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Probleme mit den Reifen : Mercedes sucht den verschwundenen Schlüssel

Falsche Linie: Nico Rosberg fühlt sich mit wenig haltbaren Reifen nicht nur in Barcelona an den Rand gedrängt Bild: AFP

Im Training eine Macht, im Rennen ohne Chance: Der Rennstall leidet wie kein anderer in der Formel 1 unter den labilen Reifen. Sportchef Wolff ringt um Lösungen.

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          Es ist eine Frage des Charakters. „Ich als Motorsportchef will auch lieber sechzig Runden volles Rohr fahren - und der Schnellste gewinnt“, sagte Toto Wolff. „Aber so ist es halt nicht, und damit müssen wir umgehen.“ Zwei Stunden nach dem Rennen am Sonntag in Barcelona saß der 41 Jahre alte Österreicher im Motorhome von Mercedes am Circuit de Catalunya, er hatte sein Lächeln zurück, aber Antworten kannten er und die Ingenieure noch nicht.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Platz sechs und zwölf für Nico Rosberg und Lewis Hamilton beim Großen Preis von Spanien - der Silberpfeil ist derzeit vermutlich das kurioseste Auto in der Formel 1: Samstags gibt der Rennwagen regelmäßig das Tempo vor, sonntags fliegen die Fetzen von den Reifen - und die Gegner vorbei. „Da geht es rückwärts. Und zwar richtig rückwärts“, sagte Wolff.

          Beinahe in jeder Runde funkten die Renningenieure die Temperaturen der Reifen an Rosberg und Hamilton: 105 Grad Celsius, 112 Grad Celsius, 118 Grad Celsius - Werte, die die Geschwindigkeit bestimmen.  Werden die Gummis zu heiß, müssen die Fahrer vom Gas gehen. Oder sie bekommen Probleme, denn dann rutschen sie nur über den Kurs, weil der Reifen so viel Haftung verliert. „Das hier ist keine Raketenwissenschaft“ sagte Hamilton. „Vielleicht müssen wir mal einen Schritt zurückgehen und etwas Neues probieren.“

          Kritik an Pirelli

          Andere haben derartige Schwierigkeiten nicht: Ferrari oder Lotus sind schnell und zufrieden mit dem, was der Reifenhersteller Pirelli den Rennställen liefert. „Aus Teamsicht müssen wir das Problem in den Griff bekommen“, sagte Wolff. „Ich will da kein strategisches Thema draus machen, kein Reifenthema.“

          Dabei ist es längst genau das. Niki Lauda schickte seine Kritik an Pirelli direkt nach dem Ende des Rennens live und ungefiltert in die Welt hinaus. „Ich als Ex-Fahrer sage: Das ist der größte Witz, du kannst nicht mehr Rennen fahren. So schnell fahren, wie du willst und überholen: Das ist Formel“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende des Rennstalls Mercedes und Experte des Fernsehsenders RTL. Und weiter: „Ich ärgere mich maßlos über dieses Spiel der Reifen in der Formel 1, was irgendwann absurd wird.“

          Immer wieder sprach Lauda zuletzt bei den Verantwortlichen von Pirelli vor. Der Österreicher fordert wie auch die Experten von Red Bull, dass sich an der Gummimischung etwas ändert und die Reifen wieder haltbarer werden. „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“, sagte Paul Hembery, der Sportchef von Pirelli. Trotzdem soll es Änderungen geben: Zum Rennen nach Silverstone will Pirelli Ende Juni modifizierte Pneus liefern. Das ist der Plan. „In den letzten beiden Jahren hat die Öffentlichkeit unser Konzept mitgetragen.

          Raserei soll zum Spektakel werden

          Die Rennen sind deutlich spannender geworden“, sagte Hembery. „Jetzt aber erreicht die Kritik ein Niveau, wo es uns nicht mehr egal sein kann. Wir müssen jetzt an uns denken und nicht an die Teams.“ Große Hoffnungen verbindet Wolff allerdings nicht mit den Plänen: „Man kann nicht von Pirelli verlangen, dass sie kurzfristig eine Lösung haben. Das ist technisch und logistisch gar nicht möglich, sie können uns nicht schon nächste Woche einen Holzreifen hinstellen.“ Einen Holzreifen, dem die Fahrer abverlangen können, was immer sie wollen. So wie früher.

          Die DNA der Formel 1 hat sich verändert, die Königsklasse des Motorsports ist nicht mehr das, was sie einmal war: eine Vollgas-Veranstaltung. Bis 2009 fuhren einige der besten Rennfahrer der Welt auch während der Rennen regelmäßig eine Qualifying-Runde nach der anderen. Dafür waren die Boliden konstruiert, das hielten die Reifen von Bridgestone aus.

          Doch dann folgten die Einschnitte: 2010 wurde das Nachtanken während des Grand Prix verboten, die Rennwagen wogen zu Beginn eines Rennens auf einmal 150 Kilogramm mehr als im Ziel, die Rundenzeiten wurden um rund sechs Sekunden langsamer. Ein Jahr später stieg Pirelli als Reifenhersteller ein, der Auftrag an die Italiener war eindeutig formuliert: Die Raserei sollte wieder zu einem Spektakel werden.

          „Unser Sport hat sich verändert, es sollte mehr Überholmanöver geben“, sagte Hamilton. „Heute sind die Rennen ganz anders als noch vor ein paar Jahren. Ob das der richtige oder falsche Weg ist - darüber möchte ich nicht urteilen.“ Formel Geschicklichkeit - wer den Umgang mit den Reifen beherrscht, wird am Ende Weltmeister. Diese Arbeit beginnt in den Rennwagenfabriken, wo die klugen Köpfe der Branche versuchen, ein Auto zu konstruieren, das möglichst pflegeleicht mit den Gummis umgeht.

          Vor jedem Rennen wird die Abstimmung dementsprechend verändert, werden die Piloten darum gebeten, nicht so hart in die Kurven zu lenken und öfter mal auf die Laufflächen der Reifen zu schauen. „Wenn sie dunkelschwarz werden, dann sind sie hinüber“, sagte Rosberg. Ein Bild, das er oft genug gesehen hat in den vergangenen Wochen. „Es gibt ganz offensichtlich einen Schlüssel für diese Reifen und diesen Schlüssel müssen wir finden“, sagte Hamilton.

          Darum geht es Wolff nun. Der Sportchef von Mercedes fordert ein „out-of-the-box-Denken“ von seinem Team. „Man muss die ganzen Prozesse in Frage stellen und über die strategischen Entscheidungen der vergangenen Jahre nachdenken“, sagte er. „Ist alles, was wir bisher als richtig empfunden haben, wirklich richtig?“ Diese Frage stellt sich die ganze Formel 1.

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