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Nico Hülkenberg : Biete Talent statt Mitgift

  • -Aktualisiert am

Klare Sache: Im Qualifying war Hülkenberg (r.) eine Sekunde schneller als Sebastian Vettel Bild: dapd

Trotz der Pole Position in Brasilien muss Nico Hülkenberg um die weiterbeschäftigung in der Formel 1 bangen. Auch bei seinem Williams-Rennstall soll demnächst ein Fahrer mit Millionen im Rücken Gas geben. Hülkenberg kann dagegen nur auf sein Talent setzen.

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          Es gibt Antworten, die alles sagen. Nico Hülkenberg hat so eine gegeben. Am Samstag jedenfalls schaute die Formel 1 zunächst verdattert auf den jungen Rheinländer; überrascht, sprachlos. Da kämpften die besten Piloten in den schnellsten Boliden unter schwierigen Bedingungen um die Pole Position für den Großen Preis von Brasilien. Das Rennen aber machte der 23 Jahre alte Saisonnovize aus Emmerich in seinem Williams.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die erste Pole Position Hülkenbergs, die erste für Williams seit fünf Jahren oder 99 Versuchen, ist ein besonderer Coup. Und so hagelte es – bei aller Sparsamkeit im Umgang mit Lob für Konkurrenten – Gratulationen aus allen Winkeln des Fahrerlagers. Selbst der bärbeißige Technische Direktor von Williams, Patrick Head, ließ sich zu einer Eloge hinreißen, nachdem Hülkenberg auf der teilweise noch feuchten Piste mit Trockenreifen eine (!) Sekunde schneller gefahren war als der Zweitschnellste Sebastian Vettel im Red Bull: „Fantastisch. Er hat sich gar nicht erst herangetastet oder die Reifen warm gefahren, er hat gleich Vollgas gegeben“, sagte Head, bevor er diese Ehrenrunde jäh abkürzte: „Was die Zukunft bringt, ist eine andere Frage.“

          Der Pole-Mann ein Auslaufmodell bei Williams? Das erscheint unglaublich. Es ist aber nicht unwahrscheinlich. Seit Wochen lässt Williams Gerüchte unkommentiert, auch Hülkenberg werde Opfer einer Renaissance in der Formel 1: Die Rückkehr des sogenannten „Pay-Drivers“ scheint die hohe Qualität des Fahrerfeldes zu bedrohen. Selbst bei den langsamsten Teams sitzen erstklassige Piloten am Steuer, etwa Timo Glock im Virgin oder der Italiener Jarno Trulli im Lotus.

          „Was die Zukunft bringt, ist eine andere Frage”: Patrick Head (l.) über Hülkenbergs Pole Position

          Die Nachwirkungen der Wirtschaftskrise aber setzen in diesem Jahr nicht nur Teams wie das spanische Projekt HRT massiv unter Druck. Inzwischen ringen selbst etablierte Rennställe wie Renault, Sauber und eben auch Williams um jeden Geldgeber. Die Briten verlieren zum Saisonende mehrere potente Sponsoren. Ersatz steht zwar bereit. Aber die Bedingungen haben sich geändert. Für Hülkenberg soll Pastor Maldonado ins Cockpit gesetzt werden. Der Venezolaner ist kein Dilettant. Er hat sich – wie Hülkenberg 2009 – als GP-2-Meister qualifiziert. Dazu aber bietet der Südamerikaner verlockende Argumente. Er will angeblich zwölf Millionen Euro Fahrgeld mitbringen. Hülkenberg kann man kaum in die Tasche greifen. Er hat nur eines zu bieten: Talent.

          Barrichello rechnet mit einer Fortsetzung bei Williams

          „Die Pole sollte eine Gehaltserhöhung geben, oder?“, sagte der jüngste deutsche Pilot am Samstag scherzend. „Aber Spaß beiseite: Ich denke, die Situation bei Williams ist offen. Nichts ist bestätigt. Ich konzentriere mich darauf, gute Arbeit zu leisten. Dann muss das Team entscheiden, ob sie mich wollen oder nicht.“ In dieser Ungewissheit steckt Hülkenberg, seit Sir Frank Williams vor Wochen die Option auf seine Vertragsverlängerung verstreichen ließ.

          An Hülkenberg ging dieser Vertrauensentzug nicht spurlos vorüber. Wie ein Häufchen Elend saß er nach dem Qualifikationstraining in Singapur vor der Williams-Box. Denn mitten in seiner seit Sommer unübersehbaren Beschleunigungsphase hatte ihn ein Rückschlag getroffen. Wieder hatte ihn das Schlachtross der Branche, Rubens Barrichello, im teaminternen Duell distanziert. Wieder war er seinen Erwartungen nicht gerecht geworden – und denen des Teams. Was an der Seite des 38 Jahre alten Barrichello auch nicht leicht ist. Mit 302 Grand Prix verfügt der Brasilianer über die größte Erfahrung. Sein Tempo ist ungebrochen, seine starke Mitwirkung bei der Entwicklung des Boliden steht außer Frage. „Er hat einen großen Anteil daran“, sagt Hülkenberg. Zwar ist die Vertragsverlängerung Barrichellos noch nicht unterzeichnet worden. Dessen Signale aber sind eindeutig: Er rechnet mit einer Fortsetzung bei Williams.

          Schon andere litten unter Sir Franks Pokerspiel

          Sir Frank hat allerdings schon andere Piloten fahren lassen. Für Weltmeister wie Nigel Mansell, Alain Prost oder Damon Hill sah er schon kurz nach deren Kür keine Zukunft mehr im Team. Andere litten unter dem Pokerspiel des Briten. Nick Heidfeld erfuhr 2005 erst zehn Minuten vor der Präsentation des Teams für die neue Saison, dass er das Winterduell um das zweite Cockpit gewonnen hatte. Der Verlierer Antonio Pizzonia musste anschließend bei der Pressekonferenz gute Miene zum brutalen Spiel machen. Wie damals bei Heidfeld sind nun Hülkenberg die Hände gebunden. Angemessene Alternativen bieten sich nicht. Dort, wo möglicherweise Plätze frei werden, erwarten die Anbieter eine satte Mitgift. Bei Sauber wird Heidfeld dem Mexikaner Sergio Pérez weichen müssen. Im Gepäck steckt ein Sponsordeal über – geschätzt – 7,5 Millionen Euro.

          Welchen Wert die Pole-Position von Brasilien hat, wird Hülkenberg wohl erst spät erfahren. Kurzfristig erhielt er ungewöhnlich starken Beifall selbst von Ferrari, von Red Bull und der deutschen Pilotengarde mit Michael Schumacher an der Spitze: „Das hat er perfekt gemacht. Ich freue mich auch, weil er so unter Druck steht. Ich hoffe, das hilft ihm jetzt.“ Hülkenberg ist überzeugt davon. Dabei hat er schon früher seine Qualitäten bewiesen. Zum Beispiel im Zweikampf mit seinem angeblichen Nachfolger, dem Teamkollegen von 2009 in der GP2: „Wie das ausging mit Maldonado?“, fragte Hülkenberg in Sao Paulo: „Ich glaube 10:0.“

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