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Nico Rosberg : Der Zweitbeste

  • -Aktualisiert am

Analytiker Rosberg: „Ich muss schauen, dass ich eine gute Leistung bringe.“ Bild: Reuters

Nico Rosberg ist noch immer im WM-Rennen gegen seinen Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton. Eine große Gefahr aber sieht sein Gegner nicht mehr in ihm.

          Bernie Ecclestone sind Marketingstrategien wurscht. Die Formel-1-Weltmeisterschaft sei entschieden, sagte der Chefmanager vor ein paar Tagen, „it’s a pity“, ja, „schade“. Mit einem Satz hatte der Brite einen dieser kunstvoll konstruierten Spannungsbögen zunichte gemacht. Als sei kurz vor dem Großen Preis von Russland an diesem Sonntag in Sotschi (Start: 13 MESZ) schon alles gelaufen. Weil Mercedes nur noch drei Punkte gewinnen muss, um wieder Konstrukteurs-Weltmeister zu werden. Da ist die Luft raus und Ecclestones Bedauern gut messbar. Allein für den zweiten Triumph in Serie müsste der Brite 35 Millionen Dollar an Mercedes überweisen. Noch mehr aber scheint ihn eine zweite Gewissheit zu schmerzen: Er sehe einen weiteren Sieg von Lewis Hamilton. Und dessen zweiten WM-Triumph. Auch schade.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Warum fahren sie also noch? Weil es noch nicht vorbei ist. Das sagt Sebastian Vettel (Ferrari). Typisch. Als 2009 Jenson Button wie von aller Welt erwartet Champion wurde, stand der Heppenheimer zutiefst enttäuscht im Fahrerlager. Als habe er das Rennen erst im letzten Moment verloren. Vettel rechnet so lange, bis gar nichts mehr geht. Das tat er auch am Donnerstag im Fahrerlager von Sotschi. Trotz 59 Punkten Rückstand in seinem schwächeren Ferrari. Und zwar energischer als der Erstbeste, der Mercedes-Pilot Hamilton bei noch fünf ausstehenden Rennen gefährlich werden kann. Teamkollege Nico Rosberg vertieft sich in Analysen: „Ich muss schauen, dass ich eine gute Leistung bringe.“ Seine Kritiker wollen ihn kämpfen sehen – ohne Rücksicht auf Verluste.

          Ein Reifenschaden, eine Hardwarefehler, ein Blackout

          Zwei Wochen nach dem Großen Preis von Japan kommt Rosberg mit 48 Punkten Rückstand ans Schwarze Meer. Das wäre mit zwei Siegen (25 Punkte) schnell aufzuholen. Wenn Hamilton mal strandete, wenn ihm der Motor um die Ohren flöge, wenn er Opfer einer Wetterkapriole oder des notorischen Abschussspezialisten Pastor Maldonado im Lotus würde. Ein Reifenschaden, eine Hardwarefehler, ein Blackout. Alles schon erlebt. Rosberg will nichts davon wissen. Man wünsche dem anderen nichts Schlechtes. Im Gegenteil.

          Hamilton steht breitbeinig, die Goldketten vor der Brust baumelnd, ein paar Meter hinter Rosbergs Tisch in der Mercedes-Unterkunft und scherzt mit Gästen, als der Deutsche eine Wertschätzung formuliert: „Er fährt stark, hat eine gute Saison, besser als im vergangenen Jahr.“ 3:8 Siege, im Qualifying eine Bilanz von 2:12 gegen den zweimaligen Weltmeister auf dem Weg zum dritten Titel: Rosbergs Selbstanalyse zieht sich schon über die gesamte Saison. Er sagt, es fehlten Nuancen. Die Zeitabstände sind gering, aber mit jeder Niederlage scheint Hamilton überproportional zu wachsen. Seit dem Sieg in Japan (41. Grand-Prix-Triumph) wird er mit seinem Vorbild verglichen: mit Ayrton Senna, dem Superstar der achtziger und frühen neunziger Jahre, ebenfalls 41 Siege, tödlich verunglückt 1994 in Imola, aufgestiegen vom begnadeten Piloten mit Platzhirschgehabe zum Heiligen des Motorsports. Rosberg wird mit Rubens Barrichello verglichen. Aufgestiegen an der Seite Schumachers bei Ferrari zum weitaus Zweitbesten.

          „Ich bin dran“

          Was kann man dagegen machen? Die Ratschläge reichen bis zum gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr: Hamilton einmal von der Piste drängen, um sich Respekt zu verschaffen? In Suzuka, wo Rosberg – von der Pole Position gestartet – in den ersten beiden Kurven die Führung verlor, weil wohl der Motor unter einem Hitzestau nicht die volle Last entfalten konnte, drückte sich Hamilton vorbei wie einst Senna, wie Schumacher, wie Vettel. Im sicheren Bewusstsein, dass Rosberg einen Crash vermeidet, sein Hirn eingeschaltet lässt und sein Glück nicht der Testosteronausschüttung überlässt. Gut kalkuliert, von beiden. Wer einen Rückstand aufholen muss, darf niemals einen Ausfall riskieren. Rosberg zog zurück. Jetzt gilt er als nicht hart genug.

          „Ich bin zu lange dabei, um nicht zu wissen, dass es eine Diskussion gibt. Kein Problem“, sagt Rosberg. Sein Medienberater verweist auf die Attacken im vergangenen Jahr. Auf das atemraubende Rad-an-Rad-Duell in Bahrein, den erfolgreichen Angriff in Kanada. In Spa verdarb Rosberg dem Briten bei einem missglückten Überholmanöver sogar das Rennen. Damals fuhren die beiden auf Augenhöhe. Das Thema ist vom Tisch, verflogen mit der Beschleunigung Hamiltons. Er hat ihn zurückgedrängt ins Versuchslabor: „Ich bin dran“, sagt Rosberg zu seinen jüngsten Start- und Qualifyingproblemchen: „Ich versuche es zu verstehen, aber es wird dauern, bis es klappt.“

          Das meinte Ecclestone wohl, als er Hamilton am Dienstag vorzeitig den Titel zusprach. Rosberg schafft es vor lauter (notwendiger) Selbstbeschäftigung nicht in den Verdrängungsgang. Und Hamilton glaubt offenbar, den Kollegen weit hinter sich gelassen zu haben. Er würde sich wieder auf Duelle wie im Kart freuen, Rad an Rad, sagte er in Sotschi – mit Vettel.

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