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Motorradsport : So schräg wie möglich

Tanzen, lächeln, animieren: Verkaufsförderung in Le Mans Bild: imago/Gribaudi/ImagePhoto

Motoren, Lärm und schöne Mädchen: So versucht der Motorrad-Rennsport seine Artisten zu verkaufen: „Wir sind sexy, deshalb kommen die Leute.“ Das Publikum ist zufrieden und die Sponsoren auch.

          Sonntagnachmittag, kurz nach 14 Uhr in Le Mans: 22 Motorräder stehen am Start zum Großen Preis von Frankreich in der MotoGP-Klasse, immer wieder drehen die Fahrer nervös am Gashahn und lassen die Motoren dröhnen. Ganz vorne: Marc Marquez (Honda), der Weltmeister und neue Superstar aus Spanien. Viele der Zuschauer auf der Haupttribüne stehen, schauen gebannt auf das schmale Band aus Asphalt – und dann geht es rund. Schulter an Schulter biegen die Zweirad-Helden in die erste Kurve ein, einige Hinterräder steigen auf, die Maschinen rutschen unruhig hin und her. „Du bist eigentlich permanent am Limit“, hat der Deutsche Stefan Bradl zuvor gesagt. Die Zuschauer lieben diese Bilder, die auf den großen Monitoren oft in Superzeitlupe wiederholt werden. Nach 28 Runden und etwas mehr als einhundert Kilometern erreicht Bradl als Siebter das Ziel, es gewinnt Marquez, mal wieder, in seinem 101. Grand Prix, zum fünften Mal in dieser Saison – bei fünf Versuchen. Von Rang zehn kurz nach seinem Rückfall beim Start hat sich der 21-jährige Star nach vorne gearbeitet. Wieder ist ihm eine atemraubende Demonstration seiner Extraklasse gelungen, diesmal vor Valentino Rossi (Italien) und seinem Landsmann Alvaro Bautista. Aber nicht jeder Motorrad-Freund an der Strecke hat das mitbekommen. Einige Fans sind noch gezeichnet vom Abend zuvor, liegen angetrunken in den Zelten ein paar hundert Meter von der Strecke entfernt.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beinahe zweieinhalb Millionen Zuschauer sind in der vergangenen Saison zu den achtzehn Rennen der Motorrad-Weltmeisterschaft gekommen. Mehr waren es nie in der Geschichte dieses Sports. Auch der Umsatz steigt weiter auf inzwischen rund 300 Millionen Euro pro Jahr, was in etwa ein Viertel dessen ist, was zum Beispiel Saison für Saison in der Formel 1 generiert wird. „Wir sind zufrieden mit der Situation und stolz darauf, die Nummer zwei im weltweiten Motorsport zu sein“, sagt Carmelo Ezpeleta dieser Zeitung. Der Spanier ist der Geschäftsführer des MotoGP-Vermarkters Dorna, er ist der Mann der Zahlen, und er hat wenig Zeit an so einem Rennwochenende. Auf seinem Schreibtisch im mobilen Büro an der Strecke liegt ein vollgekritzelter Terminkalender, daneben steht ein Funkgerät, auf den beiden Fernsehern wird das Training übertragen. 67 Jahre ist er alt, er hat keines der 358 Rennen verpasst, seit die Dorna 1992 die Rechte der MotoGP erworben hat. Einer seiner Freunde ist Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone. „Der Motorsport muss sich anpassen“, sagt Ezpeleta: „Die wirtschaftliche Situation ist noch immer schwierig, deshalb müssen wir die Kosten senken und gleichzeitig noch mehr Action bieten. Andernfalls haben wir es auf Dauer schwer. Man darf nie zufrieden sein in diesem Geschäft.“

          Wie in der Formel 1 vor 15 Jahren

          Über die Investition der Teams schweigt die Szene. Experten gehen jedoch davon aus, dass die großen Hersteller Yamaha, Honda und Ducati pro Jahr bis zu fünfzig Millionen Euro für ihre Auftritte investieren, die Kundenteams fahren für etwa ein Drittel davon. Keiner von ihnen will nur auf der Rennstrecke auffallen. „Wir bieten hier jedem eine Plattform, was er daraus macht, ist seine Sache“, sagt Dorna-Chef Ezpeleta: „Ich bin jedenfalls froh, dass wir für Sponsoren weiterhin interessant sind.“ Gemäß einer Veröffentlichung der Dorna sind siebzig Prozent der Zuschauer jünger als 35 Jahre alt und männlich. Musik, Alkohol, Grillen, Zelten, harte Typen und hübsche Frauen – so ein Grand-Prix-Wochenende hat etwas von einem Festival.

          Tiefflieger: Weltmeister Marquez kommt nach einem verzögerten Start wieder ganz nach vorne und siegt, diesmal vor Rossi (hinten), im fünften Rennen zum fünften Mal

          Es ist Freitagnachmittag, in einem weißen Container sitzen fünf junge Frauen, sie tragen knallenge Hosen und ein bauchfreies Oberteil, es riecht nach Parfüm und Haarspray. „Wir wollen die Leute unterhalten und ihnen eine gute Zeit bereiten“, sagt Natalie Waterson, eine hellblonde Engländerin: „Die Motoren, der Lärm und die schönen Mädchen – das ist eine tolle Kombination.“ Die Siebenundzwanzigjährige ist verantwortlich für die sogenannten „Monster Energy Girls“, die mehr als einhundertmal im Jahr auftreten und das gleichnamige Energiegetränk bekannt machen sollen. Sie kommen aus Spanien, Tschechien, Großbritannien oder Polen, arbeiten als Model oder Hostess, manche studieren – und draußen stehen schon Hunderte Männer in bunten T-Shirts auf einer Wiese und warten auf ihre Show: Tanzen, lächeln, animieren, Getränke verteilen. „Die Grid Girls sind für einige genauso interessant wie die Fahrer“, erzählt Natalie Waterson. Sie hat es erlebt, ist selbst vier Jahre von Event zu Event getourt – alles im Namen der Dose.

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