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Rossi gegen Lorenzo : Showdown im Feindesland

Erfolgreich und charismatisch: Valentino Rossi weiß, wie seine Fans ihn sehen wollen Bild: dpa

Nie war die Spannung vor einem Motorrad-WM-Finale größer. Valentino Rossi gegen Jorge Lorenzo, Italien gegen Spanien. Selbst die Polizei ist in Alarmstimmung.

          Es wird ein Nervenspiel, so viel ist schon jetzt sicher. 120.000 Zuschauer werden auf den Tribünen des Circuit Ricardo Tormo in Valencia sitzen und die Rennstrecke zu einem Tollhaus machen. Schon seit Wochen ist der Große Preis von Spanien ausverkauft, aber von einem derartigen Showdown in der Königsklasse MotoGP hätten selbst die Macher der Motorrad-Weltmeisterschaft nicht zu träumen gewagt. Valentino Rossi gegen Jorge Lorenzo, Yamaha gegen Yamaha, Italien gegen Spanien - darum geht es an diesem Sonntag (Start: 14 Uhr MEZ), wenn Rossi den zehnten Titel seiner Laufbahn gewinnen kann. Aber so eine Stimmung wie in Valencia, so etwas hat auch der Sechsunddreißigjährige noch nicht erlebt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Rückblick, das Rennen in Sepang vor zwei Wochen: Es läuft die siebte Runde des Rennens, als Rossi nach links schaut, sich noch einmal vergewissert, wo der Gegner ist - und dann zu einem Tritt ausholt. Marc Márquez verliert die Kontrolle über seine Honda, stürzt und rutscht ins Kiesbett. Rossi kommt als Dritter ins Ziel, einen Platz hinter Jorge Lorenzo, seinem Yamaha-Teamkollegen und größten Rivalen im Kampf um den Titel.

          „Wir haben den Respekt vor ihm als Sportler verloren“

          Es war ein Tritt mit Folgen. Rossi erhielt dafür zwei Strafpunkte, muss deshalb in Valencia vom letzten Startplatz aus ins Rennen gehen. „Wir haben den Respekt vor ihm als Sportler verloren. Er mag der größte Fahrer in der Geschichte sein, aber er ist kein großer Sportler“, sagte Lorenzo später. Rossi suchte nach Erklärungen für sein Verhalten, er sprach davon, dass er sich blockiert gefühlt habe, ausgebremst von Márquez, der schon lange keine Chance mehr auf seinen dritten Titel in Serie hat, nun aber offenbar erster Adjutant seines Landsmannes Lorenzo sein wollte.

          Rossi hinter Marquez: ein verhängnisvoller Tritt, kindisch wie Zidanes Kopfstoß

          Rossi weiß, dass er nun nicht nur gegen Lorenzo und Márquez fährt, er nimmt es auch mit deren spanischen Fans auf. Selbst den Organisatoren der Weltmeisterschaft war die Atmosphäre zu aufgeheizt, und sie unternahmen alles, um die Spannung zumindest ein wenig zu lösen.

          Erstmals überhaupt gab es vor dem großen Showdown keine offizielle Pressekonferenz. Rossi, Lorenzo und Márquez wurden zudem darum gebeten, nicht mehr über das zu sprechen, was in Sepang passiert war. Zudem veröffentlichte Vito Ippolito, der Präsident des Internationalen Motorrad-Verbandes, einen offenen Brief. Darin heißt es unter anderem: „Die jüngsten Ereignisse im Zusammenhang mit dem WM-Titel 2015 haben unserem Sport geschadet und die Atmosphäre vergiftet.“ Und weiter: „Wir entfernen uns von Stolz und Sportsgeist und damit vom Kern des Motorradsports.“

          Wie Zidanes Kopfstoß: „Genervt, absurd, kindisch“

          Und verantwortlich dafür soll ausgerechnet jener Mann sein, der in den vergangenen beiden Jahrzehnten mit seinen Erfolgen und seinem Charisma einer der Motoren dieses Sports gewesen ist: Rossi. Für die italienische Zeitung „La Stampa“ hat der Vorfall von Malaysia sogar eine sporthistorische Dimension: „Valentinos Fußtritt ist wie Zidanes Kopfstoß, wie Tysons Biss. Genervt, absurd, kindisch.“ Rossi war vor seinem Tritt so etwas wie der Zidane des Motorradsports - eine Inspiration, ein unbefleckter Sportheld, einer, der durch Raum und Zeit zu schweben scheint. Selten war der neunmalige Weltmeister derart massiver Kritik ausgesetzt.

          Nichts sehen, nichts hören, volle Konzentration: Rossi geht als Letzter ins Rennen

          In Valencia reagierte er nun darauf und beteuerte, dass er es inzwischen bereue, in Malaysia nicht auf seiner normalen Linie geblieben zu sein. Nach seiner Bestrafung und der Rückversetzung auf den letzten Startplatz in Valencia legte Rossi Einspruch ein beim Internationalen Sportgerichtshof Cas in Lausanne, scheiterte damit allerdings. Dabei hatten zuvor noch mehr als 360.000 Fans eine Online-Petition für Rossi unterschrieben und ihn so unterstützt. Sollte Lorenzo nun das Saisonfinale gewinnen, müsste Rossi Zweiter werden, um sich den zehnten Titel seiner Laufbahn zu sichern.

          Der Zweikampf der beiden ist auch eine Auseinandersetzung zwischen Spanien und Italien. Denn Rossi kämpft nicht nur gegen Lorenzo, sondern auch gegen Márquez und sechs weitere Spanier im Feld, an denen er im Laufe des Grand Prix vorbei muss. Weniger Probleme dürfte er mit den anderen drei Italienern haben. Sein Landsmann Andrea Iannone (Ducati) sagte schon vor Tagen: „Wir müssen dankbar sein, dass wir die Ehre haben, mit ihm zu fahren. Er hat die Wahrnehmung unseres Sports verändert.“

          „High Alert Event“ - wie im Fußball

          Zwischen Rossi und Lorenzo gab es schon während ihrer ersten Partnerschaft bei Yamaha in den Jahren 2008 bis 2010 Ärger. Rossi spürte, wie stark sein neuer Teamkollege war, wie groß die Gefahr für ihn sein würde, und ließ eine Trennwand durch die Garage ziehen.

          Rossi in Valencia: Am Sonntag muss er eine beispiellose Aufholjagd starten

          Danach wechselte Rossi zu Ducati, kehrte 2013 zu Yamaha zurück, und seither schien die Beziehung zwischen beiden längst nicht mehr so spannungsgeladen zu sein. In Valencia bereiten sie sich nun ohne Trennwand auf das Rennen vor. Sie arbeiten Seite an Seite, essen in den Pausen im selben Motorhome - und verfolgen doch nur den eigenen Plan. „Ich hoffe, die Fans unterstützen uns zu Hause, und wir haben ein gutes Rennen“, sagt Lorenzo. „Ich habe immer die Wärme der Fans gespürt und bin sicher, dass wir in Valencia eine tolle Show sehen werden.“

          Manch einer hat genau davor Respekt. Die spanische Polizei hat das Grand-Prix-Wochenende aufgenommen in die Kategorie „High Alert Event“ - so etwas kennt man sonst nur vom Fußball.

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