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Zum Tod von Niki Lauda : Der Kopf der Formel 1

Spuren eines Rennfahrerlebens: Niki Lauda hat die Entstellung durch seinen Unfall in das vertraute Gesicht der Formel 1 verwandelt Bild: Getty

Intelligent, durchsetzungsstark – und immer auch ein wenig eigenwillig. Niki Lauda hat den Rennsport geprägt. Bis zu seinem Tod.

          Niki Lauda meinte es ernst: „Ich habe keine Freunde“, sagte er 2016 in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Ernsthaft? Lauda wiederholte diese Behauptung auf Nachfrage. Das war am Tag vor einem Formel-1-Rennen. Lauda schaute nach diesem Satz ins Fahrerlager, in einen Teil seines Lebens. Fast fünfzig Jahre hat er dort zugebracht, als Fahrer, Berater, Rennstallchef, Fernseh-Kommentator, zuletzt als erster Aufsichtsrat des Mercedes-Teams. Keine Freunde?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Lauda kann sich nicht mehr wehren. Am Montag ist er, wie seine Familie erklären ließ, im Kreise der Seinen friedlich eingeschlafen, mit 70 Jahren. Ein paar Stunden nach der Bekanntgabe in der Nacht zum Dienstag überschlugen sich die Lobpreisungen. „Ein Held“ sei gegangen, ein „Tapferer und Brillanter“, ein „Vorbild“, ein „Aufrichtiger“, den „Menschlichkeit“ und „Geradlinigkeit“ ausgezeichnet habe. Die Formel-1-Führung, seine früheren Teams Ferrari und McLaren, ehemalige und aktuelle Fahrer auf dem Weg zum Großen Preis von Monaco an diesem Sonntag würdigten Lauda als „Inspiration“ und Liebgewonnenen: „Du wirst für immer in unseren Herzen bleiben.“ Mercedes-Teamchef Toto Wolff sprach von einer „Unersetzbarkeit“. Österreichs Bundeskanzler Kurz fühlte ein menschliches Rühren im Namen der Nation: „Niki, du wirst uns fehlen.“ Nicht schlecht für einen, der vorgab, keine Freunde zu haben.

          Lauda, der Vater und Großvater, wird seiner Familie, seinen fünf Kindern aus drei Verbindungen fehlen, vor allem den beiden achtjährigen Zwillingen. Und vermutlich noch anderen Menschen. Er hütete sein Privatleben. Aber hütete selten seine Zunge. Und deshalb erscheint die Sorge des Formel-1-Managements im Moment der traurigen Nachricht so real. Auch wenn diese amerikanische Kontrollinstanz mit dem „verheerenden Verlust“ wohl kaum die Lust Laudas an ungeschminkten Urteilen ansprach. Bis zu seinem Ausstieg als der erste Fernsehkritiker des Kreisverkehrs im deutschsprachigen Raum präsentierte sich Lauda als Gegenentwurf der Formel-1-Entwicklung. Je komplizierter sie wurde, desto einfacher stellte er sie dar – und damit bloß.

          Mitunter mag er nicht ganz auf der Höhe der Technik gewesen sein. Ob Doppeldiffusor, versteckte Luftstromkanäle oder Reifenfenster bei Sonnenuntergang: „Wurscht“, pflegte Lauda mitunter zu sagen und entkleidete die Erklärungsversuche von Diplomingenieuren und verhinderten Raketenwissenschaftlern nach Niederlagen Sonntagnachmittags mit einer nonchalanten Schwarz-Weiß-Malerei. Sie kam nicht nur an (bei Zuschauern), weil er wusste, was die Menschen da draußen hören wollten, weil er eine leicht begreifbare Übersetzung eines Sports für Insider bot. Häufig hatte er dank seines tiefen Einblicks in die Logik des Rennsports auch Recht.

          Lauda, das ist die Ironie seiner Biographie, war der Kopf der Formel 1. Intelligent, hart gegen sich und andere, diszipliniert, lernfähig, durchsetzungsstark. In seiner Ära galt die Szene als verrucht. Man rauchte, man trank, man genoss das Leben in vollen Zügen am Swimming-Pool, als gebe es kein Morgen. Das war auch so. Im Schnitt sah ein Kollege pro Saison sein Hotelzimmer nach einem Grand Prix nicht wieder. Die jungen Männer rauschten in Raketen mit Aufschlagzünder um die Welt. Lauda spürte, dass er nicht zu den allergrößten Begabungen am Lenkrad zählte. Er reagierte mit einer Professionalisierung, mit einem bis dahin unüblichen Fitnesstraining, entwickelte Rennstrategien, mit denen sein Konterpart, der Lebemann James Hunt, nichts anfangen konnte.

          Lauda fuhr mit dem Kopf durch die Welt. Schon vor seinem schweren Unfall hatte er auf die ständig wachsenden Risiken hingewiesen. Die Boliden wurden immer schneller, aber die Rennstrecken blieben auf dem Stand der fünfziger Jahre. Kaum Auslaufzonen, zu wenig Sicherheitspersonal, vor allem auf der gut 20 Kilometer langen Nordschleife des Nürburgrings.

          Ein Leben für die Raserei: Niki Lauda bei seinem schweren Unfall 1976 auf dem Nürburgring

          1. August 1976: Lauda verliert die Kontrolle über seinen Ferrari. Er schlägt in die rechten Streckenbegrenzung ein. Der F312T fängt Feuer, dreht sich zurück auf die Piste. Ein nachfolgender Kollege prallt gegen das Wrack. Der Italiener Arturo Merzario hält an. Zieht den inzwischen bewusstlosen Lauda aus den Flammen. Das Feuer zeichnet seinen Kopf, die Abgase verätzen die Lunge. Lauda erhält die letzte Ölung. Später erzählt er, die Art dieses Abschieds habe ihn ins Leben zurückgeholt: „So nicht mit mir.“

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