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MotoGP-Pilot Marc Márquez : Wie ein Donnerschlag

Erster der Gesamtwertung: Der zweite Titel ist nur eine Frage der Zeit Bild: AFP

Der Spanier Marc Márquez hat die MotoGP-Klasse fest im Griff. Auch beim großen Preis von Deutschland an diesem Sonntag (14.00 Uhr) steht er für pures Spektakel – dabei hat er keinen Führerschein.

          Der Regen hatte erst vor wenigen Minuten aufgehört, nun kam die Sonne heraus. Doch die Bedingungen auf dem Sachsenring blieben tückisch, an manchen Stellen war der Asphalt noch ein bisschen rutschiger und gefährlicher als sonst. Marc Márquez schaute kurz zum Himmel, dann zog er seinen Helm auf, zupfte seine Lederkombi zurecht, stieg auf seine Honda und ging hinaus auf die Rennstrecke. Zu einer Abenteuerfahrt mit rund 240 PS unter dem Hintern. Jede Kurve, jedes Beschleunigen wurde für ihn und all die anderen Fahrer in der MotoGP-Klasse während des Qualifikationstrainings zum Großen Preis von Deutschland an diesem Sonntag (14.00 Uhr) zu einer Grenzerfahrung der besonderen Art. Márquez wurde Erster, er bestand diese Prüfung – wieder einmal.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Acht Rennen gab es in dieser Saison bisher, acht Mal siegte der Spanier. So eine Serie ist in der MotoGP-Kategorie zuletzt Giacomo Agostini im Jahr 1971 gelungen. Der Italiener allerdings war damals einer der wenigen Werksfahrer, er hatte deshalb keinerlei Probleme mit den vielen Privatfahrern im Feld. Márquez allerdings kämpft gegen Gegner, die ebenfalls über Top-Material verfügen. Aber er lässt ihnen trotzdem keine Chance. „Ich befinde mich in einer sehr guten Phase meiner Karriere. Ich fühle mich sehr stark. Alles läuft in die richtige Richtung“, sagt der Einundzwanzigjährige. Die Gesamtwertung führt Márquez (200 Punkte) überlegen vor Valentino Rossi (128) an. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, wann er seinen zweiten Titel in der Königsklasse des Motorradsports gewinnt.

          Niemand ist unbesiegbar

          Aber warum ist dieser Kerl so gut? Diese Fragen stellen nicht mehr nur die Experten, sondern auch seine Gegner. Der Deutsche Stefan Bradl, der am Samstag Dritter wurde, sagt: „Marc hat das Niveau unseres Sports nochmals erhöht, er bringt hier alles komplett durcheinander. Bei ihm passt einfach alles – das Motorrad, seine Einstellung, sein Mut, sein Killerinstinkt und die Technik, mit der er seine Maschine beherrscht.“ Mit bis zu 64 Grad Schräglage geht Márquez in die Kurven, zeitweise berührt er sowohl mit seinen Ellbogen als auch mit den Knieschonern den Asphalt, kein anderer Fahrer gibt so schnell nach dem Scheitelpunkt wieder Gas.

          Schräglage: Zeitweise berühren die Ellbogen den Asphalt

          Selbst der neunmalige Weltmeister Valentino Rossi hat sich immer wieder Videoaufzeichnungen von den Vollgasfahrten des Spaniers angeschaut, er hat sie analysiert und seinen eigenen Stil auf dem Motorrad im Alter von 35 Jahren nochmals umgestellt. „Ihn zu besiegen wird nicht einfach“, sagt Rossi, der als Sechster ins Rennen geht. „Aber wir müssen uns bewusst sein, dass niemand unbesiegbar ist.“

          Wie ein Donnerschlag ist Márquez hereingebrochen in die Szene. Im April 2008 war er als Fünfzehnjähriger auf einer KTM in der Moto3-Klasse erstmals bei einem WM-Lauf dabei, zwei Monate später stand er zum ersten Mal auf dem Podium. Danach ging es Schlag auf Schlag: Weltmeister 2010 in der kleinsten Klasse, Weltmeister 2012 in der Moto2-Kategorie – er war so gut, dass speziell für ihn sogar die Regeln verändert worden sind. Die Vor-Márquez-Zeit sah vor, dass sich die Neulinge in der MotoGP zunächst bei einem der Satellitenteams beweisen mussten. Der Spanier allerdings erhielt 2013 bei seinem Aufstieg in die Königsklasse sofort einen Vertrag beim Werksteam von Honda, fuhr gleich im ersten Rennen auf das Podium und wurde schon in seiner ersten Saison Weltmeister.

          Die WM als spanische Meisterschaft

          Einen Führerschein allerdings hat Márquez noch immer nicht, auf einem Zweirad darf er deshalb nur auf abgesperrten Rundkursen Gas geben. Und obwohl er inzwischen mehrmaliger Millionär ist, wohnt er noch immer in seiner Geburtsstadt Cervera in der Nähe von Barcelona. Dort ist er zum Meister seines Sports geworden, auf einem Rundkurs aus Sand. „Dirt Track“ heißt diese Spielart auf Motocrossrädern ohne Vorderradbremse, bei dem es immer nur linksherum im Kreis geht, und bei dem derjenige gewinnt, der am schnellsten und sichersten driften kann. „Beim Motocross musst du kreativ sein“, sagt Márquez. „Die Strecke ändert sich von Runde zu Runde, darauf musst du reagieren.“ Und keiner reagiert derzeit schneller und besser als er.

          „Spanische Meisterschaft“:  Auch Teamkollege Daniel Pedrosa mischt mit

          Márquez steht exemplarisch für die erfolgreiche Nachwuchsförderung in Spanien. Neben ihm mischen auch Teamkollege Daniel Pedrosa, Jorge Lorenzo, Héctor Barberá, Álvaro Bautista und die Brüder Pol und Aleix Espargaro in der Königsklasse mit, zudem kämpfen in der Moto2- und Moto3-Kategorie schon die nächsten Talente um ihre ersten Titel. Im Grunde genommen ist diese Motorrad-Weltmeisterschaft nur eine spanische Meisterschaft mit internationaler Beteiligung. „Wir müssen diese Entwicklung im Blick behalten“, sagt Carmelo Ezpeleta dieser Zeitung. Auch er ist Spanier, hat als Geschäftsführer des MotoGP-Vermarkters Dorna aber weniger die nationalen als die kommerziellen Interessen der Rennserie im Blick. Und für die Show sorgt derzeit vor allem Márquez.

          Kaum ein anderer Fahrer geht so viel Risiko auf seiner Maschine, fährt so spektakulär. Schon im ersten Training am Freitag auf dem Sachsenring verlor er deshalb die Kontrolle über seine Honda. Márquez stürzte, kniete kurz im Kiesbett, rappelte sich schließlich auf, humpelte zu einem Roller und wurde zurück ins Fahrerlager gebracht. Kurz danach saß er schon wieder auf der Ersatzmaschine und fuhr zurück auf die Piste. Später sagte er: „Ich habe starke Schmerzen im Nacken, aber beim Fahren ist das kein Problem.“ Die Probleme haben derzeit nur seine Gegner.

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