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Unfall in Formel 3 : Abflug über den Randstein

  • -Aktualisiert am

Wie über eine Schanze: Peronis Rennwagen in der Luft. Bild: Foto YouTube/Barrikimi3/Screenshot F.A.Z.

Eine Woche nach dem tödlichen Crash von Spa verunglückt in Monza der Australier Peroni schwer. Der 19-Jährige erleidet „nur“ den Bruch eines Wirbels. Aber die Sicherheitsdiskussion erhält neuen Schwung.

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          Ein Rennwagen im freien Flug: Nichts fürchten die Piloten mehr, als nur noch Passagier zu sein. Das kommt immer wieder vor. Nicht nur in den Formel-Klassen. In Le Mans hoben Sportwagen von Mercedes 1999 zweimal ab zum Salto Mortale. Nur mit Glück entgingen die Fahrer der Katastrophe. Rennwagen sind Flugzeuge mit einer umgekehrten aerodynamischen Wirkung. Der Luftfluss über die entsprechend geformten Flügel soll die Wagen an den Boden pressen. Formel-1-Autos könnten ab einem bestimmten Tempo an der Decke „kleben“.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Aber wehe, der Abtrieb reißt plötzlich ab, weil etwa der Frontflügel bricht. Dann lässt vor allem die Bremswirkung gewaltig nach. Bei hoher Geschwindigkeit wie etwa in Monza sind die Formel-1-Fahrzeuge kaum mehr zu steuern. In die Luft steigen sie in der Regel nur auf, wenn bei einer Kollision ein drehendes Hinterrad wie eine Schleuder wirkt. Oder wenn auf der Piste eine kleine Rampe steht, wie am Samstag am Rande der Parabolica, der 180-Grad-Kurve vor der Zielgeraden des „Autodromo Nazionale Monza“. Eine Rampe auf einer Rennstrecke, im Zeitalter der höchsten Sicherheitsstufe, die es je im Motorsport gegeben hat?

          Jean Todt ist den Ferrari- und Schumacher-Fans als knurriger Rennleiter der Scuderia ein Begriff. Seit 2009 steht er dem Internationalen Automobil-Verband Fia vor und kümmert sich weltweit um eine aufwendige Sicherheitskampagne zum Schutz der Menschen im Straßenverkehr. Quasi vor seinen Augen hob Alexander Peroni am Samstag während des Formel-3-Rennens ab. Das gelbe Auto des Australiers stieg steil in die Luft auf, drehte sich zweieinhalbmal um die Längsachse. Auf dem höchsten Punkt schien es – geschätzt – sechs Meter über dem Asphalt zu schweben. Dann stürzte der Bolide kopfüber mit dem Cockpit auf die mit einer warnenden Botschaft („When you drive never drink“) verkleideten Reifenstapel, stieg wieder auf und durchtrennte mit der Frontpartie teils den Maschendraht des Fangzauns.

          Schwer verunglückt: Alex Peroni
          Schwer verunglückt: Alex Peroni : Bild: Picture-Alliance

          Peroni entstieg dem Wrack äußerlich unverletzt scheinend, etwas verdattert stieg er in das Auto des Streckenarztes. Der Australier hat „nur“ den Bruch eines Wirbels erlitten. Vermutlich hat der Halo, ein seit 2018 vorgeschriebener Titanbügel rund um das Cockpit, Peroni geschützt. Der Halo soll vor allem herumfliegende Wrackteile, herrenlose Räder abfangen.

          Noch Stunden später schüttelten Formel-1-Piloten den Kopf, den Ablauf des Unfalls vor ihrem geistigen Auge: Peroni war von der eigentlichen Piste abgekommen und über den angrenzenden Asphalt gerast, als vor ihm ein sogenannter „Randstein“ auftauchte. Er wirkte wie eine Schanze. „Wir haben oft gesagt, dass diese Randsteine gefährlich sind“, sagt unter anderen der Renault-Pilot Nico Hülkenberg: „Dieser Unfall war das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf einen solchen Randstein trifft.“ Zudem erschien er höchst überflüssig: „Man hätte den Randstein weglassen können“, sagte Valtteri Bottas (Mercedes), „er spielte keine Rolle. Er war an der falschen Stelle und hatte offensichtlich auch die falsche Höhe.“ Dieses Hindernis aus Plastik sollte die Fahrer davon abhalten, die Piste mutwillig zu verlassen, um einen größeren Schwung mit auf die Start- und Zielgerade nehmen zu können, an deren Ende zu Überholmanövern angesetzt wird. Flugs nach dem Unfall montierten Streckenarbeiter die Reste ab. Gefahr gebannt.

          Die Sicherheitsdiskussion aber erhielt neuen Schwung. Fahrer von Rang und Namen sprechen sich für die Rückkehr zu Kiesbetten an bestimmten Stellen aus. „Früher musstest du den Preis dafür zahlen, dass du über dem Limit unterwegs warst“, sagte Weltmeister Lewis Hamilton. „Jetzt kannst du über das Limit gehen.“ Die Kiesbetten wurden allerdings hier und da asphaltiert, weil sich quer rutschende Autos verhakten und überschlugen. Eine Asphaltzone neben der Piste bietet den Piloten dagegen nach Fahrfehlern oder bei Ausweichmanövern die Chance, auf dem Gas zu bleiben.

          Ob es deshalb zum tragischen Unfall in Spa am 31. August kam, ist noch nicht geklärt. Juan Manuel Correa war mit – geschätzt – mehr als 250 Kilometern pro Stunde in den Formel-2-Wagen von Anthoine Hubert geschossen. Der Franzose starb. Correa, sagte Fia-Präsident Jean Todt am Samstag in Monza, kämpfe um sein Leben. Seine Eltern hatten in der Nacht zuvor von einem Atemstillstand als Folge des Unfalls berichtet. Ihr Sohn liege im künstlichen Koma und werde von einer ECMO unterstützt. Dahinter verbirgt sich eine Maschine, die teilweise oder vollständig die Atemfunktion übernimmt, um der Lunge Zeit für die Heilung zu lassen. Sein Zustand, teilten die Eltern auf der Homepage des Rennfahrers mit, sei kritisch, aber stabil. Zuvor schien der Zwanzigjährige auf dem Weg der Besserung gewesen zu sein. Er soll, so war in Monza zu hören, auf SMS-Botschaften geantwortet haben.

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