https://www.faz.net/-gtl-8wqhp

Formel 1 : Wirbel um Wehrlein

Pascal Wehrlein: „Meine Entscheidung hat nichts mit den gestiegenen Anforderungen für die Fahrer zu tun. Ich bin einfach noch nicht fit.“ Bild: dpa

Eine Verletzung hat den Formel-1-Piloten eingebremst. Wenn er eine Zukunft in der Branche haben will, muss er schnell wieder einsteigen. Es stellt sich auch die Frage, ob mehr als Haarrisse zu überwinden sind.

          3 Min.

          Ein Risiko ist vorerst gebannt. Der Ersatzmann ist kein Verstappen, kein Supertalent. Antonio Giovinazzi hatte sich in seinem ersten Rennen in Melbourne als Vertreter von Pascal Wehrlein tapfer im Rennen geschlagen. Am Samstag aber warf er den Boliden von Sauber im ersten Teil des Qualifikationstrainings zum Großen Preis von China aus der Linkskurve zur Zielgeraden, prallte in die Reifenstapel und blieb, unverletzt, mit dem heftig demolierten Boliden mitten auf der Piste liegen. An gleicher Stelle fuhr er im Rennen am Sonntag abermals in die Mauer.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Formel 1 ist in solchen Fällen nicht sehr geduldig. Eine Schrottproduktion im Wettrennen um den besten Startplatz kostet nicht nur Geld, sondern vor allem Vertrauen. Kann er es? Aus der Distanz betrachtet hat sich der Ferrari-Protegé am Samstag nicht empfohlen. Und damit Wehrlein Spielraum verschafft in der heikelsten Phase seiner Karriere. Wegen der Folgen einer Verletzung beim Champions-Race in Miami Mitte Januar musste der Sigmaringer auch den Start beim zweiten Grand Prix der Saison absagen und von daheim aus zuschauen. Was ist los mit Wehrlein?

          Bei Sauber fährt Marcus Ericsson dem im Moment wehrlosen Wehrlein davon.
          Bei Sauber fährt Marcus Ericsson dem im Moment wehrlosen Wehrlein davon. : Bild: EPA

          Die Gerüchteküche trieb Mercedes in Schanghai zur Veröffentlichung des Bulletins. Weil Verschwörungstheorien die Runde machten; weil Wehrlein inzwischen angeblich ein Opfer der Sportpolitik sei, am langen Arm von Ferrari verhungere, da die Italiener als Antriebslieferant von Sauber ihren jungen Giovinazzi fahren sehen wollten. Wahlweise schimmerte auch der Verdacht durch, der Deutsche sei nicht hart genug. Da schwoll den Insidern wohl der Hals. Und so trat Mercedes’ Teamchef Toto Wolff als – nebenbei – beauftragter Nachwuchsförderer der Silberpfeil-Fraktion auf den Plan und schenkte der Öffentlichkeit etwas von der lange vermissten Offenheit ein: „Es ist an der Zeit, zu sagen, was Sache ist, um Pascal in Schutz zu nehmen“, sagte Wolff dem TV-Sender RTL: „Er hat sich bei dem Unfall Wirbel im Halswirbelbereich gestaucht und gebrochen.“

          Mit dem Kopf war der DTM-Champion von 2015 bei einem Überschlag während dieses Klamauk-Rennens gegen eine Bande geprallt. „Er hat Glück gehabt“, fügte Wolff hinzu, „dass es nicht zu einer weiterreichenden Verletzung gekommen ist.“ Der Röntgenblick für die Öffentlichkeit verblüffte. Auch Sauber, immerhin der Arbeitgeber, war bis zum Freitag offenbar nicht vollends informiert über die Schwere der Verletzung des Stammpiloten. Wirbelbrüche? Davon gibt es unterschiedliche Arten, fatale und weniger gefährliche. Es müssen wohl sogenannte stabile gewesen sein, wie zu hören ist, Haarrisse, schmerzhaft, sie verlangen eine lange Schonung.

          Wehrlein zwang der Crash laut Wolff ins Korsett und damit vor allem zu einer wochenlangen Trainingspause. Zu den ersten Testfahrten konnte er nicht antreten. In der zweiten Woche Anfang März fuhr der 22-jährige Pilot den Sauber-Boliden, aber in der Nacht vor dem Qualifikationstraining in Melbourne teilte er seiner Teamchefin Monisha Kaltenborn den vorläufigen Rückzug mit. Am nächsten Morgen saß Wehrlein gefasst im Fahrerlager und überraschte wieder: „Meine Entscheidung hat nichts mit den gestiegenen Anforderungen für die Fahrer zu tun“, behauptete er: „Ich bin einfach noch nicht fit.“ Eben, nicht stark genug für die Kurvengeschwindigkeiten der Formel 1 und die Verzögerungen beim Bremsen.

          Mit den neuen Freiheiten bei der Konstruktion der Boliden sind die Fliehkräfte wieder gestiegen. Das Tempo in den Kurven nimmt nach Kalkulation von Sauber um bis zu 30 Kilometer pro Stunde zu. Die Bremswege sind um 15 Meter kürzer geworden. Dabei werden, je nach Strecke und Kurvenradius, Werte von weit mehr als 4g erreicht werden. Dann zieht das Vierfache des Kopfgewichtes samt Helm (also 20 Kilogramm) den Kopf zur Kurvenaußenseite, immer wieder für (insgesamt) einige Sekunden pro Runde. In China sind 56 Touren zu absolvieren. Das Fahrerlager von Melbourne verließ der ranke wie schlanke Wehrlein mit dem Ziel, schnell so auszusehen wie die Kollegen: Jockey-Figuren mit Stiernacken.

          Der Mercedes Chef Toto Wolff im Fahrerlager.
          Der Mercedes Chef Toto Wolff im Fahrerlager. : Bild: EPA

          Wie lange es dauern kann, bis Rennfahrer nach Halsverletzungen wieder die Formel-1-Belastungen über eine Grand-Prix-Distanz aushalten, wurde im Fall Michael Schumacher 2009 bekannt. Der Rheinländer sah sich noch sechs Monate nach seinem Motorradunfall nach eigenen Angaben nicht in der Lage, als Ersatzmann für den verletzten Felipe Massa einzuspringen. Allerdings hatte Schumacher, er war zweieinhalb Jahre zuvor zurückgetreten, einen Berstungsbruch des ersten Halswirbels (Atlas) erlitten – als Rekordchampion im Ruhestand.

          Wehrleins Karriere hat dagegen kaum begonnen. Und so stellt sich die Frage, ob mehr als Haarrisse zu überwinden sind. Bei seinem Debüt im inzwischen bankrotten Manor-Team 2016 erfüllte er nicht die Forderung von Wolff, den Teamkollegen zu dominieren und die Führung im Rennstall zu übernehmen. Bei der Suche nach einem besseren Cockpit entschied sich Force India (trotz Mercedes-Motor im Heck) für den Franzosen Esteban Ocon, den Teamkollegen.

          Als Mercedes nach dem Rücktritt von Nico Rosberg im Dezember plötzlich ohne Weltmeister dastand, erklärte Wolff Wehrlein für zu unerfahren. Der Deutsche braucht Zeit. Sie läuft ihm davon. Mit jeder Runde wächst der Erfahrungsvorsprung der Kollegen mit den neuen Autos und den neuen Reifen. Bei Sauber fährt Marcus Ericsson (14. im Qualifying) dem im Moment wehrlosen Wehrlein davon. Und doch muss der dritte Deutsche im Feld kurz nach seiner Rückkehr den Schweden schnell überholen, falls er im Kreisverkehr eine Zukunft haben will.

          Deshalb ist der Zeitpunkt des Wiedereinstiegs so wichtig. Wehrlein trainierte noch einmal zehn Tage intensiv, vermied den Jetlag und will in Bahrein besser vorbereitet wieder einsteigen. Das Ende der Leidenszeit wäre dann wahrscheinlich diese Woche erreicht. Am Karfreitag.

          Weitere Themen

          HSV gewinnt wildes Nord-Derby in Bremen

          2. Bundesliga : HSV gewinnt wildes Nord-Derby in Bremen

          Zwei Gegentreffer, ein Platzverweis und ein aberkanntes Tor: Vieles lief in der ersten Hälfte gegen Werder Bremen. In der zweiten Halbzeit mühten sie sich vergeblich gegen die Hamburger Defensive.

          Topmeldungen

          Olaf Scholz spricht vergangenen Samstag in München.

          Wahlkampf : Scholz nennt konkrete Zahl für Steuererhöhung

          Erstmals beziffert der SPD-Spitzenkandidat, wie hoch der Spitzensteuersatz unter ihm als Kanzler steigen könnte. Im Gegenzug macht er unter anderem einen Mindestlohn von 12 Euro zur Bedingung für jede Koalition.
          Zum Auftakt der Aktionswoche erhält eine Oberschülerin in Berlin vergangenen Montag eine Corona-Impfung.

          RKI-Zahlen : Inzidenz sinkt den sechsten Tag in Folge

          70,5 beträgt die Corona-Inzidenz aktuell – und ist weiter im Rückgang. Gesundheitsminister Spahn zieht eine positive Bilanz der Impf-Aktionswoche, und laut Umfrage stoßen 2G-Regeln bei den meisten Deutschen auf Zustimmung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.