrem VW Race Touareg auf einer Wüstenetappe im Sand festgefahren. Ärgerlich, zumal draußen ein Sandsturm wütete, aber eben auch nichts Ungewöhnliches bei der Dakar. Schulz stieg aus, gemeinsam machten sie das Auto wieder flott. Sousa fuhr an, Schulz kam zu Fuß nach. Routinesache.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dann aber wartete Sousa nicht wie sonst üblich oben auf der nächsten Düne auf seinen Beifahrer, weil da schon ein anderes Fahrzeug stehen geblieben war. Sousa fuhr weiter. Und das war Schulz' Pech: Im dichten Sandsturm verlor er Pilot und Auto aus den Augen. Eineinhalb Stunden lang irrte er in der Wüste umher. Allein. Dann erst fanden Pilot und Copilot wieder zusammen. Schulz stieg ein, und weiter ging's. Ohne große Worte. „In so einer Situation kannst du nicht sagen: ,spinnst du eigentlich?'“, sagt er. „Da musst du ruhig bleiben. Und weiterfahren.“

          „Du musst versuchen, den Piloten bei Laune zu halten“

          Ruhe und Erfahrung, das hat der Bayer Andreas Schulz aus dreißig Jahren Rallyesport mitgenommen, sind als Copilot entscheidend. Es gebe Fahrer, „die fangen an zu erzählen, wenn mal zehn Kilometer nichts kommt. Dann sag ich immer: können wir das nachher besprechen?“ Copilot zu sein, das heißt vor allem, bei Marathon-Rallyes wie der Dakar viel mehr als nur den Orientierungskünstler zu geben, den Navigator, der abends, kaum ist das Etappenziel erreicht, schon wieder den nächsten Streckenabschnitt vorbereitet, Karten studiert, Routen austüftelt, den Sprit berechnet und gedanklich das Gelände auskundschaftet.

          Wegweiser Andreas Schulz (l.) mit Carlos Sainz: Da musst du ruhig bleiben

          Er ist im Ernstfall auch als Mechaniker gefragt, er muss aufpassen, dass der Fahrer genug isst und vor allem trinkt, um voll bei der Sache zu bleiben, und er hat zudem für ein positives Binnenklima zu sorgen - indem er sich auch mal zurücknimmt, auf Durchzug schaltet, wenn er merkt, dass der Fahrer nicht gut drauf ist. „Du musst versuchen, den Piloten bei Laune zu halten“, sagt Schulz.

          „Du kannst nicht den ganzen Tag Angst haben“

          Eine Engelsgeduld und psychologisches Feingefühl also bringt man beim Hochgeschwindigkeitsritt durch die Prärie am besten auch noch mit. Bei Rallyes wie der Dakar ist der Copilot eine Art menschliches Multifunktionsgerät. Dieser Einfluss freilich kann ihm auch mal zugutekommen. „Wenn ich merke, jetzt geht der Pilot ein bisschen zu viel Risiko, kann ich ihn über die Ansage bremsen“, sagt Schulz.

          Grundsätzlich aber beruht jede funktionierende Rallye-Beziehung auf einem unverrückbaren Fundament: absolutem gegenseitigen Vertrauen. Macht einer der beiden einen Fehler, ist die Folge schließlich nicht ein Punktverlust oder ein Notenabzug, sondern - im schlimmsten Fall - ein Abflug bei Tempo 150. „Wenn keine Sympathie da ist, wenn ich das Vertrauen nicht habe, steige ich erst gar nicht in das Auto ein“, sagt Schulz. „Du kannst nicht den ganzen Tag da drinsitzen und Angst haben.“ Denn bei allem Risiko: „Bei guten Fahrern habe ich keine Angst.“

          Der Fahrer stellt den Beifahrer in den Schatten

          Siebzehnmal ist Andreas Schulz die Rallye Dakar gefahren, und am meisten genossen hat er sie mit dem spanischen Rallye-Idol Carlos Sainz, bei dem er einst schon als Mechaniker gearbeitet hatte. Weil er schnell war, vor allem aber, weil Schulz den Eindruck hatte: „Auch wenn er mit Risiko fährt, merkt man: Er beherrscht das.“

          Kaum einer hat so viel Erfahrung als Beifahrer gesammelt wie der 53 Jahre alte Schulz. Auch das hilft im Tagesgeschäft. „Die Piloten glauben mir mehr als noch vor 15 Jahren“, sagt er. Zweimal beendete er die Dakar als Erster, jeweils mit Mitsubishi: 2003 mit Hiroshi Masuoka, mit dem er eine eigene Sprache entwickeln musste, weil das Englisch des Japaners nur eine schmale Verständigungsbrücke bot; und zwei Jahre zuvor mit seiner Landsfrau Jutta Kleinschmidt.

          Der einzige Deutsche, der die Rallye Dakar zweimal gewonnen hat

          Schulz war schon mit einigen schnellen Frauen unterwegs, mit Andrea Mayer etwa, mit der er 2004 Fünfter bei der Dakar wurde. Die Unterschiede im Vergleich zu den schnellen Männern beschreibt er eher zurückhaltend: „Die Frauen pushen richtig, sie wollen's zeigen. Da muss man schon aufpassen, wie man damit umgeht.“

          Das Duo Kleinschmidt/Schulz illustriert auch das grundsätzliche Dilemma der Copiloten. Während jedem halbwegs Sportinteressierten der Name Jutta Kleinschmidt geläufig ist, sind die meisten mit der Frage, wer die Pilotin 2001 zu ihrem Dakar-Sieg gelotst hat, überfordert. Der Fahrer stellt den Beifahrer in den Schatten, so war das schon immer, und Schulz stört sich daran auch nicht groß, nicht mehr jedenfalls. Muss er auch nicht. In seinem Fall sprechen die Zahlen für sich: Der Copilot Andreas Schulz ist der einzige Deutsche, der die Rallye Dakar zweimal gewonnen hat.

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