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Michael Schumacher : Wunsch und Wirklichkeit

Michael Schumacher Bild: dpa

Nicht mehr im Koma: Michael Schumacher hat das Krankenhaus von Grenoble verlassen. Diese Nachricht beschreibt einen winzigen Schritt zurück ins Leben. Gefragt ist vor allem Geduld.

          Kaum war die Botschaft gesendet, da reagierten schon Deutschlands Fußball-Nationalspieler. Lukas Podolski, der fröhliche Geist im Ensemble von Bundestrainer Joachim Löw, twitterte am Montag ein paar Stunden vor dem ersten WM-Spiel gegen Portugal aufgeregt vor Freude: „Was für eine großartige Nachricht. Ich bin so glücklich.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Das Schicksal von Michael Schumacher beschäftigt viele Menschen seit nun fünfeinhalb Monaten. Seit er bei einem unglücklichen Sturz beim Skifahren eine sehr schwere Hirnverletzung erlitt und in Grenoble behandelt wurde, wartet die Nation auf eine Antwort: Wird er wieder ganz gesund? „Michael hat das CHU Grenoble verlassen, um seine lange Phase der Rehabilitation fortzusetzen“, schrieb seine Managerin Sabine Kehm am Montag in der ersten Mitteilung seit Anfang April für alle Welt.

          Sie fügte einen Satz hinzu, der Medien wie die vielen Begleiter seines Schicksals elektrisierte: „Er ist nicht mehr im Koma.“ Sechs Worte, die in den Köpfen der um Schumacher in der Ferne Bangenden wunderbare Bilder und Tatkraft auslösten. „Besser kann die Woche gar nicht beginnen“, schrieb sein letztes Formel-1-Team, Mercedes. Der frühere Fußball-Nationalspieler Mario Basler platzte fast vor Begeisterung: „Schumi! Schumi! Schumi! Ist das geil, Junge! Gigantisch gut! Du bist ein Teufelskerl!“

          Die große Gefahr für Leib und Leben

          Sie wollen ihn alle zurück, den alten Schumi, den Siegertypen, der in seiner zweiten Karriere nach dem ersten Rücktritt 2006 als Supermann der Formel 1 das Verlieren lernte (gegen den Titelkandidaten dieser Saison, Nico Rosberg) und dabei doch entspannt blieb. Fast anderthalb Jahrzehnte hat er die Deutschen gespalten in knallharte Kritiker und unverdrossene Bewunderer.

          91 Grand-Prix-Siege, sieben Weltmeister-Titel und sein Image, selbst Ferraris berühmten Rennstall von einer zerstrittenen, wenn auch mit viel Geld subventionierten Bastelbude in eine dominante Gewinngemeinschaft verwandeln zu können, machten den Jungen aus dem Rheinland zu einem Weltstar, der bis weit über China hinaus von Fans erkannt und fröhlich verfolgt wurde. Er schien das Fahren am Limit, die große Gefahr für Leib und Leben nach Belieben zu beherrschen.

          Erst sein lächerlicher Sturz bei einer geringen Geschwindigkeit auf Neuschnee führte seine Verletzlichkeit vor Augen. Der Fall des dominierenden Mannes der Formel-1-Geschichte in die (hoffentlich vorübergehende) Hilflosigkeit hat Sehnsüchte geweckt. So ist aus der kleinen, offiziellen Nachricht, „er ist nicht mehr im Koma“, am Montag die Schlagzeile des Tages entstanden: „Schumacher erwacht“.

          „Sehr lange Phase der Rehabilitation“

          Sie klingt wunderbar. Aber sie entführt auch in die Welt des Wunsches. Ehemalige Komapatienten öffnen nicht plötzlich die Augen, heben die Beine und stehen wieder mitten im Leben. „Er wird“, teilte Sabine Kehm mit, „seine sehr lange Phase der Rehabilitation fortsetzen.“

          Managerin Sabine Kehm

          Sie hat also schon längst angefangen, im Grunde ist das passive Bewegen schon eine Form der Reha. Spätestens Anfang April, als die Familie von „Phasen des Bewusstseins“ berichtete, war das Koma eigentlich schon überwunden. Denn wer etwas bewusst wahrnimmt, kann kaum im Koma liegen, unerreichbar sein, nichts mitbekommen, zum Beispiel den unterschiedlichen Klang von Stimmen, Worten, Tönen.

          Tremolo-Tenor aus der Distanz

          Diese „Phasen des Bewusstseins“, die einzigen offiziellen Auskünfte zu Schumachers Genesung, widersprachen den Behauptungen sogenannter Experten. Mit einer notorischen Regelmäßigkeit schätzt zum Beispiel der ehemalige Formel-1-Arzt Garry Hartstein, obwohl er nicht ein einziges Mal am Krankenbett Schumachers stand, geschweige denn dessen Krankenakten gelesen hat, die Lage und Zukunft ein. Sein Tremolo-Tenor aus der Distanz: Der Patient liegt im Wachkoma. Der Satz, „Michael ist nicht mehr im Koma“, könnte auch eine offizielle Widerrede sein.

          Bislang sind die Prognosen solcher Hartsteins, zusammengerührt aus allgemeinen Erfahrungen und Durchschnittswerten von Verunglückten mit ähnlichen Verletzungen, nämlich nicht eingetreten. Im Gegenteil. Es hat zwar viele Wochen gedauert, aber die Absetzung der Narkotika führte schließlich doch zu den „Phasen des Bewusstseins“, dem ersten winzigen Schritt Schumachers zurück ins Leben.

          Sein Kampf scheint zu beflügeln

          Die Verlegung von Grenoble zur Rehabilitation ins Universitätskrankenhaus nach Lausanne ist der zweite von vielen: Wohin sie führen, ob der Prozess abbricht? Niemand weiß das. Bekannt ist nur, wo Schumacher hergekommen ist. Sein Leben hing wenigstens fünf Tage am seidenen Faden. Seither ist er weit gekommen. Und sein Kampf scheint zu beflügeln. Podolski sprach in Brasilien von gegenseitiger Inspiration: „Wenn wir den Titel gewinnen sollten, wäre das ein Stück, womit man ihm eine Freude machen kann.“

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