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Neuer Silberpfeil : Die Physik ausreizen

  • -Aktualisiert am

Ist er so schnell, wie er auf den ersten Blick aussieht? Der neue Mercedes W08 Bild: pixathlon / action images

Der neue Silberpfeil ist unspektakulär spektakulär – weil er anders ist als die Boliden der Konkurrenz: Beim Versuch, Klassenbester zu bleiben, geht Mercedes Risiken ein.

          3 Min.

          Die erste Hürde hat das Formel-1-Team von Mercedes geschafft. Der Wetterbericht kündigte für den Tag der Präsentation des neuen Silberpfeils in Silverstone Dauerregen und schwere Stürme mit Windgeschwindigkeiten von 100 Kilometern pro Stunde an. Damit drohte der Filmtag auf der Rennstrecke ins Wasser zu fallen. Mercedes hatte Glück. Der Wind kam, der große Regen blieb aus. Lewis Hamilton und Neuzugang Valtteri Bottas spulten die erlaubten 100 Kilometer ab.

          Williams und Sauber präsentierten ihre Neukonstruktionen im Internet, Renault und Force India im Saal auf der Bühne, Mercedes auf der Rennstrecke. Rekordzeiten waren von dem neuen Silberpfeil nicht nur wegen des schlechten Wetters nicht zu erwarten. An Filmtagen rollen die Autos auf betonharten Reifen. „Es fühlt sich eigentlich wie immer an“, sagte Lewis Hamilton. Man wird sich bis zu den Testfahrten nächste Woche in Barcelona gedulden müssen, um herauszufinden, ob die neuen Boliden auf der spanischen Grand-Prix-Strecke tatsächlich wie angekündigt vier Sekunden pro Runde schneller sind.

          Ein mächtiges Fahrzeug

          Der Neubeginn dokumentiert sich beim Weltmeister oberflächlich in neuen Farben und einem neuen Namen. Das Auto heißt jetzt offiziell etwas sperrig Mercedes W08 EQ Power+. Optisch sieht der Formel-1-Jahrgang schnell aus. Und groß. Auch der Mercedes W08 ist verglichen mit dem Vorjahr ein mächtiges Fahrzeug. Die Regeln ließen die Autos um 20 Zentimeter in die Breite wachsen, aerodynamische Zwänge in die Länge. Einige Autos werden um bis zu 20 Zentimeter länger sein. Die Vielzahl an Leitblechen und Strömungsausrichtern, die neuerdings hinter den Vorderrädern erlaubt sind, brauchen Platz.

          Los geht es für Lewis Hamilton bei der Präsentation des Mercedes in Silverstone. Bilderstrecke

          Drei WM-Titel und 52 Grand-Prix-Siege in den vergangenen 59 Grands Prix geben Selbstvertrauen. Die Ingenieure in Brackley und Brixworth folgten nicht dem Mainstream, der sich von den bislang gezeigten neuen Autos ableiten ließ. Der neue Silberpfeil ist unspektakulär spektakulär. Weil er anders ist. Er hat nicht die Knollennase wie die Konkurrenz. Auf der Motorabdeckung sitzt kein monströses Segel wie beim Sauber, Renault und Force India, obwohl das den neuerdings 15 Zentimeter niedrigeren Heckflügel bei Schräganströmung in Kurven schützen soll. Der Frontflügel in Delta-Form ist im Vergleich zu anderen Autos erstaunlich grazil.

          Der neue Mercedes hat einen längeren Radstand. Die Leitbleche hinter den Vorderrädern bauen sich wie ein Kunstwerk vor den Seitenkästen auf. Sie sind dazu da, die Luft nach hinten zu kanalisieren und Wirbelschleppen zu erzeugen, die den Boden des Fahrzeugs zur Seite hin abdichten. Der Seitenansicht nach zu urteilen, ist das Auto nach hinten steiler angestellt als bislang. Damit würde sich Mercedes an das Fahrzeug-Konzept des vermeintlich stärksten Gegners Red Bull anlehnen. Die zweiteiligen Seitenkästen sind ein Novum. Vorne ein Bauch, der fast auf die Maximalbreite von 1,60 Meter reicht. Hinten eine schlanke Taille. Diese Lösung minimiert den Anstieg des Luftwiderstands, eine der ungewünschten Nebenwirkungen der breiteren Autos.

          Wegen des neuen Reglements konnten die Vorjahresautos nicht wie üblich als Basis herangezogen werden. Mercedes übernahm nur 17 Prozent des Vorgängers. Die ersten Windkanalversuche wurden schon vor dem ersten Rennen 2016 in Angriff genommen. Danach entwickelte sich die endgültige Form in mehr als 2000 Versuchsreihen. Zu dem Zeitpunkt kannten die Ingenieure noch nicht einmal die Details des neuen Reglements und die Eigenschaften der Reifen.

          Neukonstruktion des Motors

          Auch beim Motor blieb kein Stein auf dem anderen. Dabei war Mercedes in dieser Disziplin bereits Klassenbester. Da die Luft nach oben immer dünner wird und die Konkurrenz in Konsequenz näher rückt, wagte sich Mercedes-Motorenchef Andy Cowell an eine Neukonstruktion. Es ging nicht nur um mehr Leistung. Wegen der gestiegenen Kurvengeschwindigkeiten musste das Triebwerk als tragendes Bauteil steifer ausgelegt werden. Es wurde dadurch auch etwas schwerer. Das Ausreizen der Physik birgt gewissen Risiken. Man hört, dass erst in dieser Woche der erste Prüfstandlauf über die erforderlichen 4000 Kilometer erfolgreich abgeschlossen wurde.

          Teamchef Toto Wolff sieht den Neubeginn als Chance und Risiko zugleich. „2014 haben wir von einer Regelreform profitiert. Es kann auch diesmal so sein, dass einer den goldenen Schuss landet. Für uns war wichtig, dass wir konzentriert und motiviert bleiben und verstehen, was wir brauchen, um erfolgreich zu bleiben.“ Mercedes ist auf zwei wichtigen Posten im Team neu besetzt. Valtteri Bottas löst Weltmeister Nico Rosberg im Cockpit ab, James Allison den zu Williams abgewanderten Paddy Lowe als Technikdirektor. Wolff spricht von einer positiven Unruhe: „Wir sind gezwungen, uns an die neue Situation anzupassen. Das kann ein Team auch beflügeln.“

          Die höheren Kurvengeschwindigkeiten trieben die Fahrer im Winter in die Fitnesskammern. „Ich habe später mit dem Training begonnen als sonst, dafür aber härter trainiert als je zuvor und das Trainingsprogramm so gestaltet, dass es mehr Spaß macht. Ob es genug war, werde ich erst nächste Woche im Auto wissen. Du kannst die Kräfte im Auto nicht simulieren. Da hilft nur Fahren“, behauptet Hamilton. Mercedes trug den höheren Belastungen Rechnung. Testtage mit 150 Runden für einen Fahrer sind Geschichte. Bottas und Hamilton wechseln sich in Halbtagesschichten ab. Neuzugang Bottas beginnt am Montag.

          Der Mercedes war nicht das letzte neue Auto, das vor Beginn der Winter-Testfahrten am 27. Februar enthüllt wurde. An diesem Freitag ziehen McLaren und Ferrari nach. Am Sonntag folgt die mit Spannung erwartete Vorstellung des Red Bull. Die Experten sind sich einig: Wenn einer die Mercedes-Siegesserie stoppen kann, dann die Truppe um Star-Designer Adrian Newey.

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