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Marc Márquez : Über dem Limit auf zwei Rädern

Geht bis an die Grenze - und darüber hinaus: Marc Márquez ist auch beim Training in Valencia gestürzt Bild: AP

Er ist jung und umstritten: Marc Márquez kann in Valencia am Sonntag (14.00 Uhr) der bisher jüngste MotoGP-Champion werden. Für seinen Erfolg nimmt er Verletzungen in Kauf - auch bei seinen Gegnern.

          Was demonstriert dieser junge Kerl der Welt da gerade? Ist es Mut oder doch Leichtsinn? Viele Experten im Fahrerlager der Motorrad-Weltmeisterschaft schwärmen, wenn sie Marc Márquez auf seiner Honda beobachten. Kaum ein anderer dreht so bedingungslos am Gashahn, geht ohne Rücksicht in die Zweikämpfe, duelliert sich jenseits von Tempo 300 mit den Größen der Szene.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seine Gegner aber gehen längst auf Distanz. Ihnen gefällt die Art des jungen Kerls aus Katalonien nicht, der bei vielen seiner Manöver in Kauf nimmt, dass er selbst oder die anderen im Kiesbett landen. „Man sollte Marc für drei oder vier Jahre aus dem Verkehr ziehen, ihn aus der MotoGP verbannen – dann wäre es leichter für uns“, sagt der Italiener Valentino Rossi. Dann schob er noch einen Satz hinterher: „Das war natürlich als Witz gemeint.“ Wirklich?

          Schon an diesem Sonntag beim Rennen in Valencia (Start: 14 Uhr/ live bei Sport 1) kann der 20 Jahre alte Márquez zum jüngsten Weltmeister in der Geschichte der MotoGP-Kategorie werden. Vor dem letzten Saisonrennen führt er das Gesamtklassement mit 318 Punkten an, nur sein Landsmann Jorge Lorenzo (305/Yamaha) kann ihm den Titel noch abspenstig machen.

          „Wir haben nichts zu verlieren, wir können nur gewinnen. Das ist unser Vorteil“, sagt der Weltmeister von 2010 und 2012. „Marc verspürt sicher viel mehr Druck als wir, weil er näher am Erfolg ist.“ Aussagen, die Teil der psychologischen Spielchen sind, die Lorenzo seit einigen Wochen aufführt. Der Siebenundzwanzigjährige hat gemerkt, dass er den Kampf gegen Márquez allein auf der Rennstrecke nicht gewinnen kann.

          „Die Sicherheit spielt keine große Rolle“

          Philipp Island in Australien, Ende Oktober: Schon da hätte Márquez die WM entscheiden können – doch er wurde Opfer seines eigenen Starrsinns. Schon im Training hatte sich abgezeichnet, dass die Bridgestone-Reifen ein Rennen über 27 Runden nicht aushalten würden, die Gummis verschlissen schon nach wenigen Kilometern.

          Der Grand Prix wurde deshalb auf 19 Runden verkürzt, spätestens in der zehnten Runde mussten die Fahrer an die Box kommen und auf ein anderes Motorrad mit neuen Reifen steigen. Márquez kam nach der elften Runde. Als er danach wieder auf die Strecke fuhr, schaute er nicht nach rechts, nicht links, berührte Lorenzo und brachte seinen härtesten Gegner beinahe zu Fall. Kurz danach wurde Márquez von den Streckenkommissaren disqualifiziert. Lorenzo gewann, die WM war wieder offen.

          Gemeinsam vor der Presse, Konkurrenten auf der Strecke: Marc Márquez und Jorge Lorenzo

          Lorenzo gefällt es nicht, wie Márquez unterwegs ist, und er ist der Meinung, dass die Regelhüter oftmals noch viel zu sanft mit dem jungen Mann umgehen. „Die jungen Fahrer können sich jetzt ein Beispiel an Marc nehmen“, sagte Lorenzo. „Sie wissen jetzt, dass die Show im Vordergrund stehen muss, die Sicherheit der Fahrer ist Nebensache. Sie können sich also genauso aufführen wie Marc. Dann gibt es in den kleinen Klassen auch eine bessere Show, einen besseren Sport. Die Sicherheit spielt keine große Rolle.“

          Der Italiener Andrea Dovizioso (Ducati) äußert sich noch deutlicher: „Ich fürchte, mit Marc blüht uns das gleiche Schicksal wie mit Marco“, sagt er. Marco Simoncelli starb vor zwei Jahren beim Rennen in Sepang – auch er galt als ein Rennfahrer, der gern über das Limit ging.

          Zwischen Mut und Übermut

          Márquez sagt: „Ich werde meine Strategie und meinen Fahrstil nicht ändern.“ Dabei bekam er die Folgen schon oft genug am eigenen Leib zu spüren. Fünfzehn Mal stürzte Márquez in diesem Jahr in den Trainingssitzungen, Qualifikationsläufen oder Rennen schon – zum Teil so heftig, dass seine Maschine dabei einen Totalschaden erlitt. Er selbst aber kam mit Prellungen oder Schürfwunden davon.

          Ganz anders als Lorenzo. Als der in Assen die Kontrolle über sein Motorrad verlor und mit voller Wucht auf den Asphalt prallte, brach sein Schlüsselbein. Beim nächsten Rennen am Sachsenring wiederholte sich dieser Schrecken, dieses Mal wurde gar die Titanplatte verbogen, die den kaputten Knochen stabilisieren sollte. Lorenzo verpasste den Großen Preis von Deutschland, bei zwei anderen Rennen wurde er aufgrund der Schmerzen lediglich Fünfter und Sechster.

          Ist die WM erst entscheiden, steht Márquez also auch nach dem Saisonfinale ganz oben, dann tritt all das vorerst in den Hintergrund. Dann bleibt haften, was selbst Lorenzo schon einmal so formuliert hat: „Wir sehen einen der unglaublichsten Fahrer, die jemals in die höchste Kategorie aufgestiegen ist. Marc ist außergewöhnlich, er sind talentiert, schnell – und mutig.“ Doch Mut und Übermut liegen mitunter sehr dicht beieinander. Und dazwischen gibt es im Motorradsport nur eine dünne Lederkombi und ein paar Schoner an Knien und Ellbogen.

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