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Nach Timo Glocks Unfall : Der Schuldige: Mensch oder Maschine?

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Kurvenfahrt: Glocks Crash ist merkwürdig Bild:

Timo Glock verunglückt mit seinem Toyota beim Formel-1-Qualifikationstraining von Suzuka. Schwer verletzt hat er sich nicht - und doch war es ein Unfall, der Fragen aufwirft und Widersprüche produziert.

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          Bleiben nichts als Nackenschmerzen und eine kleine Narbe am linken Bein? Sieben Stunden nach dem großen Schrecken beim Qualifikationstraining für den Großen Preis von Japan durfte Timo Glock das Krankenhaus von Yokkaichi wieder verlassen. Patient halbwegs wohlauf, Auto halb Schrott. Bis zum Cockpit hatte sich der Toyota in die Reifenstapel neben der letzten Rechtsbiegung vor der Zielgeraden gebohrt, nachdem Glock zu Beginn des zweiten Durchgangs die Kurve nicht bekommen hatte. Ein merkwürdiger Crash an einer Stelle, die nicht als Unfallschwerpunkt bekannt ist. Er warf sofort Fragen auf: Wer war hier neben der Spur, der Mensch oder die Maschine?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Eine heikle Frage in einer schwierigen Situation. Toyota kämpft um seine Position in der Formel 1 zum Ende einer enttäuschenden Saison. Teampräsident John Howett muss nicht nur mit einer enormen Mittelkürzung zurechtkommen, sondern trotz des radikalen Einschnittes bei den Finanzen ein überzeugendes Konzept für die Zukunft bieten. Er versucht es so: „Wir haben ein Auto, das für regelmäßige Podestplätze gut ist.“

          Die Schwäche seines Teams, so Howetts unmissverständliche Andeutung, ist also in der Mitte der Boliden zu suchen. Dort, wo bekanntlich die Fahrer sitzen. Da staunt die Formel-1-Welt. Zweimal mit beiden Rennern weit hinten in der Startaufstellung, zweimal, noch dazu auf der „Fahrerstrecke“ in Monaco und in Melbourne, in der letzten Reihe, aber hin und wieder doch ganz vorne, wie am Samstag mit Jarno Trulli in Suzuka – Howetts Schuldzuweisung lässt Spielraum für Interpretationen. Versucht hier jemand seine Haut auf Kosten der Piloten zu retten?

          Beteuert, dass es nicht an einem technischen Defekt lag: Toyotas Teampräsident John Howett

          Dieser allgemeine Eindruck mag die erste Einschätzung zum Unfall Glocks am Samstag beeinflusst haben. Howett beteuerte zwar, alle Daten sprächen gegen einen technischen Defekt im Moment des Unfalls. Mit seiner Behauptung, der Deutsche habe keinen Versuch gemacht, das Lenkrad im entscheidenden Moment zu drehen, befeuerte der Brite aber die Pannenvariante. Auf den Fernsehbildern von RTL sieht man, wie Glock das Steuer um fast eine Vierteldrehung nach rechts reißt, während die Räder sich nicht zu bewegen scheinen. Viele Experten im Fahrerlager sprachen von einem klaren Widerspruch zwischen Wunsch (Howett) und Wirklichkeit (Bilddokumente). Zumal drei Ingenieure am Vormittag mehrmals das Lenkrad Glocks gewechselt und ein Mechaniker dabei auf den Vorderreifen getrommelt hatte. Toyota mitten im Ablenkungs-manöver?

          „Das waren elektronische Probleme“

          Die erste Rückendeckung für Howett kam aus dem Team. „Über das Lenkrad müssen wir nicht diskutieren“, sagte ein deutscher Ingenieur. „Das waren elektronische Probleme. Es gab keine mechanischen.“ Offiziell sollen Techniker mit Journalisten nicht ohne Absprache reden. Inoffiziell halfen die Erklärungen der Praktiker, das Bild zurechtzurücken. „Der Lenkausschlag der Räder korrespondiert doch nicht direkt mit dem Einschlag des Lenkrades.“

          Frei übersetzt: Die Piloten drehen zwar mächtig an ihrem Steuer, die Räder aber bewegen sich etwa im Vergleich zu einem Gefährt des gemeinen Autofahrers wenig. Diese „Übersetzung“ ermöglicht Formel-1-Fahrern bei hohem Tempo wie in Suzuka viel Spielraum für einen gefühlvollen Einsatz. Nur so sind präzise Linien bei Tempo 300 möglich. Beim intensiven Studium der RTL-Bilder mit Vor- und Rücklauf ließ sich dann wenigstens erahnen, dass die Räder doch auf Glocks Lenkbewegung reagierten. Ohne eine Winkelveränderung hätte sich der Schriftzug des Reifenfabrikanten auf der Innenflanke des linken Pneus nicht von Meter zu Meter besser lesen lassen.

          Glocks Aussichten für 2010 scheinen gut

          Glock hatte sich am Samstag geschwächt ins Auto gesetzt, sichtlich gezeichnet vom Fieber des vergangenen Tages. Eine größere Pause aber wollte sich der Kämpfer unter den Piloten nicht gönnen. Beflügelt von seinem zweiten Rang in Singapur am vergangenen Sonntag, dachte er auch an weitere Werbetouren. Er sucht ein gutes Cockpit. Toyota löste vor drei Wochen die Option für ein drittes Jahr (2010) nicht ein und gewährte seinem Deutschen damit freies Spiel bei Verhandlungen.

          Die Aussichten scheinen gut. Der Nachfolger von BMW-Sauber, durchsetzt mit Glock-Kennern aus dessen Zeit als Testfahrer, scheint interessiert. Lotus-Chef Mike Gascoyne hinterließ seine Visitenkarte. Renault knüpft zarte Bande. Selbst Toyotas Teampräsident Howett will eine Fortsetzung nicht ausschließen. Falls seine Strategie nicht aufgeht. Der Engländer will der Zentrale zwei neue Namen präsentieren.

          Offenbar gibt es bessere Alternativen als Toyota

          Am Freitag sprach er von Kimi Räikkönen und Robert Kubica. Während der Weltmeister von 2007 aber mit McLaren über seine Gage und wenig PR-Auftritte verhandelt, scheint Kubica schon bei Renault im Wort. Der Pole wird im Fahrerlager jedenfalls mit einem wenig schmeichelhaften Satz zitiert: „Toyota hat mit viel Geld kein WM-taugliches Auto hinbekommen. Wie soll das nun mit wenig gehen?“

          Offenbar gibt es bessere Alternativen. Auch für Glock. Wahrscheinlich geht Renault nach der Entlassung von Teamchef Flavio Briatore und dem Technischen Direktor Pat Symonds wegen der Beteiligung am Trickbetrug von Singapur 2008 nicht goldenen Zeiten entgegen. Ehrlich fährt nicht immer am schnellsten. Eine neue Besatzung aber würde zu einer Linie passen, die Renault zuletzt vermissen ließ. So geradeaus, wie Glock am Samstag wider Willen fuhr, so geradlinig ist er aus freien Stücken. Seinem Team hat er noch aus dem Krankenhaus diesen überlieferten Kommentar zugerufen: „Ihr braucht nicht nach dem Auto zu schauen.“

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