https://www.faz.net/-gu4-7ac53

Nick Heidfeld über Le Mans : „Wer hier reinhält, der hat einen Schuss“

  • Aktualisiert am

Auf das Rennen fokussiert: Nick Heidfeld Bild: dpa

Nick Heidfeld startet an diesem Samstag zum dritten Mal beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Im Gespräch erklärt der ehemalige Formel-1-Fahrer die Faszination, spricht über Fahren am Limit und die Gefahr durch langsame Autos.

          3 Min.

          Herr Heidfeld, man kennt Sie als Formel-1-Pilot - dabei waren Sie 1999 für Mercedes und im vergangenen Jahr für Rebellion-Lola auch bei den 24 Stunden von Le Mans im Einsatz. Was ist der Unterschied zwischen diesen Rennen?

          Wenn man nach Le Mans kommt, weiß man, dass es ein besonderes Rennen ist. Ich weiß um die Geschichte des Orts. Aber ich war lange auf die Formel 1 fixiert. Da war immer Druck, immer Action, man merkt erst, wenn man raus ist, wie extrem das Ganze ist. Ich mag das, diesen Kitzel, diesen Thrill, diesen Druck, wenn da ein bisschen Adrenalin im Spiel ist. Das ist etwas, was ich brauche.

          Man könnte denken, der Nervenkitzel in Le Mans ist vielleicht 15 oder 16 Mal so groß wie bei einem Formel-1-Grand-Prix, weil dieses Rennen so viel länger ist.

          Das ist eine schöne Rechnung, die man sich schwarz auf weiß hinmalen kann. Aber so ist es für mich nicht. Natürlich weiß ich auch, dass viel mehr passieren kann. Wir waren letztes Jahr (Anm. d. Red.: Platz vier) in der glücklichen Situation, ein optimales Rennen zu haben, fast ohne Zwischenfälle und größere technische Probleme. Aber das ändert meinen Fokus als Fahrer auf der Strecke nicht dramatisch. Ich weiß von Anfang an, dass es hier nicht nur eine Stunde im Kreis geht, sondern dass ich erstmal ins Ziel kommen muss. Das ist das wichtigste Rennen der Saison, da muss man vielleicht mal zurückstecken.

          In der Formel 1 sind Sie aggressiver zu Werke gegangen?

          In der Formel 1 hast du zwanzig Rennen im Jahr. Klar will man nicht ausfallen, aber du weißt, dass du am Start und in der ersten Kurve die meisten Plätze gewinnen oder verlieren kannst. Dementsprechend musst du da reinhalten. Wer das hier in Le Mans macht, in der ersten Kurve oder der ersten Runde, der hat einen Schuss. Bei 24 Stunden mit etlichen Pitstops, Tausenden Geraden, auf denen du überholen kannst, kleinen technischen Problemen, muss man das ganze etwas anders angehen.

          Heidfeld bei der Arbeit im Lola Toyota mit der Startnummer 12
          Heidfeld bei der Arbeit im Lola Toyota mit der Startnummer 12 : Bild: AFP

          Wenn es also nicht dieser Thrill ist, was macht Ihnen an Le Mans dann besonders Spaß?

          Der Spaß, das Auto am Limit zu bewegen. Vor allem, weil wir mit unserem Rebellion-Lola in der schnellsten, der LMP1-Klasse antreten. Die Autos haben extrem viel Anpressdruck, das macht enorm viel Spaß. Und du musst natürlich jede Runde so schnell wie möglich hinbekommen, immer mit dem Hintergedanken, keinen Mist zu bauen. Da muss ich die richtige Balance finden, besonders wegen des Verkehrs der anderen 55 Autos. Das war für mich ganz neu.

          Was ist denn gefährlicher? Die langsamen Autos, die man selbst überholen muss, oder die schnelleren, die plötzlich von hinten auftauchen?

          Für uns sind es die Langsameren. Es sind ja nur die Werksteams schneller als wir. Da kriegt man über Funk angesagt, wenn ein Schneller kommt. Für die Autos der langsameren Klassen ist es deutlich gefährlicher. Normalerweise birgt die Gerade keine Risiken, sie ist lang und übersichtlich. Wenn man sich sieht. Und wenn der eine weiß, was der andere vorhat. Bei Davidson hat man vergangenes Jahr gesehen, was passieren kann (Anm. d. Red.: Der Engländer war gegen Abend mit seinem Toyota mit einem Ferrari am Ende der Hunaudières-Gerade kollidiert, sein Auto überschlug sich mehrfach). Richtig gefährlich wird es, wenn es regnet. Da sieht man nichts, wir kommen mit über 300 Stundenkilometern die Gerade entlang, und vor uns fährt vielleicht ein Amateur, der unter 200 fährt. Das ist dann extrem gefährlich.

          Der dreimalige Le-Mans-Sieger Marco Werner sagt, dass es selbst bei trockenem Wetter sehr gefährlich ist, wenn die Sonne untergeht und direkt ins Cockpit scheint. Ging Ihnen das vergangenes Jahr auch so?

          Ich bin letztes Jahr weder in der Abend- noch in der Morgendämmerung gefahren. Aber bei den Zwölf Stunden von Sebring dieses Jahr bin ich gefahren, als die Sonne extrem stand. Man kann sich nicht vorstellen, wie wenig man da sieht. Schlechter als mit einem verschmutzten Visier in einem Formel-Auto. Keine einfache Situation.

          Welche Gedanken haben Sie dann? Darauf hoffen, dass es gutgeht, und durch?

          Wenn die Sonne tiefer steht, ist es noch einfacher als im Regen. Dann hat man wenigstens noch Phasen, wo du was siehst, weil sie einen ja nicht die ganze Runde blendet. Aber im Regen siehst du, wenn du Pech hast, eine ganze Runde lang nichts. In der Formel 1 ist es einfach: Solange kein Aquaplaning herrscht, gehst du davon aus, dass alle Vollgas fahren. Okay. Da passiert nichts Großartiges, es sei denn, einer steht quer. Dann knallt’s gewaltig. Das sollten die Rennkommissare immer im Kopf haben. In der Formel 1 macht Charlie Whiting einen guten Job, der bricht dann ab. Die Zuschauer sagen dann vielleicht: Oh, warum fahren die nicht? Aber die Fahrer wissen, wie gefährlich es wirklich ist, wenn einer mit 300 auf ein querstehendes Auto zuschießt. Wenn es knallt, sind beide tot.

          In Le Mans fahren nicht alle immer Vollgas.

          Genau. Das haben wir in der Fahrerbesprechung versucht, dem Rennleiter klarzumachen. Wir hoffen, dass er die richtigen Schritte unternimmt. Letzte Woche beim Test im Regen waren sich alle, mit denen ich gesprochen habe, einig, dass es zu gefährlich war.

          Sie sind gemeinsam mit Nicolas Prost und Neel Jani für das Auto verantwortlich, im Gegensatz zur Formel 1, wo der Teamkollege immer auch der erste Gegner ist. Wie gefällt Ihnen das?

          Das macht schon einen großen Unterschied. Darauf habe ich mich gefreut nach den ganzen Formel-1-Jahren. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre, die im Team entsteht über 24 Stunden. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, es ist eine Extremsituation, und trotzdem musst du relaxt sein, weil du sonst 24 Stunden nicht durchhältst. Das Team muss noch besser zusammenpassen, es darf keine Streitereien zwischen den Fahrern geben. Das ist zum Glück bei uns so - auch, weil wir drei starke Fahrer sind. Wenn man sich im Feld umschaut, glaube ich, dass wir eines der stärksten Fahrerteams haben.

          Weitere Themen

          „Ich kann es nicht glauben“

          100. Pole-Position für Hamilton : „Ich kann es nicht glauben“

          Die 100. Pole-Position für Lewis Hamilton ist keine große Überraschung. Der Ort macht sie für den Chefpiloten von Mercedes so besonders. Vettel wirkt nicht fröhlich, Mick Schumacher ist „sehr happy“.

          Topmeldungen

          Das Luf-Boot, ein hochseetaugliches Auslegerboot, wurde auf der Hauptinsel der Eremiten-Inseln in Papua-Neuguinea hergestellt

          Götz Alys Buch zum Südsee-Boot : Von Kunsträubern und Kulturschändern

          Das Luf-Boot ist das ethnologische Prachtstück des Humboldt-Forums. Angeblich wurde es, wie die meisten Objekte der Berliner Südsee-Sammlung, auf faire Weise erworben. Der Historiker Götz Aly zeigt, dass das nicht stimmt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.