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Formel 1 : Hülkenbergs Jagd nach dem guten Ruf

Ein Mann von gestern? Nico Hülkenberg Bild: AFP

Einst galt Nico Hülkenberg als großes Talent mit dem Potential für ein Topteam. 2015 gewann er die berühmten 24 Stunden von Le Mans. Doch in der Formel 1 ist er nur noch ein Rennfahrer unter vielen.

          Er kennt sich aus mit Umwegen, seine gesamte Karriere ist so verlaufen. Denn Nico Hülkenberg hat nicht mehr zu bieten als sein Können, das ist alles, womit er die Verantwortlichen im Motorsport in den vergangenen Jahren von sich überzeugen konnte. Hinter ihm steht kein reicher Förderer, kein großer Sponsor. Niemand also, der eine Laufbahn mit einem Schlag beschleunigen könnte. Hülkenberg musste sich durchbeißen, und trotzdem steht er nun wieder einmal am Scheideweg in der Formel 1. Am Ende der kommenden Saison läuft sein Vertrag bei Force India aus. „Das bringt mich nicht aus der Ruhe. Das ist ein schnelllebiges Geschäft, da kann ganz schnell alles passieren“, sagt der Mann aus Emmerich am Niederrhein. Er hat es selbst erlebt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          28 Jahre ist Hülkenberg inzwischen alt, seit 2010 kreist er in der Formel 1, der Große Preis von Österreich an diesem Sonntag (14.00 Uhr / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) ist sein 103. Rennen. Einst galt er als großes Talent, als ein Mann, der vielleicht sogar einmal den Sprung zu einem der Topteams schaffen würde. Tatsächlich wurde sein Name oft genannt, wenn bei McLaren oder Ferrari wieder einmal ein Cockpit frei wurde. Am Ende aber entschieden sich die Verantwortlichen immer gegen Hülkenberg. Erst wurde er von Williams rausgeschmissen, wechselte dann zu Force India, weiter zu Sauber und wieder zurück. Nun ist er einer von vielen, die Grand Prix für Grand Prix um ein paar Punkte, vor allem aber für die eigene Zukunft fahren. Denn kaum etwas ist in der Formel 1 so vergänglich wie der Ruf, ein Riesentalent zu sein.

          Dabei ist die Königsklasse des Motorsports ein sonderbarer Sport. Der Erfolg eines Fahrers hängt letztlich von vielen Faktoren ab - allen voran von der Technik. Die Konstruktion und Weiterentwicklung eines Rennwagens ist teuer, und so ist die Rangliste der Teams vor allem eine Rangliste des Geldes. Vorne: Mercedes, Ferrari und Red Bull, dahinter der Rest mit Force India irgendwo im Mittelfeld. Um aufzufallen, vielleicht sogar zu glänzen, braucht Hülkenberg deshalb mehr als nur ein gutes Rennen.

          Er braucht auch ein bisschen Glück, die passenden Umständen, um nach vorne zu kommen. Chancen dafür gab es in den vergangenen Monaten einige, genutzt aber hat sie dann sein Teamkollege Sergio Pérez. Zweimal, in Monte Carlo und Baku, stand er nach den vergangenen drei Grands Prix auf Podium. Er bekam Pokale überreicht und wurde gelobt für seine Leistung. Und Hülkenberg stand im Fahrerlager vor den Fernsehkameras und musste erklären, warum dem Mexikaner und nicht ihm diese Erfolge gelangen. In Spielberg sagt er: „Seine Leistung ist ein Ansporn für mich.“

          Im Mittelpunkt steht der Deutsche mit seinem Force India nicht.

          Pérez ist 26 Jahre alt. Auch er stand schon beim Team Sauber unter Vertrag, wechselte von dort direkt zu McLaren, galt schon als eines der neuen Gesichter in der Branche - und scheiterte. Pérez hatte sein Temperament nicht unter Kontrolle, ist auf der Strecke wiederholt mit seinem Teamkollegen Jenson Button aneinandergeraten, fiel in der McLaren-Fabrik in Woking zudem durch arrogante Auftritte auf und sprach so rudimentär Englisch, dass er sich mit den Ingenieuren nicht derart intensiv austauschen konnte, wie es sich diese gewünscht hätten. Nach nur einem Jahr musste Pérez wieder gehen, der Wechsel zu Force India war so etwas wie seine letzte Chance in der Branche. Er hat sie genutzt. Nun sagt er voller Selbstbewusstsein: „Ich bin hier, um Weltmeister zu werden. Es wäre großartig, wenn ich noch einmal die Chance bekommen würde, darum zu kämpfen.“

          Schon wird sein Name genannt, wenn es um die Nachfolge für Kimi Räikkönen bei Ferrari geht. „Ich habe dort gute Freunde“, sagt Pérez. Und er besitzt eine gemeinsame Geschichte mit der Scuderia. Als er noch in der GP2 fuhr, entdeckte ihn der heutige Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene und verpflichtete ihn für die Motorsport-Akademie der Italiener. Mit dem Wechsel zu McLaren allerdings hatte diese Verbindung keinen Bestand mehr. Neben Pérez aber werden auch Romain Grosjean (Haas F1) und Valtteri Bottas (Williams) gute Chancen zugeschrieben, der nächste Teamkollege von Sebastian Vettel zu werden. Ein Name aber spielt in dieser „silly season“, in der die Transfergerüchte durch das Fahrerlager getragen werden, keine Rolle: Hülkenberg. „Das berührt mich nicht so sehr“, sagt er und beteuert: „Wenn es mit Sergio stimmen sollte, dann freut es mich für ihn.“

          Einst galt er als großes Talent mit dem Potential für die Topteams.

          Seit Anfang Juni wird Hülkenberg von der Kommunikationsagentur Jung von Matt/Sports beraten. „Wir entwickeln unser Auto permanent weiter - ich will mich genauso weiter entwickeln“, sagt er. Bisher war es ihm nicht gelungen, ein eigenes, unverkennbares Profil zu entwickeln. Dabei gewann Hülkenberg im vergangenen Jahr mit Porsche das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Ein Sieg, der vor ihm keinem anderen Deutschen parallel zu seiner Formel-1-Karriere gelungen war. Und trotzdem verschwand er schnell wieder aus den Schlagzeilen. Dorthin will er zurück, und die Entwicklung bei Force India macht ihm Hoffnung. „Es geht nach vorne, unser Auto hat definitiv an Performance zugelegt“, sagt er. Und: „Ich glaube, dass ich in Österreich definitiv in die Top Ten fahren kann.“

          Worte, die vor allem seinen Chef freuen: Vijay Mallya, einst Milliardär und heute prominentester Schuldner Indiens. Anfang März hat er das Land verlassen, seitdem hält er sich in London auf und wurde bei keinem Grand Prix mehr gesehen. Hülkenberg telefoniert oft mit ihm, hat ihn zuletzt sogar in dessen Haus in London besucht. „Vijay geht es gut“, sagt er. Den Stolz über die jüngsten Erfolge seines Teams teilt Mallya über Twitter und über die Pressemitteilungen von Force India: „Derzeit haben wir den besten Lauf in der Geschichte unseres Teams und genießen den Moment“, heißt es da. Es ist genau dieser Moment, der ihm und seinen Fahrern Hoffnung macht. Die Zukunft liegt im Ungewissen.

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