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Formel 1 in Silverstone : Hamiltons Triumphzug

Vettel verdirbt sich den Sonntag: er verschuldet den Crash gegen Verstappen Bild: Reuters

Das halbe Dutzend ist voll: Beim Rekordsieg des Mercedes-Piloten in Silverstone verursacht Sebastian Vettel eine Kollision und landet nach einer Zehn-Sekunden-Strafe nur auf Rang 16.

          Lewis Hamilton hat nun auch Jim Clark und Alain Prost abgehängt. Der Schotte und der Franzose haben den Großen Preis von Großbritannien fünfmal gewonnen, Lewis Hamilton hat sie am Sonntag übertrumpft. Letztlich überlegen fuhr der 34 Jahre alte Weltmeister auf dem Silverstone Circuit zum Sieg, vor seinem Teamkollegen bei Mercedes, Valtteri Bottas und Charles Leclerc im Ferrari. Dessen Teamkollege Sebastian Vettel wurde nach einem von ihm verschuldeten Unfall mit dem Niederländer Max Verstappen nur 16.; Nico Hülkenberg im Renault kam als Zehnter gerade noch in die Punkteränge.

          Das Schicksal der Deutschen aber war Hamilton und den Briten bei seinem Heim-Grand-Prix eher egal. Seit 2014 hat Hamilton im Mercedes das Rennen in Silverstone fünfmal gewonnen. „Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich bin, hier heute zu stehen“, sagte Hamilton, nachdem er aus dem Auto gestiegen war. „Es wäre nicht möglich ohne die Unterstützung der Fans und ohne mein Team.“ Anschließend kletterte er über Zäune zu seinen Fans.

          Hamiltons Siegesfahrt glich einem persönlichen Triumphzug, auch weil sich die britischen Zeitungen das gesamte Wochenende über an der Frage abgearbeitet hatten, ob Hamilton den Briten britisch genug ist. Verhandelt wurde das unter den Aspekten seines nicht englisch genug klingenden Englischs, seiner Ausflüge nach Los Angeles und seines Wohnsitzes in Monaco. Nicht nur dem früheren Kapitän der englischen Fußballnationalmannschaft, Rio Ferdinand, fiel dabei ein „nicht zu unterschätzendes Level“ an rassistischen Untertönen auf. Während die Diskussion in der digitalen Sphäre fortgeführt wurde, hatte das Rennen in Silverstone eine ganze Reihe einheimischer Stargäste, die sich diesen Fragen eher nicht stellen müssen: Bond-Darsteller Daniel Craig, der Trainer der englischen Fußball-Nationalmannschaft Gareth Southgate und der Chef des Internationalen Leichtathletik-Verbandes Sebastian Coe, unter anderem.

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          Als die Hymne zum Schutze der Königin gesungen war, wurde Hamilton dann aber endgültig zum Mann, der in Silverstone um den Rekord fuhr. Und mehr Fans als Hamilton hatten alle anderen Fahrer nicht einmal zusammenaddiert unter den 140000 am Circuit. Den Start gewann aber dennoch Bottas. Der Finne, am Samstag im Qualifying die Winzigkeit von sechs Tausendstelsekunden schneller als Hamilton, hielt den Weltmeister hinter sich, auch wenn er in der Frühphase des Rennens deutlich unter Druck stand. So eng ging es auf der Strecke zwischen den beiden Männern in den besten Autos im Feld bislang selten zu in dieser Saison. In der dritten Runde schien Hamilton vorbei, doch Bottas konterte und hielt Hamilton anschließend im Mittel eine gute Sekunde auf Abstand.

          Während die Bottas und Hamilton auf Reifen der Mischung mittlerer Härte davonzogen, balgten sich vier Fahrer um Platz drei – und die Antwort auf die Frage, ob derzeit Red Bull oder Ferrari erster Verfolger von Mercedes ist. Charles Leclerc und Max Verstappen setzten ihr vor zwei Wochen in Spielberg zu Gunsten Verstappens und dessen erstem Saisonsieg entschiedenes Duell fort – rundenlang und hart an den Grenzen der Physik, auf der Piste und in der Boxengasse. Red Bulls Mechaniker arbeiteten Ende der 13. Runde schneller als die Männer von der Scuderia, Verstappen kam um Haaresbreite vor Leclerc vom ersten Reifenservice, doch der Monegasse schnappte sich die bessere Position umgehend – und hielt sie, unter schwersten Angriffen von Verstappen, bis die Karten ganz neu gemischt wurden.

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          Antonio Giovinazzi hatte seinen Alfa-Sauber in Runde 20 unfreiwillig prominent im Kiesbett geparkt. Rennende für den Italiener, Arbeit für das Safety Car und die Reifencrews, die nun wieder angesteuert wurden, um die harten Mischungen aufzuziehen, mit der Aussicht auf ungehinderte Fahrt bis ins Ziel. Giovinazzis Unglück war ein großes Glück für alle, die bis dahin nicht an der Box erschienen waren, allen voran die Herren Hamilton und Vettel. Hamilton schnappte sich nun die Führung, Vettel wurde vorgespült auf Platz drei und Leclerc fiel zurück hinter die Red Bulls von Pierre Gasly und Verstappen bis auf Platz sechs. „Wie zur Hölle haben wir unsere Position verloren?“, fluchte der 21-Jährige über Funk, der erste lautstarke Wutausbruch des bisherigen Musterschülers der Scuderia. „Das Rennen ist noch lang, konzentrier dich“, war die Antwort.

          Als das Rennen in Runde 24 wieder freigegeben wurde, versuchte Leclerc nun mit aller Macht an Verstappen vorbei zu kommen. Die Autos berührten sich, wie in Spielberg, blieben intakt wie in Spielberg, und Verstappen hatte das bessere Ende für sich wie in Spielberg. Der Niederländer machte sich auf die Reise, überholte zunächst den Teamkollegen Gasly und kam Vettel immer näher. In Runde 38 war es soweit: Verstappen schnappte sich Vettel auf der Außenbahn, Vettel sah die Chance zum Gegenschlag auf der folgenden Gerade. Beim Anbremsen schoss der Deutsche im Ferrari dem Red Bull ins Heck, beide Autos flogen ab, beide Fahrer konnten die Fahrt fortsetzen. Vettel fiel weit zurück und brauchte einen neuen Frontflügel für seinen Dienstwagen. Verstappens Flüche wurden von der Regie übertüncht, er wurde letztlich Fünfter.

          Vettel dagegen fragte: „Was macht er denn?“ Dabei stellte sich die Schuldfrage kaum jemandem – und auch Vettel bekam von den Rennkommissaren eine eindeutige Antwort: eine Zeitstrafe von zehn Sekunden wegen des Verursachens einer Kollision. Nach dem Qualifying am Samstag, das für Vettel nur auf Platz sechs geendet hatte, sprach er davon, dass er „das Auto nicht fühlen“ konnte. Der Sonntag hielt einen weiteren tief enttäuschenden Nachmittag eines ganz anders gedacht verlaufenden Jahres für Sebastian Vettel bereit. „Das war mein Fehler“, sagte Vettel nach dem Rennen zum Unfall. Da hatte er Verstappen schon um Entschuldigung gebeten.

          An der Spitze aber war angesagt, was sich die Fans auf ihren Union Jacks gewünscht hatten: Hammertime, Zeit für Hamiltons Hammer. Der Weltmeister hatte das Rennen nun im Griff. Die Fahrt zum Rekord verlief nun nach Plan. Im letzten Umlauf setzte er die schnellste Rennrunde, die Ehrenrunde drehte er mit Union Jack in der Faust. In der Weltmeisterschaft hat Lewis Hamilton nun 39 Punkte Vorsprung vor seinem ersten Verfolger Bottas. Auf Vettel sind es einhundert.

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