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Pfiffe gegen Vettel : „Das ist eine Schande“

Wie bitte? Übelmeinende, denen der Weltmeister zu dominant ist, pfeifen auf Vettel. Bild: AP

Sebastian Vettel sieht sich leidenschaftlicher Abneigung ausgesetzt. Seine Dominanz bringt Teile des Publikums in Rage – auch nach dem Sieg in Singapur: „Die Leute lieben den Underdog.“

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          Pfiffe für den Weltmeister. Die letzten Töne der Nationalhymne waren gerade verstummt, da setzten sie ein. Sebastian Vettel stand auf dem Podium, sein feuerfester Rennanzug war getränkt vom Schweiß. Zwei Stunden hatte er der Welt zuvor demonstriert, was Perfektion ist und den Großen Preis von Singapur im Stile eines Souveräns gewonnen. „So lange die Leute buhen, machen wir einen guten Job – so sehe ich das“, sagte er später. Zumindest äußerlich gab sich der Deutsche unbeeindruckt. Überlegen führt er die Gesamtwertung an, theoretisch kann er Mitte Oktober, beim übernächsten Rennen in Japan, zum vierten Mal in Serie die Fahrerwertung gewinnen. Sebastian Vettel – der ungeliebte Champion?

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er ist erst 26 Jahre alt, im Stadtstaat aber gewann er schon den 33. Grand Prix seiner Karriere, am Samstag war er zum 41. Mal auf die Pole Position gefahren. 2010 wurde Vettel zum ersten Mal Weltmeister, seither rast er mit der Startnummer 1 über die Strecken. Selten zuvor in der Geschichte dieser Rennserie gab es eine derartige Dominanz. Seine Gegner verzweifeln an Vettel und Red Bull, einige Fans scheinen genervt oder gelangweilt von dieser Kombination. Die meisten von ihnen tragen die roten Hemden von Ferrari. Nach dem Rennen in Monza vor zwei Wochen waren sie besonders laut, schon da bekam er auf dem Podium den Unmut des Volkes zu hören. „Vielleicht ist das eine Gruppe, die um die Welt zieht“, sagte Vettel in Singapur: „Die roten Fans sind halt sehr emotional. Und offenbar reich genug, um nach Monza auch nach Singapur zu kommen.“ Vettel-Humor – das ist seine Art, dem Unmut zu begegnen.

          Eine Stunde nach dem Rennen saß Teamchef Christian Horner vor dem Teampavillon von Red Bull. Er sprach ins Mikrofon, über die Lautsprecher konnte man seine Stimme auch noch ein paar Meter weiter auf der Terrasse von Ferrari hören. „Talent hatte er schon immer“, sagte Horner: „Aber Seb wird immer besser, er arbeitet so hart für den Erfolg, und er ist so selbstkritisch wie kein anderer Fahrer, mit dem ich zusammen gearbeitet habe.“ Und die Pfiffe? „Sebastian sagt, dass es ihm nichts ausmacht. Er hat breite Schultern“, erzählte Horner. „Aber er ist ein Mensch, er hat auch Gefühle. Das ist keine schöne Erfahrung, wenn man so einen Empfang bekommt – das ist eine Schande.“

          „Die Leute lieben den Underdog“

          Anderen erging es ähnlich in der Formel 1. Rekordweltmeister Michael Schumacher oder Alain Prost zum Beispiel. Beide gingen nicht nur an die Grenze, sondern manchmal darüber hinaus. Der heutige Ferrari-Star Fernando Alonso behauptete sogar einmal: „Michael ist der unfairste Fahrer in der Geschichte der Formel 1.“ Dabei fiel auch der Spanier schon mit rücksichtslosen Manövern auf und bekam den Unmut der Fans zu spüren. „Als Fernando bei Renault dauernd gewonnen hat, waren die Reaktionen auch nicht freundlich. Als er bei McLaren gegen (Lewis) Hamilton gefahren ist, wurde er ausgebuht – und jetzt ist er plötzlich der beliebteste Pilot“, sagte Horner: „Die Leute lieben einfach den Underdog. Und sie wollen wissen, wer den Dauersieger als Erstes schlägt.“

          Als Sieger braucht er selbst breite Schultern: Vettel wird nicht auf Händen getragen
          Als Sieger braucht er selbst breite Schultern: Vettel wird nicht auf Händen getragen : Bild: AFP

          Vettel ist direkt und geradlinig, aber er ist nicht unfair. Doch schon vor Jahren hat er erkannt: „In der Formel 1 geht man unter, wenn man kein Egoist ist.“ Wie sehr er von der Sehnsucht nach Erfolg getrieben ist, hat er im März in Malaysia bewiesen. Teamkollege Mark Webber führte das Rennen an, die Teamleitung wollte nicht, dass Vettel ihn angreift – er tat es trotzdem. Später hat sich der Hesse dafür entschuldigt, aber danach erklärt, dass Webber diesen Sieg nicht verdient gehabt hätte, weil er oft Absprachen gebrochen habe. Von Vettel aber stammt auch dieser Satz: „Die Formel 1 ist ein Teamsport.“

          „Nichts passiert hier per Zufall“

          Nach dem Rennen stellten sich die Ingenieure, Mechaniker, Köche und Pressedamen von Red Bull auf zum Bild der Sieger. Die Fotografen mussten sich gedulden. Als Vettel kam, ging er zunächst durch die Reihen und bedankte sich bei jedem per Handschlag. „Nichts passiert hier per Zufall“, sagte er: „Wenn die anderen nach Hause gehen und die Eier in den Pool hängen, dann sind wir noch an der Strecke und tüfteln am Auto. Wir arbeiten sehr hart, um so ein starkes Rennen zu haben.“

          Teamgeist ließ am Montagmorgen auch Vettels neuer Teamkollege im nächsten Jahr, Daniel Ricciardo (Toro Rosso), erkennen: „Ich bin enttäuscht, die Reaktion einiger Fans auf die Dominanz von Vettel zu hören“, teilte er via Twitter mit: „Ich kann keinen Hass wegen Einzigartigkeit akzeptieren.“ Niki Lauda, der Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes-Rennstalls, nannte die Pfiffe und Buhrufe lächerlich. „Die Leute verstehen nicht, um was es in diesem Sport geht“, sagte Lauda: „Du musst Respekt vor dem haben, was Vettel hier für eine Leistung zeigt. Wenn ich könnte, würde ich ihm den Titel schon heute geben.“ Empört zeigte sich auch einer von Vettels stärksten Rivalen, Lewis Hamilton: „Niemand sollte für seinen Erfolg ausgebuht werden. (...) Er ist auf dem Weg zu seinem vierten Titel und verdient Ansehen dafür.“ In gewisser Weise zollte auch Ferrari Respekt. Teamchef Stefano Domenicali erklärte die Weiterentwicklung des F138 für beendet: „Jetzt ist klar, dass wir 99 Prozent unserer Energie auf das Projekt 2014 verwenden werden.“

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