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Speedwayprofi Smolinski : Leben ohne Bremse

  • -Aktualisiert am

Rasend schnell: Martin Smolinski steigt in die „Champions League“ auf Bild: Jeff Davies

Speedwayprofi Martin Smolinski zieht als Vollgas-Ich-AG durch die Welt. Der Deutsche wirbt für sich und seine fast in Vergessenheit geratene Sportart - manchmal zu einem hohen Preis.

          3 Min.

          Als Martin Smolinski sich vor acht Jahren als rasender Balancekünstler selbständig machte, wusste er, was auf ihn zukommt: „ein Leben am Adrenalinlimit“, wie er sagt. Keine Bremsen, keine Gänge, keine Angst lautet das Mantra der Branche, in der Smolinski seine Kreise dreht. Eine Szene, in der nicht gefragt wird, ob man stürzt, sondern wann es das nächste Mal sein wird. In der jeder Fahrer mal von der Bahn ins Ärztezelt getragen wird, die schmerzenden Knochen abtastet und hofft, dass er beim nächsten Rennen dennoch wieder auf der Maschine sitzen kann. Speedwayfahrer sind harte Burschen, die auf den ovalen Rennbahnen Ellbogen an Ellbogen in einem höllischen Tempo durch die Kurven driften und mit ihrem Oberkörper und den stahlbeschichteten Schuhen ihr puristisches Motorrad ausbalancieren. „Wir lassen uns immer ein paar Zentimeter Platz zum Überleben“, sagt Smolinski.

          Ein Weltmeistertitel - und 65 Knochenbrüche

          Der Bayer ist einer der wenigen deutschen Speedwayprofis. Am vergangenen Wochenende verwirklichte er seinen lange gehegten Traum: die Qualifikation für den Speedway Grand Prix im nächsten Jahr, praktisch die Champions League der 16 besten Piloten. Gut vermarktet und tauglich, die hierzulande beinahe in Vergessenheit geratene Sportart wieder populärer zu machen, findet Smolinski, der als erster Deutscher überhaupt die Teilnahme schaffte. „Ich kann und will das noch gar nicht wahrhaben“, jubelte er nach seinen Ritten ins persönliche Glück auf der Bahn im englischen Ort Poole. Der 28-Jährige versteht sich als Bahnsport-Botschafter, als Kundendienstler, ja auch als Showman dank seines aggressiv-spektakulären Fahrstils. Der redegewandte Pilot will, wie er sagt, „der Toröffner sein und einen Boom auslösen“ - und selbst als deutsches Gesicht der erste Profiteur seines Aufbauwerks sein.

          Die Rennen der 14 Grand-Prix-Stationen von Neuseeland über Polen, England, Lettland bis zu Finnland und anderen werden zum Teil auch von den deutschen Spartenfernsehsendern übertragen. „Deutschland ist der größte brachliegende Markt“, sagt Smolinski.

          In den achtziger Jahren brachte es Egon Müller mal zu einiger Bekanntheit. Der blonde Rennfahrer sah gut aus und fuhr schnell. Ein Weltmeistertitel (1983) und 65 Knochenbrüche zeugten von einer bewegten Laufbahn auf den Sandovalen der Welt. Dann verschwanden die Männer mit Erkennungswert, und die Bundesliga kreiselt und kriselt seit vielen Jahren fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Für die meisten Vereine, welche die Balancekünstler auf zwei Rädern für die nur vier Ligarennen einer Saison anstellen, ist es jährlich ein finanzieller Balanceakt.

          Nierenquetschung und Fleischwunde für den Erfolg

          Die tollkühnen Männer auf ihren rasenden Kisten sind eine besondere Spezies fahrendes Volk. Smolinski zum Beispiel fährt in der englischen Elite League für die Birmingham Brummies, und in der Bundesliga will er seine Landshut Devils Anfang Oktober zum fünften Meistertitel nacheinander führen. Dazu kommen weitere Einzelwettbewerbe und Einladungsrennen. Manchmal kauft auch ein Teammanager aus Polen oder Dänemark den Münchner für ein Rennen ein. Smolinski tingelt als rasende Vollgas-Ich-AG durch die Lande. Bis zu zehn Leute arbeiten ihm zu, die Logistik ist immens. Fünf verschiedene Motoren für seine zwei Maschinen hat Smolinski in ganz Europa verteilt deponiert. Er reist mit leichtem Gepäck, seine Mechaniker bringen das Material an die Rennstrecken. Zwischen 1500 und 10.000 Euro kassiere er je Auftritt, erzählt Smolinski. Dazu kommen Punktprämien: Im Speedway treten vier Fahrer in einem Rennen über vier Runden an - der Sieger eines „Heat“ bekommt drei, der Zweite zwei, der Dritte einen und der Vierte keinen Punkt. Für die Zuschauer bedeutet das Renn-Action im Fünf-Minuten-Takt, und sie sind vor allem hautnah, nur wenige Meter hinter der Bande dabei.

          Als Grand-Prix-Fahrer auf den bremsen-, getriebe- und elektroniklosen Maschinen wird Smolinski künftig freilich einen höheren Preis haben. Und einen höheren Verdienstausfall im Schadensfall. Vor einigen Wochen schlug er sich bei einem Rennen in England den Lenker so heftig in die Seite, dass er stürzte. Mit gequetschter Niere, tagelang dröhnendem Kopf und Blut im Urin habe er „Gott sei Dank nur zwei Rennen verpasst“, sagt er. Zwei Tage vor dem entscheidenden Qualifikationsrennen für den Grand Prix riss ihm, ebenfalls in England, die Kette, die wiederum Funken schlug und übergelaufenes Methanol entzündete. Smolinski zog sich trotz der Flammen nur eine Fleischwunde zu. Es blieb 48 Stunden, um Mensch und Material wieder fit zu bekommen - ehe er den größten Erfolg seiner Karriere ausgiebig feiern konnte. „Es war ein harter, steiniger und an Rückschlägen reicher Weg, auf dem ich für mein großes Ziel oft belächelt worden bin“, sagt Smolinski. „Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt.“ An dem er nach vielen Jahren nicht mehr am Gasgriff dreht, um mit Macht nach oben zu kommen, sondern um oben zu bleiben.

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