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Formel 1 nach dem Tod Huberts : Und sie fahren doch

  • -Aktualisiert am

Das Wrack des Unfallfahrzeugs von Anthoine Hubert wird nach dem tödlichen Crash geborgen. Bild: EPA

Nur wenige Stunden brauchen die Verantwortlichen, um nach dem tragischen Unfalltod Anthoine Huberts zu entscheiden: Die Formel 1 startet trotzdem. Nicht einmal die Fahrerparade wird abgesagt. Ist das richtig?

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          Die Formel 1 wird starten am Sonntagnachmittag zum Großen Preis von Belgien, nach einer Schweigeminute. „Schwersten Herzens“, wie am Sonntagvormittag von der Serie getwittert wurde. Die Entscheidung stand längst fest, seit Samstagsabend. Um zehn nach drei wird die Ampel erlöschen und dann rasen die 20 Piloten vom Start weg auf die Kurve La Source zu, rechts herum, hinunter in die Senke von Eau Rouge, leicht links, gleich rechts, dann steil bergauf zur Radillon-Passage, leicht links und mit Tempo 300 auf die Kemmelgerade zu. Der Rennsieger wird das 44 Mal machen. Im Ziel wird er, die Fahrt in die Startaufstellung und Einführungsrunde eingerechnet, 47 Mal vorbei gefahren sein an der Unfallstelle, wo am Samstag im Rennen der Nachwuchsserie Formel 2 der junge, 22 Jahre alte Franzose Anthoine Hubert aus dem Leben gerissen wurde.

          Denn auch auf die Fahrerparade entlang des Circuit de Spa-Francorchamps verzichtet die Formel 1 nicht. Entlang des Abschnitts, in dem der Amerikaner Juan Manuel Correa in das Wrack von Huberts Rennwagen raste, das von der Streckenbegrenzung zurück Richtung Circuit gekreiselt war. Eine Kette an Zufällen und in Sekundenbruchteilen getroffenen Entscheidungen führte ins Unglück, keine 24 Stunden vor dem Formel-1-Start. Der Unfallhergang ist im Detail ungeklärt. Bislang sind die aufschlussreichsten Aufnahmen, die den tragischen Crash zeigen, die Bilder von den Onboardkameras der Autos, nicht öffentlich geworden. Und doch steht fest, dass ein Rennunfall Hubert aus dem Leben gerissen hat, wie er wieder und wieder vorkommen kann, obwohl die europäischen Rennserien von einem typischen Crash mit dieser schrecklichen Konsequenz seit vielen Jahren verschont blieben.

          Als der Franzose Jules Bianchi im Herbst 2014 beim Formel-1-Rennen in Suzuka so schwer verunglückte, dass er das Bewusstsein nicht wieder erlangte und schließlich Monate später starb, war ein Taifun über Japan aufgezogen. Auf der Piste stand Wasser, am Pistenrand ein Bergekran, der ein gestrandetes Auto bergen sollte und für Bianchi zur tödlichen Falle wurde. Außergewöhnliche Umstände, die bei der Frage nach der Schuld zu präzisen Antworten führten. Fünf Jahre später, am Samstag in Spa, waren die Umstände des Formel-2-Rennens, wie sie besser nicht hätten sein können. Die Sonne schien, es war spätsommerlich warm, 19 junge Männer und eine Frau machten sich um 17 Uhr auf die Jagd nach dem Sieg, nach Aufmerksamkeit, nach so viel Renommee, Sponsorengeld, dass es schon bald reichen möge für den Aufstieg in die Formel 1.

          So ist es Charles Leclerc gelungen zuletzt, George Russell, Alex Albon, Pierre Gasly, Lando Norris. Die Formel 1 schöpft regelmäßig aus dem Talentereservoir der Formel 2, wo mit Mick Schumacher einer unterwegs ist, dessen Nachname für die Formel 1 steht wie kein anderer auf dem Globus. Der Generationswechsel der berühmtesten Rennserie der Welt wird erst vollständig vollzogen sein, wenn Lewis Hamilton und Sebastian Vettel ihre Karrieren beenden. Er ist aber in vollem Gange. Anthoine Hubert war Meister der GP3 im vergangenen Jahr, Mitglied der Nachwuchsförderung von Renault, Sieger von zwei Rennen in der Formel 2 in dieser Saison. Er hatte Talent, er stand auf der Liste für die Formel 1. Nahezu jeder Formel-1-Pilot äußerte Beileid, Mitgefühl und Trauer, als der Internationale Automobil-Verband Fia um kurz vor sieben am Abend bekannt gab, dass Hubert tot ist. Esteban Ocon, im kommenden Jahr für Renault unterwegs, und Leclerc veröffentlichten Kinderbilder mit sich und Hubert. Kinder in Rennoveralls, mit Milchgesichtern und Kinderfrisuren.

          Und doch vergingen nur wenige Stunden, bis klar war, dass zwar das Formel-2-Rennen am Sonntag abgesagt werden würde, nicht aber der Große Preis von Belgien, nicht einmal die Fahrerparade. Ist das richtig? Der Streckenbetreiber meldete am Samstagabend, das alle Aktivitäten abgesehen vom Formel-2-Rennen wie geplant stattfinden. Da hat also jemand überlegt, dass es Menschen geben wird, die eine Absage für möglich erachteten. Die Formel 1 hat in den vergangenen Jahren, mit der Einführung der Hybridmotoren, mit der Verabschiedung von Bernie Ecclestone, ja, selbst mit der Abschaffung der „Grid-Girl-Show“, an einem neuen, gereiften, zeitgemäßen Image gearbeitet. Und findet an diesem Sonntag doch keine Zeit, würdig  innezuhalten, das  Rennen abzusagen. Dabei steht das nächste am kommenden Sonntag in Monza an. The show must go on. Es ist das alte Motto. Und die alte Formel 1.

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