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Start in Monte Carlo : Die Rallye-Rotation und die Folgen

  • -Aktualisiert am

Toyotas neue Hoffnung: Sebastian Ogier Bild: Imago

Die Rallye-WM ist im Umbruch – nicht nur bei den Fahrern. Sie ist auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Nun finden nur die Hälfte der WM-Läufe noch in Europa statt. Hinter den Kulissen brodelt es.

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          Die Rallye-Weltmeisterschaft, die an diesem Donnerstag in Monaco startet, steckt im Umbruch. Und das nicht nur, weil gleich zwei der drei Topfahrer das Team gewechselt haben. Weltmeister Ott Tänak hat die Konsequenzen aus Diskrepanzen mit der Teamleitung bei Toyota gezogen und lief zu Hyundai über. Völlig überraschend übernahm der bei Citroën von technischen Problemen genervte sechsmalige Weltmeister Sébastien Ogier das verwaiste Nummer-1-Cockpit bei Toyota. Trotz bestehenden Vertrages und obwohl er angekündigt hatte, seine Karriere bei Citroën zu beenden. Woraufhin sich die Franzosen aus der WM zurückzogen. Bleibt als Gegner für die Werksmannschaften von Hyundai, zu Hause im oberfränkischen Alzenau, und Toyota, verteilt auf zwei Standorte in Finnland und Estland, nur noch das von Ford lediglich unterstützte Team M-Sport aus England.

          Der Rückzug von Citroën zeigt, wie stark es hinter den Kulissen der Rallye-WM brodelt. In Zeiten, in denen die Automobilindustrie ihre eigene Zukunft in Elektrofahrzeugen sieht, muss sich besonders die Motorsport-Disziplin Sorgen machen, die als einzige teilweise öffentlichen Verkehrsraum nutzt. Derzeit haben die Allradler von Hyundai, Toyota und Ford einen 1,6-Liter-Turbobenziner unter der Haube, der rund 380 PS leistet. Erst 2022 sind in der Topklasse der World Rally Cars Hybridantriebe vorgeschrieben. Eine Technologie, die das technisch Machbare nur halbherzig repräsentiert und überdies den Rallyesport auf WM-Niveau noch teurer machen wird.

          Sind die aktuellen Autos mit Stückpreisen um die 700.000 Euro schon teuer, sehen Techniker die zukünftige Generation sogar jenseits der Million. „Das wird nicht funktionieren“, glaubt M-Sport-Besitzer Malcolm Wilson. Vorerst steht die Rallye-WM zumindest auf dem Papier gar nicht so schlecht da. Mit nur drei Teams hat die Serie in der Vergangenheit schon öfter überlebt. Teamwechsel von Topfahrern sorgen fast immer für mehr Spannung. Allein das teaminterne Duell bei Hyundai zwischen Neuzugang Tänak und dem Weltmeisterschaftszweiten Thierry Neuville birgt viel Konfliktpotential.

          Zum ersten Mal in ihrer 47-jährigen Geschichte findet die Meisterschaft außerdem auf fünf Kontinenten statt. Die neuen Austragungsländer Japan, Kenia und Neuseeland waren zwar schon früher gelegentlich Teil des Kalenders, aber nie gleichzeitig. „Wir stellen die WM globaler auf, indem wir mehr Rallye außerhalb von Europa aufnehmen“, sagt Oliver Ciesla, Geschäftsführer des in München ansässigen Vermarkters WRC Promoter. Nur noch die Hälfte der WM-Läufe findet in Europa statt, wo der Rallyesport seinen Ursprung hat. Die Finanzabteilung der WM-Organisationsstruktur folgt damit einerseits einer Forderung von Jean Todt, Präsident des Internationalen Automobilverbandes und früher selbst Rallyebeifahrer.

          Andererseits, befürchten Kritiker, gehe die Rallye-WM damit einen ähnlichen Weg wie die Formel 1, bei deren Expansion Gewinnmaximierung den Takt vorgibt und Tradition wenig zählt. Anders als in der mit Milliardenumsätzen gesegneten Formel 1 sind in der Rallye-WM die Refinanzierungsmöglichkeiten für die Teams allerdings eher bescheiden. Mehr als die zuletzt 14 Läufe wären kaum durchsetzbar. Die meisten der rund zwei Dutzend Piloten aus der zweiten Reihe bestreiten ohnehin nur sieben oder acht WM-Läufe. Der Rest des je nach Rallye zwischen 50 und 100 Teilnehmer starken Feldes rekrutiert sich aus dem jeweiligen Gastgeberland. Nur die Werksteams dürfen nicht aussetzen.

          Deshalb mussten für die drei Neuzugänge im Kalender drei bisherige WM-Läufe weichen. Rotation heißt die Lösung, die WM-Läufe müssen abwechselnd aussetzen. 2020 erwischte es die nur wenig Gewinn abwerfenden Veranstaltungen in Spanien, Frankreich und Australien. In der nächsten Saison muss wohl die Rallye Deutschland, seit 2002 Teil der WM, pausieren. Das Problem hierzulande ist vor allem der WM-Ausstieg von Volkswagen Ende 2016 und die mangelnde Präsenz im frei empfangbaren Fernsehen. Damit fehlt dem Vermarkter eine wichtige Einnahmequelle. Auch 2020 können die deutschen Rallye-Fans die WM nur im Bezahlfernsehen verfolgen.

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