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Nico Hülkenberg : Ein Privatier gibt Vollgas

Auch ein Auto des klammen Sauber-Rennstalls kann schnell sein: Nico Hülkenberg Bild: REUTERS

Ein aufgelöster Vertrag scheint Nico Hülkenberg nicht zu belasten. Der Deutsche fährt ganz nach dem Motto, dass ein schnelleres Auto und ein volleres Auto in der Formel 1 das persönliche Fortkommen auch gefährden können.

          Je drückender die finanziellen Zwänge, umso größer die persönliche Freiheit - die Formel 1 ist eine erstaunliche Welt. Nico Hülkenberg fährt seine dritte Saison, das Rennen am Nürburgring war sein 47. Grand-Prix-Start, und in diesen Tagen ist der Deutsche wieder mal als Opfer wirtschaftlicher Unbill unterwegs. Klingt nicht gut. Tatsächlich ist Hülkenberg eher auf dem Weg zum Aufstieg denn zum Ausstieg.

          Am Sonntagnachmittag steuerte er seinen unterlegenen Sauber C32 als Zehnter wieder zu einem WM-Punkt beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring. „Ich hatte Besseres erwartet, das Auto hat nicht so gut gelegen, wie ich dachte“, sagte Hülkenberg anschließend. „Aber es war auf jeden Fall besser als die letzten Wochenenden.“

          Seit Saisonbeginn fährt Hülkenberg für das Team aus Hinwil in der Schweiz. Der Sauber-Rennstall galt jahrelang als finanziell solider Mittelklasse-Rennstall. Das hat sich bekanntlich geändert. Sauber braucht dringend Geld, von dreißig Millionen Euro ist die Rede, und genauso dringend sportlichen Erfolg. Sieben Punkte und Platz acht unter elf teilnehmenden Teams nach dem Rennen in der Eifel sind nicht eben die besten Argumente bei der Sponsorenakquise. Weil eine Teilzahlung des Gehalts nicht fristgerecht überwiesen worden sein soll, hat Hülkenberg seinen Vertrag gekündigt und gibt nun gewissermaßen als Privatier Gas für sein Team.

          Der Rheinländer ist kein Frischling mehr im Fahrerlager, aber wohl kaum ein Konkurrent könnte nach nicht einmal 50 Rennen mehr erzählen über den Spagat zwischen Kohle und Kohlefaser, den ein Großteil der Teams jede Saison hinlegen muss. Für Williams fuhr er 2010 in Brasilien die einzige Pole Position des Teams zwischen 2005 und 2012 heraus, wurde aber abserviert, weil er nicht die nötigen Sponsoren mitbrachte.

          Nico Hülkenberg hat bei den Ausfahrten in diesem Sommer wenig zu verlieren

          2011 musste er als Testfahrer zuschauen, wenn es am Rennwochenende ernst wurde. 2012 durfte Hülkenberg wieder einsteigen, bei Force India. Er machte seine Sache gut, sammelte 63 WM-Punkte, aber so richtig flüssig lief es mit den Indern auch nicht. Zu Gerüchten, er habe auch nach Saisonende noch auf das vereinbarte Entgelt für seine Fahrkünste gewartet, schwieg sich der Rheinländer stets aus. Ist er bei Sauber nun wieder zur falschen Zeit im falschen Cockpit? Von wegen.

          Auf dem Nürburgring erreichte Hülkenberg zum ersten Mal in dieser Saison die letzte Qualifikationsphase, legte sich so die Grundlage für das starke Rennen am Sonntag und bescherte seinem Rennstall die einzigen positiven Schlagzeilen der Woche. Längst spricht die Schweizer Boulevard-Zeitung „Blick“ von „Hülkenberg, dem Superprofi“. Das zeigt, wie stark die Werbung in eigener Sache ist. Jeder Punkt und jede schnelle Qualifikationsrunde helfen Sauber, machen vor allem aber den 25-Jährigen interessant für potentielle Arbeitgeber.

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          „Silly season“ nennen die Engländer die Sommermonate, in denen sich Jahr für Jahr das Fahrerkarussell zu drehen beginnt. Derzeit nimmt die Sause mächtig Fahrt auf: Mark Webber verlässt Red Bull, wer folgt dem Australier auf das Cockpit neben Weltmeister Sebastian Vettel? Toro-Rosso-Mann Daniel Ricciardo soll gute Karten haben, aber viele sehen Kimi Räikkönen in der Pole Position. Schließlich muss auch Lotus jeden Penny zählen, und Räikkönens Leistungen werden im zweiten Jahr seines Comebacks weiterhin wertvoller.

          Bei den Engländern könnten sogar zwei Cockpits frei werden, denn die Zufriedenheit der Teamverantwortlichen mit den Leistungen des Franzosen Romain Grosjean bewegt sich seit längerem im überschaubaren Bereich. Grosjean wird starke Leistungen wie am Nürburgring (Platz drei) in schönerer Regelmäßigkeit als bislang liefern müssen, um das Steuer in der Hand zu behalten. Bei dieser Gemengelage muss in der „silly season“ niemand allzu albern werden, um Hülkenberg wenigstens Chancen bei Lotus zuzusprechen.

          Ganz optimistische Auguren wollen sogar eine Gelegenheit bei Ferrari erkennen, sollte Felipe Massa doch aussortiert werden. Mit Leistungen wie am Nürburgring, von dem er sich schon in der vierten Runde mit einem Dreher verabschiedete, verbessert der Brasilianer seine Verhandlungsposition bei der Scuderia jedenfalls nicht. Wer viel hat, kann viel verlieren: Ein schnelleres Auto und ein volleres Konto können in der Formel 1 das persönliche Fortkommen auch gefährden. Nico Hülkenberg dagegen hat bei den Ausfahrten in diesem Sommer wenig zu verlieren.

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