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Stefan Bradl und Co. : Der Sachsenring wird zur Werbebühne

Ob Stefan Bradl auch in Zukunft in der MotoGP fährt, ist ungewiss. Bild: AP

100.000 Fans werden auf dem Sachsenring erwartet, aber die Realität kommt ernüchternd daher für die einheimischen Motorrad-Piloten. Stefan Bradl fällt sogar aus, ist aber nicht der einzige Deutsche mit Problemen.

          Er hätte sich längst Gewissheit für seine Zukunft gewünscht, doch diese liegt weiter im Ungewissen. „Ich weiß selbst noch nicht, wie es weitergeht. Aber ich weiß immer, dass es weitergeht“, sagt Stefan Bradl der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der 26 Jahre alte MotoGP-Pilot ist auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber - wieder einmal. Ende Juni hat ihm das Aprilia-Team mitgeteilt, dass es auf die Option verzichtet und die Zusammenarbeit mit dem Deutschen nach dieser Saison beenden wird. „Ich habe es irgendwie schon geahnt“, sagt Bradl: „Warum es nicht mehr weitergeht, kann ich nicht sagen. Über die Gründe hat niemand mit mir gesprochen.“ Seinen Platz wird Aleix Espargaró einnehmen und 2017 an der Seite von Sam Lowes für Aprillia an den Start gehen.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den Großen Preis von Deutschland an diesem Wochenende auf dem Sachsenring wollte Bradl nutzen für eine Empfehlung in eigener Sache. Doch bei einem Sturz im Warm-up auf regennasser Piste zog er sich nach offiziellen Angaben eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen zu. Bradl erhielt von den Rennärzten Startverbot. Bereits im vergangenen Jahr musste Bradl wegen eines Kahnbeinbruchs auf eine Teilnahme beim Heim-Grand-Prix verzichten.

          Nach acht von achtzehn Grand Prix in dieser Saison liegt er auf Platz zwölf in der Gesamtwertung und damit dort, wo er meistens zu finden war seit seinem Aufstieg in die Königsklasse des Motorradsports im Jahr 2012: im Mittelfeld.  Nur ein Podium und eine Pole Position gelangen Bradl in dieser Zeit, und so war der Abstieg in der Branche ein beständiger. Erst das Aus beim LCR-Honda-Team, nun das Ende bei Aprilla. Und dann? „Ich schaue mich um, was möglich ist“, sagt Bradl und macht deutlich, dass er dabei nicht mehr nur an die MotoGP denke. Ducati hat zwar Interesse an einer Verpflichtung bekundet, könnte ihn aber nur in einem der privaten Teams unterbringen. Deshalb ist auch ein Wechsel in die Superbike-Weltmeisterschaft für Bradl inzwischen eine Option.

          Am Donnerstag hat Bradl am Sachsenring mit Vertretern beider Teams Vertragsgespräche geführt. Es geht dabei nach Informationen der F.A.Z. nicht nur um das Gehalt, sondern auch um das Technik-Paket, das er für seine Maschine bekommt, und um die Frage, ob der Mann aus Zahling einige seiner vertrauten Ingenieure und Mechaniker mit zum neuen Rennstall nehmen kann. Nach dem Rennen am Sachsenring geht die Motorrad-Branche in ihre vierwöchige Sommerpause. Bradl will die Zeit nutzen, um seine Entscheidung bekanntzugeben. „Am liebsten hätte ich noch im Juli Klarheit über meine Zukunft“, sagt er.

          Bradl ist nicht der einzige Deutsche, der derzeit mit Problemen zu kämpfen hat. Zwar werden abermals rund 100.000 Zuschauer für den Rennsonntag in Hohenstein-Ernstthal erwartet, aber die Realität kommt derzeit ernüchternd daher für die einheimischen Piloten. Sandro Cortese ist lediglich Neunzehnter im Klassement der Moto2, Marcel Schrötter reist als Sechzehnter an. Jonas Folger rechnete sich vor der Saison Chancen auf den WM-Titel aus, hat als Siebter aber schon 63 Punkte Rückstand auf den Franzosen Johann Zarco.

          Und in der Moto3-Klasse ist inzwischen nur noch Philipp Öttl am Start, er liegt in der Gesamtwertung derzeit auf Position fünfzehn. Öttl ist zwanzig Jahre alt, 2013 ist er eingestiegen in die Motorrad-Weltmeisterschaft, seither ist ihm niemand mehr gefolgt. Auch das Racing Team Germany und der deutsche Rennstall Kiefer Racing setzen auf Ausländer, weil es keine deutschen Talente gibt, die nach oben drängen. „Die Situation bereitet mir wirklich Sorgen“, sagt Bradl: „Ich habe inzwischen das Gefühl, dass in der Nachwuchsförderung in Deutschland falsch gemacht wird, was falsch gemacht werden kann.“ Bradl greift damit vor allem den ADAC und den Deutschen Motor Sport Bund an, die sich um die Talente der Republik kümmern.

          „Warum es nicht mehr weitergeht, kann ich nicht sagen.“

          Immerhin geht es für Folger im kommenden Jahr voran. Schon im Mai unterzeichnete der Zweiundzwanzigjährige einen Vertrag beim Yamaha-Kundenteam Tech 3 und geht damit künftig in der MotoGP an den Start und misst sich dort mit Größen wie Valentino Rossi (Yamaha) und Marc Márquez (Honda). „Mit dem Aufstieg in die Königsklasse wird ein Traum wahr“, sagt Folger. Viele Experten glauben, dass er auf einer großen Maschine wegen seiner Körpergröße besser zurechtkommen wird als auf den kleinen Motorrädern.

          Aber ähnlich optimistisch hat sich auch Bradl vor Jahren geäußert, musste dann jedoch erkennen, dass der Druck in der höchsten Klasse noch einmal zunimmt. Vor allem dann, wenn man als einziger Deutscher dort antritt. „Diesen Druck“, sagt Bradl, „den spürst du einfach nicht, wenn du Spanier oder Italiener bist. Denn wenn du es mal nicht auf die Strecke bekommst, dann sind immer noch genügend andere da, die es schaffen können.“

          Dunkle Wolken über dem Sachsenring – das gilt auch für Stefan Bradl.

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