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MotoGP-Rennfahrer Stefan Bradl : „Ich bin ein bisschen durch den Rost gefallen“

Der Rennstall Aprilia wird den Vertrag mit Stefan Bradl zum Ende der Saison nicht weiter verlängern. Bild: dpa

MotoGP Rennfahrer Stefan Bradl verlässt zum Saisonende sein bisheriges Team Aprilia und wechselt in die Superbike-WM. Der Bayer spricht über verpasste Chancen und die Zukunft des Motorradrennsports.

          Stefan Bradl wechselt nach elf Jahren Grand Prix Rennsport in die FIM World Superbike Championship zu Honda. Für den Bayer, der 2011 in der Moto2 Klasse Weltmeister wurde und anschließend in die Königsklasse MotoGP aufstieg, bedeutet dies – um es mit einer Fußball-Analogie zu sagen – ein „Abstieg in die zweite Bundesliga“. Dennoch sieht er die Superbike-WM nicht als Selbstläufer. Bradl wird zusammen mit dem ehemaligen MotoGP Champion Nicky Hayden das offizielle Honda Team in der Superbike WM bilden. Der Rennbetrieb wird vom niederländischen Ten Kate Team abgewickelt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie werden die MotoGP-Klasse am Ende der Saison verlassen. Wie fühlt sich dieser Abschied an?

          Erst einmal fällt mir ein großer Stein vom Herzen, dass ich eine Entscheidung getroffen habe, dass ich zu Honda in die Superbike-WM wechseln werde. Darauf freue ich mich, aber der Abschied aus der MotoGP fällt mir alles andere als leicht. Dort zu fahren, das war immer mein Traum. Den habe ich mir erfüllt, nun geht er bald zu Ende. Das ist schon ein mulmiges Gefühl. Aber das Leben geht weiter - und meine Karriere auch.

          Haben Sie das Gefühl, etwas zu verlieren?

          Nein, denn der Reiz in der MotoGP zu bleiben, war mit den Angeboten, die ich hatte, nicht mehr so groß. Als Aprilia ankündigte, meinen Vertrag nicht zu verlängern, waren die meisten Plätze bei den Teams schon vergeben, da bin ich ein bisschen durch den Rost gefallen. Eine Option gab es noch, das war Avintia Ducati, mit denen ich verhandelt habe. Aber das hat nicht gepasst, das Team spricht beinahe nur Spanisch, aber ich kann kein Spanisch. Das war nur ein Aspekt, es hat einfach nicht gepasst. Und ich wollte nicht um jeden Preis in der MotoGP bleiben, denn ich muss ja auch Leistung bringen. Damit muss ich nun leben, ich suche da auch keine Ausreden. Ich war bei manchen Rennen einfach nicht gut genug.

          Motorradrennfahrer sind abhängig vom Material. Gibt es darüber hinaus etwas, das auf dem Weg in die Weltspitze gefehlt hat?

          Natürlich hätte ich selbst noch mehr tun können. Ich hätte vielleicht noch härter trainieren sollen, noch mehr mit den Technikern ins Detail gehen sollen, noch verbissener sein können. Dabei war es nicht so, dass ich wenig gegeben hätte, aber mehr geht immer. Doch das ist Vergangenheit, ich kann es nicht mehr ändern.

          Sind die Erwartungen an Motorradrennfahrer zu hoch in Deutschland?

          Die Erwartungen der Deutschen sind immer hoch - egal in welchem Sport. Das ist ganz klar ein Problem, weil hier außer Siegen nicht viel zählt. Dazu kommt, dass sich im Motorradsport vieles auf wenige Fahrer konzentriert. Das bin ich, das ist Jonas Folger und manchmal Sandro Cortese. Dadurch stehen wir permanent im Fokus, das ist anders als in Spanien oder Italien.

          Nach einem Sturz im Warmup konnte Bradl nicht am Rennen der MotoGP auf dem Sachsenring teilnehmen.

          Ist Ihnen der Druck zu groß gewesen?

          Nein, ich habe bewiesen, dass ich damit umgehen kann. Ich bin Weltmeister in der Moto2 geworden, ich bin aufgestiegen in die MotoGP - das schaffst du nicht, wenn du nicht mit Druck umgehen kannst.

          Sie sind 2005 im GP-Sport eingestiegen, wechselten 2012 in die MotoGP, nun folgt mit der Superbike-WM der nächste Schritt. Was gab den Ausschlag für Honda?

          Es ist ein Werksteam, es hat hohe Ansprüche, und das Team wollte mich unbedingt haben. Honda will zurück an die Spitze in der Superbike-WM. Deshalb habe ich dort für zwei Jahre unterschrieben, das ist der Plan. Ich will auf jeden Fall unter die ersten fünf kommen. Aber das ist nicht selbstverständlich. Kawasaki ist extrem stark, ebenso wie Ducati, und auch die Fahrer haben dort einiges drauf. Es ist nicht so, dass ich von der MotoGP absteige und die Serie mal eben so ein bisschen aufräume. Die Superbike-WM ist hochprofessionell, die Rundenzeiten sind beinahe auf dem Niveau der MotoGP.

          Im kommenden Jahr fährt Jonas Folger in der MotoGP, Sandro Cortese und Marcel Schrötter starten in der Moto2-, Philipp Öttl in der Moto3-Klasse, danach kommt niemand mehr. Deutschland gehen die Motorrad-Talente aus. Was würden Sie in der Nachwuchsförderung verändern?

          Erst einmal würde mich interessieren, ob die jungen Burschen überhaupt noch Interesse haben am Motorradrennsport. Ich habe da Zweifel, wenn ich die Jungs permanent am Handy sehe und merke, dass die nur noch auf Pokemon-Suche sind. Die Interessen haben sich offenbar verschoben.

          Gibt es noch andere Ursachen?

          Wenn es Talente gibt, dann muss man sie vernünftig fördern. Das passiert derzeit nicht. Auf mich wirkt es allerdings so, dass der DMSB (Deutscher Motor Sport Bund, Anm. d. Red.) und der ADAC auch wenig Interesse am Motorradsport haben, dort ist der Vierradsport interessanter. Aber das ist kein Problem, das erst in diesem Jahr oder im vergangenen Jahr aufgetaucht ist, das zieht sich schon über Jahre. Wir haben nicht einmal mehr Talente, die aufsteigen in die Weltmeisterschaft. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

          Sie mussten sich fast allein mit Unterstützung Ihrer Familie nach oben kämpfen. Würden Sie heute noch einmal Motorradrennfahrer werden wollen?

          Der Weg war verdammt hart, ja. Aber das ist in jedem Sport so, wenn du ganz nach oben willst. Aber ich glaube schon, dass ich es ganz gut erwischt habe, ich würde es auf jeden Fall noch einmal machen. Cool wäre natürlich, wenn ich dafür die Erfahrung von heute nutzen könnte, dann würde ich die eine oder andere Entscheidung anders treffen. Aber ich bin erst 26 Jahre alt, wir sprechen hier nicht über ein Ende. Es geht weiter.

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