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Stefan Bradl : Zwischen Knast und Rennstrecke

Stefan Bradl hat die Flucht nach vorne angetreten. Bild: AP

Der ehemalige Teamchef ist hinter Gittern und der zwielichtige Sponsor vermutlich pleite. Für Stefan Bradl gleicht die Motorrad-WM einem Krimi. Nun beginnt für ihn das Rennen um seine Zukunft.

          Er ist zurück, sitzt wieder auf einem Motorrad, dreht am Gashahn und kann sein Glück selbst kaum fassen. „Die letzten Wochen waren schon heftig“, sagt Stefan Bradl. „Aber nun muss ich mich wieder auf meinen Job konzentrieren.“ An diesem Wochenende beim Grand Prix von Indianapolis in den Vereinigten Staaten steht Bradl erstmals mit einer Aprilia am Start. Im Abschlusstraining erreichte er Platz 17, knapp vor seinem Teamkollegen Alvaro Bautista.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es ist schon ein Sprung ins kalte Wasser. Ich habe keinen Test, kann mich nicht langsam an die neue Maschine gewöhnen. Es geht direkt ins Rennwochenende“, sagt der Fünfundzwanzigjährige. Aber immerhin gehört er noch dazu zum elitären Zirkel der MotoGP-Piloten. „Ehrlich gesagt bin ich total überrascht, dass ich nach nur zwei Trainingstagen mit diesem Motorrad bereits ein derart hohes Level erreicht habe“, sagte Bradl in einer Mitteilung seines Teams am Samstagabend. „P17 in der Startaufstellung bei meinem ersten Rennen mit dem neuen Team und Motorrad ist wirklich nicht schlecht.“

          Ende Juni erlitt Bradl einen Kahnbeinbruch in der rechten Hand, es folgte das Aus für den Deutschland-Grand-Prix auf dem Sachsenring, schließlich erreichten ihn die Meldungen rund um den MotoGP-Rennstall Forward Racing. „Ich habe die Nachricht bekommen, dass mein Teamchef im Knast sitzt. Natürlich habe ich mich darüber gewundert, aber noch nicht über die Konsequenzen nachgedacht.“

          Gegen Giovanni Cuzari wird seit Juli wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung, Bestechung und Geldwäsche ermittelt, Sponsoren sprangen ab, das Team geriet in finanzielle Not und musste seine Teilnahme am Rennen in Indianapolis absagen. Und auf einmal stand auch die Karriere von Bradl als Motorradrennfahrer auf dem Spiel.

          Kontrakt bei Aprilia Racing Team Gresini

          Tagelang beriet er sich mit seinem Vater Helmut, sprach mit Anwälten und kündigte schließlich seinen Vertrag bei Forward Racing. Zwei Tage später, am vergangenen Samstag, unterschrieb er schließlich einen Kontrakt beim Aprilia Racing Team Gresini. Bis zum Saisonende hat der Fünfundzwanzigjährige so die Möglichkeit, sich für ein weiteres Engagement oder ein anderes Team zu empfehlen. „Meine Ergebnisse waren bisher alles andere als gut. Ich habe hin und wieder schon gezeigt, dass ich noch Motorrad fahren kann. Aber es ist einiges nicht so gelaufen, wie ich es mir gedacht habe“, sagt Bradl. Platz neunzehn in der WM-Wertung, neun Punkte nach neun Rennen - „ich erwarte selbst mehr von mir“.

          2011 wurde er Weltmeister in der Moto2-Kategorie, danach folgte der Aufstieg in die Königsklasse MotoGP zum LCR Honda-Team. 2012 wurde Bradl Achter in der Gesamtwertung und zudem zum Neuling des Jahres gewählt, die Saison danach beendete er als Siebter.

          Zu viel Champagner in zu kurzer Zeit

          Danach begannen die Probleme. Bradls Leistungen wurden zunehmend unkonstanter, zudem gab das Team die Verpflichtung des Briten Cal Crutchlow bekannt. Dank des neuen Hauptsponsors CWM, einem weitgehend unbekannten Finanzdienstleister mit Sitz auf Zypern, aber sollte das Team mit einer zweiten Maschine in die Saison gehen, Bradl erhielt ein Angebot, lehnte aber ab, weil ihm der Geschäftsführer des Sponsors suspekt erschien: der Grieche Anthony Constantinou, Sohn des Mode-Unternehmers Aristos Constantinou, der in der Silvesternacht 1985 in seiner Villa in London durch sechs Schüsse ermordet worden ist.

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          Anthony Constantinou fiel immer vor allem deshalb auf, weil er zu viel Champagner in zu kurzer Zeit trank, Freunde und Bekannte ins Fahrerlager mitbrachte und Partys veranstaltete. Zu den Rennen schwebte er im Hubschrauber ein, im Schlepptau: seine Bodyguards. 6,3 Millionen Euro soll Constantinou dem Team für die Saison 2015 zugesagt haben. „Das war alles ein bisschen seltsam“, sagte Bradl.

          Team fehlt in Indianapolis

          Schon im März wurden dreizehn Mitarbeiter von CWM in London verhaftet. Der Vorwurf: Geldwäsche und gewerbsmäßiger Betrug: „Das primäre Ziel war es, diese fortwährenden kriminellen Aktivitäten zu stoppen. Und wir wollten verhindern, dass weitere Menschen Geld in die von CWM gemanagten Fonds investieren, die fünf Prozent Ertrag pro Monat versprachen“, hieß es danach in einer Erklärung der City of London Police. Seitdem ist die Homepage von CWM stillgelegt. Seit dem Rennen in Qatar im März ist Constantinou bei keinem Rennen mehr aufgetaucht.

          Bradl schien also alles richtig gemacht zu haben und geriet mit seinem Wechsel zu Forward Racing doch an einen anderen dubiosen Geschäftsmann. Ob er etwas geahnt habe? „Nein. Es sind Italiener, aber das ist in diesem Geschäft nichts Besonderes“, sagt Bradl. Sein ehemaliges Team fehlt nun in Indianapolis, die Frachtcontainer mit der Ausrüstung aber wurden schon vor dem Rückzug in die Vereinigten Staaten geschickt und konnten nicht mehr zurückbeordert werden. So konnte Bradl immerhin seinen Helm, seine Stiefel, die Protektoren und Handschuhe aus den Kisten holen und ist bereit. Zunächst übernimmt Bradl das Set-up seines neuen Teamkollegen Alvaro Bautista.

          Neun Grand Prix bleiben dem Deutschen, es ist ein Rennen um seine Zukunft im Motorradsport. „Wenn ich die Auswahl hätte, dann wäre die MotoGP schon die beste Lösung“, sagt er. Aber auch ein Abstieg in die Moto2-Kategorie ist längst kein Tabu-Thema mehr. Kontakt zu verschiedenen Teams gab es zuletzt immer wieder. Denn Bradl will vor allem eines: genau wissen, mit wem er es künftig zu tun hat.

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