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Verstorbene Formel-1-Legende : Niki Lauda und ein Leben wie Filmstoff

„Es ist nicht einfach, perfekt zu sein“: Das Leben von Niki Lauda gibt es nun als Biographie Bild: Edel Books

Es scheint kaum eine Facette über Niki Lauda gegeben zu haben, die nicht ausgeleuchtet worden ist. Und doch hat Autor Maurice Hamilton eine besondere Biographie geschrieben, die einen das Kopfkino anwerfen lässt.

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          „Zurückgeschaut hab ich nie, die Vergangenheit hat mich immer nur interessiert, wenn ich geglaubt hab, daraus etwas für die Zukunft lernen zu können.“ Dieser Satz stammt von Niki Lauda, und er könnte so etwas sein wie die beste Werbung für ein gerade erschienenes rund 400 Seiten starkes Werk über den Österreicher, der an diesem Mittwoch vor genau einem Jahr verstorben ist.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Verfasst hat „Niki Lauda. Die Biografie“ der britische Autor Maurice Hamilton, der selbst bei etwa 500 Grands Prix vor Ort war, sich aber nicht allein auf seine eigenen Erinnerungen verlassen wollte und deshalb mit ehemaligen Gegnern von Lauda gesprochen hat, mit Freunden und dessen Familie und außerdem andere Bücher, Magazine und Zeitungen ausgewertet hat. Genau das ist die große Stärke dieses Buchs, das einen unmittelbar zurückführt an historische Motorsport-Orte.

          An den Nürburgring etwa, zurück zum 1. August 1976, an den Tag, an dem Lauda nach einem Unfall auf der Nordschleife beinahe verbrannt wäre in seinem Ferrari 312T2. Bei Tempo 210 brach das Heck des Rennwagens aus, dann durchbrach der Ferrari die Fangzäune, prallte gegen eine Erdböschung und wurde wieder zurück auf die Strecke geschleudert. Eine Seite des Wagens brannte bereits, als Brett Lunger mit seinem Surtees nicht mehr ausweichen konnte und in das Wrack krachte. Irgendwann war Lauda der Helm vom Kopf gerissen worden.

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          „Niki hatte offensichtlich riesige Schmerzen und wand sich im Gurt, er versuchte den Flammen zu entkommen“, erinnerte sich der Italiener Arturo Merzario, einer der Ersthelfer, der als früherer Ferrari-Fahrer wusste, wie er den Verschluss des 6-Punkt-Gurtes öffnen musste: „Gott sei Dank verlor er schließlich das Bewusstsein, das Drehschloss konnte ich erst öffnen, als er in sich zusammensackte ...“ Lauda sagte später, alles, woran er sich noch erinnern konnte, sei das Rattern der Rotorblätter gewesen, gefolgt von dem Wunsch, sanft einzuschlafen.

          Leben von Lauda ist Filmstoff

          Monza, 42 Tage später, das erste Rennen von Lauda nach dem Unfall: „Ich traf ihn im Fahrerlager“, erzählte der britische Pilot John Watson: „Dieses Comeback war das Mutigste, das ich einen Rennfahrer – oder irgendeinen anderen Sportler – je habe machen sehen.“ Hamilton beschreibt detailliert, wie Lauda damals versucht hat, seine Ängste zu überwinden, wie begeistert das Publikum auf ihn reagiert, beinahe schon so, als sei ein Toter wieder unter Lebenden, und wie wenig Vertrauen die Verantwortlichen von Ferrari noch in ihn setzten. Lauda beendet den Großen Preis von Italien als Vierter. „Das war die heldenhafteste Leistung, die ich je im Sport erlebt habe“, sagte Jackie Stewart.

          Das Leben von Lauda ist Filmstoff. Und genau das ist das Problem eines Autors wie Hamilton, denn dieser Film („Rush“) war bereits in den Kinos zu sehen, und es scheint auch sonst kaum eine Facette in den 70 Lauda-Jahren gegeben zu haben, die noch nicht ausgeleuchtet worden ist. Hamilton schreibt diese Geschichte nicht neu, aber er komponiert sie anders, beschreibt sie in einer Dichte, die einen das eigene Kopfkino anwerfen lässt. Die Bilder funktionieren, sie reichen bis in die Gegenwart, als beispielsweise Toto Wolff ins Spiel kommt.

          Der heutige Mercedes-Motorsportchef lernte Lauda kennen, als er selbst erst 24 Jahre alt war. „Lauda war von meiner ersten Frau ein Cousin zweiten Grades“, erzählte Wolff. Etwa zwei Jahrzehnte später wurden Lauda und Wolff Geschäftspartner – auch wenn Lauda, der schon Hamilton zum Team gelockt hatte, als auch Wolff einstieg, zunächst skeptisch war und um Bedenkzeit bat. „24 Stunden“, wie sich Wolff nun erinnerte: „Er sagte: ,Ich bin dabei, machen wir’s zusammen. Ich denke wir können unsere Ziele gemeinsam schneller erreichen, als ich das allein kann – unter einer Bedingung: Ich halte dich für einen cleveren Geschäftsmann – ich nehme zehn Prozent deines Deals.‘ Und weg war er.“

          Es war der Beginn einer anderen Geschichte: Motorsportgeschichte. Seit 2014 hat Mercedes jeweils sechsmal die Fahrer- und die Konstrukteurs-Weltmeisterschaft gewonnen. 2018 war Lauda zum letzten Mal dabei, ein Jahr später widmete das Team ihm die Triumphe. „Er war ein so wichtiger Teil unseres Erfolgs im Laufe der Jahre. Es wird sehr schwer, denn ich vermisse ihn; wir alle vermissen ihn“, erinnerte sich Wolff: „Wenn ich vor einer schwierigen Frage stehe, frage ich mich: ,Wie würde Niki das sehen? Was würde er tun?‘“ Zurückschauen, um nach vorne zu blicken – das wäre ganz in Laudas Sinne.

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