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Formel E : Öko-Boliden mit Zukunft

Mit maximal 225 Stundenkilometern ist auch ein Formel-E-Bolide recht flott unterwegs Bild: AP

Muss Motorsport immer laut, schmutzig und gefährlich sein? Mitnichten! Die Formel E ist ein spannendes Experiment, weil sie Neues wagt und den Fortschritt sucht. Jetzt muss sie nur noch die Fans für sich begeistern.

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          Motorsport muss laut sein, schmutzig und gefährlich – es gibt tatsächlich Menschen, die genau das noch immer glauben. Vollgas-Radikale, die irgendwie hängen geblieben sind in einer längst vergangenen Zeit. Dabei geht es auch anders. Diese Zukunft sollte nun etwa 60.000 Zuschauern am vergangenen Wochenende in London noch einmal vor Augen geführt werden: Vollelektrisch angetriebene Rennwagen, 272 PS stark, maximal 225 Kilometer pro Stunde schnell. Motorsport für ein reines Gewissen – emissionsfrei, gesellschaftsfähig, familienfreundlich.

          Die Verantwortlichen der Formel E feiern sich für ihre Idee und ihren ersten Weltmeister Nelson Piquet Junior für dessen Leistung. Dabei konnte sich der Brasilianer in der Formel 1 nie durchsetzen, damit passt er zumindest gut zu seinen jetzigen Rivalen wie Bruno Senna, Lucas di Grassi, Sebastian Buemi und Jérôme d’Ambrosio.

          Fahrerfeld mit B- und C-Prominenz

          Das Fahrerfeld der Formel E besteht im Vergleich zur Formel 1 aus B- oder sogar C-Prominenz. Aber das ist nicht entscheidend, der Vergleich ist nicht fair. Denn die Formel 1 ist noch immer die Königsklasse des Motorsports, eine Serie, die weltweit Millionen Menschen fasziniert und weiterhin existiert, obwohl ihre Protagonisten das eigene Produkt seit Jahren schlechtreden.

          Daneben aber gibt es wenige Serien, die über ein derartiges Potential verfügen wie die Formel E. Freilich, das 24-Stunden-Rennen von Le Mans fasziniert einmal im Jahr Hunderttausende an der Strecke, auf den Campinglätzen und in vielen Teilen der Welt. Sich in Le Mans sehen zu lassen, gilt als schick, die Serie zudem als Trendsetter, weil dort schon seit fünf Jahren Hybridtechnologie unter Extrembedingungen erprobt wird.

          Die Formel E aber geht zumindest technisch noch einen Schritt weiter. Mit ihrem Elektrosport ist sie Versuchslabor und Unterhaltungszirkus zugleich. Mit Auftritten unter anderem in Monte Carlo, Miami, Moskau und Peking. Und offiziellen Partnern wie Renault, dem Reifenfabrikanten Michelin, dem Uhrenhersteller Tag Heuer und dem Bankhaus Julius Bär. Was, um nur ein Beispiel zu nennen, ist dagegen etwa die DTM?

          In den achtziger und neunziger Jahren hat diese Serie einmal großen Motorsport und Helden zumindest für ein bestimmtes Publikum hervorgebracht. Heute dagegen fahren Mercedes, Audi und BMW gegeneinander ihren Markenpokal aus, die ARD überträgt es, aber nur noch wenige schauen hin. Die Spannung? Zum Aushalten. Die Technologie? Nicht richtungweisend, zumindest dann nicht, wenn man an den städtischen Verkehr der Zukunft denkt.

          Nelson Piquet junior ist der erste Weltmeister in der Formel E

          Die Formel E ist deshalb ein spannendes Experiment. Warum? Weil sie Neues wagt und sich nicht mit dem zufriedengibt, was schon besteht. Fortschritt – denn genau das ist es, was den Motorsport seit jeher ausgezeichnet und ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist. Die Rennserien-Macher unter dem Dach des Internationalen Automobil-Verbandes sagen, dass sie damit die Welt ein wenig verändern wollen. So weit muss es gar nicht kommen – sie müssen den Motorsport-Fan erreichen und für sich begeistern. Er allein entscheidet, was eine Zukunft hat.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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