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Prozess gegen Adrian Sutil : Schnitt in den Hals

Heikler Zeitpunkt: Trotz guter Leistungen wurde Sutils Fahrer-Vertrag von Force India nicht verlängert Bild: dpa

Weil Formel-1-Pilot Adrian Sutil den Team-Mitbesitzer Eric Lux mit einem Glas verletzte, muss er sich vor Gericht verantworten. Ein Jahr zur Bewährung ist gefordert.

          Der Formel-1-Rennfahrer Adrian Sutil wird sich in einem Prozess wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung verantworten müssen. Das teilte das Amtsgericht München am Donnerstag auf Anfrage mit. Demnach sind vorerst zwei Verhandlungstage für Ende Januar angesetzt. Sutil hatte nach dem Großen Preis von China am 17. April des vergangenen Jahres den Luxemburger Eric Lux in der Schanghaier Diskothek M1NT mit einem Glas schwer am Hals verletzt.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Lux, Mitbesitzer des Formel-1-Teams Lotus, zeigte den früheren Force-India-Piloten deshalb wegen „gefährlicher Körperverletzung“ bei der Staatsanwaltschaft München an. Zuvor hatte Sutil zwar zugegeben, den Geschäftsmann mit einem Glas getroffen zu haben, aber von einer unglücklichen wie „absolut unabsichtlichen“ Verletzung gesprochen. Er habe Lux nur den Inhalt seines Glases ins Gesicht schütten wollen. Die scharfen Kanten des beim Aufprall zerbrochenen Glases schnitten eine Wunde links am Hals von Lux. Sie wurde mit 24 Stichen genäht. Inzwischen zeugt eine S-förmige Narbe von der Verletzung.

          Auch Lewis Hamilton könnte Zeuge werden

          Sutils Manager Manfred Zimmermann zeigte sich am Donnerstag von der Eröffnung des Hauptverfahrens nicht überrascht, wollte aber zu dem Gerichtsverfahren vor einem Urteil nicht offiziell Stellung nehmen. Im vergangenen Juni hatte er die juristische Auseinandersetzung begrüßt: „Wir sind überzeugt, dass ein Gericht zu der Auffassung kommen wird, dass es kein Angriff von Adrian war, kein Schlag oder etwas Ähnliches.“ Die Staatsanwaltschaft München I kam nach monatelangen Ermittlungen inklusive Zeugenbefragungen zu einer anderen Einschätzung. Sie beantragte beim Amtsgericht München Mitte November den Erlass eines Strafbefehls für Sutil.

          Fahrer auf Bewährung: Ein Jahr Gefängnis wird gegen Sutil gefordert

          Bei einer Annahme wäre der Fall zu den Akten gelegt worden. Es hätte keine Auskunft über den Inhalt, also über die Höhe der Strafe gegeben. Allerdings hätte Sutil mit der Anerkennung des Strafbefehls seine Schuld eingeräumt. Stattdessen ließ er Schriftsätze schicken und Beweisanträge stellen. Deshalb verzichtete das Amtsgericht darauf, den Strafbefehl zu erlassen. Nun wird der Inhalt dieses Antrages am ersten Prozesstag als Anklageschrift verlesen. Damit erfährt alle Welt, was die Staatsanwaltschaft als Strafmaß forderte: ein Jahr Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung. Im Zuge der Gerichtsverhandlung werden nun nochmals Zeugen vernommen.

          Dazu könnte auch der Formel-1-Pilot und Sutil-Freund Lewis Hamilton gehören, der sich zum Zeitpunkt des Vorfalls in der Nähe seines Kollegen aufhielt. Die beiden hatten den Sieg des Briten feiern wollen und waren, weil die Diskothek überfüllt war, vom Lotus-Renault-Clan eingeladen worden. Im Laufe der Nacht soll dann ein Gast von Lux zweimal über das Verhalten von Sutil geklagt haben, während der Rennfahrer erklärte, von einer Bekannten aus der Lux-Entourage mit einem Getränk überschüttet worden zu sein. Lux stellte den Deutschen nach eigenen Angaben zur Rede und forderte ihn beim zweiten Mal auf, zu gehen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung soll Sutil nach Angaben von Lux mit dem Glas in der rechten Hand zugeschlagen haben. Dabei verletzte sich auch der Rennfahrer.

          Der Prozess kommt zu einem heiklen Zeitpunkt

          Der zurückhaltende, in der Öffentlichkeit kaum bekannte Lux berichtete, dass er vom Sicherheitspersonal der Diskothek zum Aufzug geführt worden sei. „Ich habe erst im Aufzug realisiert, was passiert ist, und dachte, jetzt hast du noch drei Minuten zu leben“, schilderte Lux dieser Zeitung. Auf einem Foto ist sein von oben bis unten blutdurchtränktes, weißes T-Shirt zu sehen. Per Taxi kam Lux ins Krankenhaus. Dort erklärte ihm ein Arzt, dass der Schnitt des Glases nur wenige Millimeter an einem Gesichtsnerv vorbeiführte. Lux und Sutil hatten Glück im Unglück: Eine Verletzung der Halsschlagader hätte der Familienvater nicht überlebt.

          Lux fühlte sich im doppelten Sinne schwer getroffen. Im Juni sprach er von Respektlosigkeit, von „unterlassener Hilfeleistung“. Nicht Sutil, sondern ein Familienmitglied habe sich 15 Stunden nach dem Vorfall gemeldet, als der Angeklagte China längst verlassen hatte. Lux bemühte sich zunächst um eine unbürokratische Klärung. Er forderte den Piloten auf, für einen wohltätigen Zweck zu spenden und ein paar Rennen auszusetzen. Das lehnte das Management des Rennfahrers ab und klagte fortan über den angeblichen Versuch des Teambesitzers, Sutils Karriere und damit den Menschen zu zerstören. Die juristische Auseinandersetzung aber begrüßte Manager Zimmermann im vergangenen Jahr: „Dann wird die Wahrheit ans Licht kommen.“

          Der Prozess kommt zu einem möglicherweise besonders heiklen Zeitpunkt. Sutils Fahrer-Vertrag ist von Force India trotz sehr guter Leistungen in der zweiten Saisonhälfte nicht verlängert worden. Seit Wochen werden dem 29 Jahre alten Bayern zwar Chancen bei Williams eingeräumt, eine Bestätigung aber steht aus. Vor dem letzten Rennen der Saison 2011 Ende November in Brasilien machte sogar das Gerücht die Runde, Sutil sei ein Kandidat für das Team von Lux. „Das wäre ein Witz, nicht wahr?“, sagte Lux am Samstag vor dem Großen Preis von Brasilien in São Paulo Ende November dieser Zeitung und lächelte sparsam: „Immerhin hat er sich heute bei mir entschuldigt.“ Ob Sutil mit dem Versuch der Versöhnung sieben Monate nach dem Vorfall Eindruck machte?

          „Es ist alles möglich“, hieß es bei der Staatsanwaltschaft München am Donnerstag: von einer Erhöhung des Strafmaßes bis zum Freispruch.

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