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Motorrad-Rennen in Deutschland : Die Zweirad-Musketiere vom Sachsenring

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Artisten auf zwei Rädern und mit vielen Pferdestärken Bild: Picture-Alliance

280 PS, Spitzentempo 350, Schräglagen von bis zu 64 Grad – die MotoGP sorgt für Kribbeln im Magen. Mehr als 100.000 Fans werden beim deutschen Grand Prix erwartet. Sie erwartet ein besonderer Reiz.

          Trotz des Weltmeister-Teams von Mercedes und trotz Ferrari-Star Sebastian Vettel gibt es in diesem Jahr keinen deutschen Formel-1-Grand-Prix. Zu gering war das Zuschauerinteresse, zu hoch das Risiko – und deshalb kam es weder am Hockenheimring noch am Nürburgring zu einer Einigung mit dem Formel-1-Management. Umso erstaunlicher ist der Erfolg des Motorrad-Grand-Prix auf dem Sachsenring, wo keine deutschen Werke und keine deutschen Fahrer von Weltniveau vertreten sind. Seit 1998 lockt dieses Rennen über das gesamte Wochenende mehr als 200.000 Besucher ins Erzgebirge, allein am Rennsonntag drängen sich regelmäßig rund 100.000 Zuschauer auf den Rängen.

          Viele Tribünen werden eigens für dieses Wochenende aufgestellt und später wieder abgebaut. Auch sonst wirkt vieles improvisiert rund um die nur 3,6 Kilometer lange Piste, die hauptsächlich als Verkehrssicherheitszentrum dient und eigentlich viel zu eng ist für eine solche Großveranstaltung. So ist das Fahrerlager zweigeteilt. Hinter der Zielgeraden und den Boxen ist nur für die Sattelauflieger und die Technik der einzelnen Rennställe Platz, auf dem Weg zu ihren prunkvollen Hospitality-Anlagen müssen Fahrer, Techniker und Teamgäste einen Tunnel durchqueren. Auch bei der Strecke selbst ist die Platznot offenkundig, der Sachsenring gleicht mit zehn Links- und vier Rechtskurven und turbulenten Bergauf- und Bergabpassagen eher einer Achterbahn als einer traditionellen Rennstrecke.

          Genau diese Stadionatmosphäre macht den besonderen Reiz aus. Hier sind die Fans dichter am Geschehen als auf den meisten anderen Strecken. Hier kommt das Donnern der 280 PS starken, 1000 Kubikzentimeter großen Vierzylindermotoren nicht nur in den Ohren, sondern auch als Kribbeln in der Magengrube an. Hier, in diesen endlos langen Kurven, sorgen Schräglagen mit bis zu 64 Grad für Herzklopfen, bei denen die Fahrer nicht nur mit dem Knie, sondern oft auch mit dem Ellbogen am Asphalt entlangschleifen.

          Anders als im Autorennsport, wo die Fahrer in ihren Sitz geschnürt sind wie Kampfjet-Piloten und das Fahrverhalten nur mit Lenkung, Gas und Bremse beeinflussen können, sind Motorradrennfahrer Teil der Fahrdynamik. Wenn sie sich vor Kurven aufrichten und manchmal dabei ein Bein ausstellen, wirken sie wie ein Bremsfallschirm. Mit der Haltung des Oberkörpers und mit ihrer Muskelkraft auf den Fußrasten variieren sie dann, während der Kurvendurchfahrt, den Druck auf Vorder- und Hinterreifen. Einen Wimpernschlag später richten sie ihre Maschinen kraftvoll wieder auf und hängen am Kurvenausgang mal mehr, mal weniger weit neben ihrem Motorrad, um die Schräglage genau in jenen Bereich auszutarieren, wo die breiten Hinterrad-Slicks am meisten Grip und Traktion bieten.

          „Ein alter Wein wird auch immer besser“: Valentino Rossi (Bild von 2011).

          Dass die Akrobatik ohne schützende Knautschzonen bei Geschwindigkeiten bis zu 355 Kilometern in der Stunde abläuft, lässt die Fahrer ausgeliefert wirken wie Hochseilartisten ohne Netz, deren Leben am seidenen Faden zu hängen scheint. „An die Geschwindigkeit selbst gewöhnst du dich schnell“, sagt Jonas Folger, der einzige deutsche Fahrer in der Königsklasse. „Spürbar wird sie erst, wenn du dich beim Anbremsen aufrichtest und der Fahrtwind am Helm zerrt. Die Bremsphase ist der deutlichste Unterschied zu den kleineren Klassen, weil du mit den Karbonscheiben und den breiteren Reifen gewaltige Kräfte übertragen kannst.“

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