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Rallye-WM : Ein Este wird der Erste sein

  • -Aktualisiert am

Auf Titelkurs: Seit Tänak kaum noch abseits der Strecke landet, geht es aufwärts. Bild: dpa

Der Rallyefahrer Ott Tänak ist drauf und dran, die Ära der französischen Rallye-Sieger zu beenden. Außerdem wird er nach der Rallye Deutschland eine Entscheidung bekannt geben.

          Die Rallye-WM steht vor einer Wachablösung. Zum ersten Mal seit 15 Jahren könnte der Weltmeister nicht aus Frankreich kommen und Sébastien mit Vornamen heißen. Zum deutschen WM-Lauf, der an diesem Donnerstag am Bostalsee in der Nähe von Saarbrücken startet, kommt der Este Ott Tänak als überlegener Spitzenreiter. Gewinnt er wie in den vergangenen beiden Jahren, wäre ihm bei vier noch ausstehenden Rallyes der Titel kaum noch zu nehmen.

          Der wortkarge und blasse Blonde von der Ostseeinsel Saaremaa würde damit nicht nur die Ära der Franzosen Sébastien Loeb (Weltmeister 2004 bis 2012 jeweils mit Citroën) und Sébastien Ogier (Weltmeister 2013 bis 2016 mit Volkswagen, 2017 und 2018 mit Ford) beenden. Tänak wäre gleichzeitig der erste Automobil-Weltmeister aus einem der baltischen Staaten. Und würde seine Heimat endgültig ins kollektive Rallyefieber stürzen. Die ehemalige Sowjetrepublik, die seit der Unabhängigkeit 1990 Spitzensportler höchstens in so wenig spektakulären Disziplinen wie Diskuswerfen und Sumo-Ringen hervorbrachte, hat Tänak bereits 2017 zum „Sportler des Jahres“ gekürt.

          Nicht wenige seiner rund 1,3 Millionen Landsleute reisen mit Tänak um die Welt. Estnische Flaggen sind am Rande der Wertungsprüfungen meist in der Überzahl, sogar in Australien oder Chile. Ein mehr als zwei Stunden langer Film über Tänaks Leben avancierte in Estlands Kinos zur bislang bestbesuchten Dokumentation. „Ich wollte eigentlich nur was haben, was ich später mal meinen Kindern zeigen kann“, sagt Tänak, der mit Ehefrau Janika einen Sohn und eine Tochter hat.

          Ein unvorstellbares Gefühl

          Die Esten lieben Tänak, weil er einer von ihnen ist. Aus einfachen Verhältnissen stammend, stieg er über Meistertitel in Estland in die WM auf. Doch nach verheißungsvoller Premiere 2009 geriet die Karriere ins Stocken. Gleich zweimal flog er nach Unfallserien aus dem Ford-Werksteam. Markko Märtin, Anfang der 2000er Jahre erster Rallyesieger aus Estland und eine Zeitlang Mentor von Tänak, verzweifelte an seinem Schützling. Doch der heute 31-Jährige kämpfte sich immer wieder zurück. Symptomatisch dafür ist der Überschlag in einen See während der Rallye Mexiko 2015, bei dem sich Fahrer und Copilot aus dem versinkenden Auto retteten. „Wenn du in einem See liegst, dem Ende deines Lebens nahe und du ums Überleben kämpfst, wenn du diesen Kampf letztlich gewinnst, ist das ein unvorstellbares Gefühl“, erinnert er sich. Keine 24 Stunden später kehrte Tänak in die Rallye zurück – mit dem trockengelegten Auto.

          Der Knoten platzte erst 2017, als er bei Ford ausgerechnet den damals viermaligen Weltmeister Sébastien Ogier als übermächtigen Teamkollegen bekam. „Von ihm habe ich viel gelernt“, gibt Tänak zu. Zum Beispiel, dass man sich an ein Limit auch von unten herantasten kann. Plötzlich landete Tänak nicht mehr bei jeder Rallye mindestens einmal abseits der Strecke. Der erste WM-Sieg gelang ihm 2017 in Italien, inzwischen sind es zehn. Anfang 2018 wechselte Tänak zu Toyota, damals erst ein Jahr in der WM und krasser Außenseiter. In der Fahrerwertung musste Tänak am Saisonende 2018 zwar noch dem Ford-Piloten Ogier den Vortritt lassen. Aber seine vier Siege verhalfen Toyota zur Marken-Weltmeisterschaft.

          Ohnehin gilt der Yaris WRC als das beste Auto im Feld. Die ausgefeilte Aerodynamik wird längst von der Konkurrenz kopiert. Auch der beim ehemaligen Toyota-Formel-1-Team in Köln entwickelte 1,6-Liter-Turbomotor (Leistung mehr als 380 PS) setzt Maßstäbe. Beides macht sich bei schnellen Rallyes bezahlt, zu denen auch der deutsche WM-Lauf zählt, der an der Mosel, auf dem Truppenübungsplatz Baumholder und im Saarland ausgetragen wird.

          Allerdings ist die Technik auch der Schwachpunkt des Toyota. 2019 gewann Tänak zwar bereits vier WM-Läufe, doppelt so viele wie die Verfolger Ogier (Citroën) und Thierry Neuville (Hyundai). Doch Defekte kosteten Tänak wie schon im Vorjahr weitere Siege. In Italien verlor er wenige Kilometer vor dem Ziel die Führung, weil die Servolenkung ausfiel. Entsprechend sauer war Tänak auf seine Mannschaft. Noch hat er seinen Ende 2019 auslaufenden Toyota-Vertrag nicht verlängert, Ford und Hyundai haben Interesse signalisiert. Nach der Rallye Deutschland will Ott Tänak seine Entscheidung bekanntgeben.

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